Breitling-Chef Kern zum Zoll-Krieg: „Die Schweiz ist Geisel der Pharmaindustrie“

Die Schweizer Uhrenbranche steht unter Schock: Die US-Regierung verhängt einen Strafzoll von 39 Prozent auf Schweizer Uhrenexporte. Besonders betroffen: Traditionsmarken wie Breitling, deren CEO Georges Kern jetzt Klartext spricht.

„Ich bin fassungslos über dieses Verhandlungsergebnis“, sagt Kern aktuell im Gespräch mit der NZZ. „Man hat sich von falschem Optimismus leiten lassen und dabei völlig verkannt, was Präsident Trump wirklich antreibt: der Kampf gegen die hohen Gesundheitskosten in den USA.“

Kern wirft der Schweizer Regierung vor, die geopolitischen Prioritäten falsch eingeschätzt zu haben. In einem Land ohne flächendeckendes Versicherungssystem, so Kern, laste der Druck der Medikamentenpreise direkt auf der Bevölkerung – und auf der Politik. „Trump sieht in der Pharmaindustrie, die in den USA traumhafte Margen erzielt, den Hauptverantwortlichen. Aber anstatt dort anzusetzen, trifft es nun Branchen wie unsere, die mit diesen Preisen nichts zu tun haben.“

Doch während Uhren- und Maschinenbauer die Zölle zahlen müssen, bleibt die Pharmaindustrie – zynischerweise – verschont. „Die Schweiz ist in Geiselhaft der Pharma. Es trifft alle exportorientierten Branchen – nur die Pharma nicht“, kritisiert Kern.

Wie also weiter? Für Unternehmen wie Breitling bleiben laut Kern nur wenige Hebel: Effizienzsteigerungen, Preisanpassungen über alle Märkte hinweg – aber keine Panikreaktionen. „40 Prozent Preisaufschlag wären der Todesstoß für den US-Markt“, warnt er.

Simeon Probst, Leiter für Zoll- und Handelsberatung bei PwC Schweiz, bestätigt den Ernst der Lage. „Viele Unternehmen haben das Thema Zoll unterschätzt. Nun rächt sich das. Wer nicht lückenlos belegen kann, woher seine Produkte stammen, zahlt drauf.“ Dabei gäbe es Möglichkeiten, den Schaden zu begrenzen: Unternehmen könnten Fertigungsprozesse in die EU verlagern oder Komponenten in den USA zusammensetzen, um so niedrigere Zolltarife zu nutzen. Doch das erfordere präzise Nachweise und digitale Track-and-Trace-Systeme, die vielen noch fehlen.

Probst berichtet von einem wahren Ansturm auf seine Beratung. „Der Megazoll aus Washington hat alle aufgeschreckt. Jetzt muss jedes Unternehmen seine Lieferketten zollstrategisch neu denken.“