Die Fahrgäste des ICE 616 von München nach Hamburg hatten am 16. September eine Geduldsprobe zu bestehen. Zunächst musste der Zug wegen eines erkrankten Mitarbeiters im Stellwerk Umwege über Ulm und Aalen nehmen, was die Ankunft um mehr als eine Stunde verzögerte. Kaum war Köln erreicht, kam der nächste Schock: Der Zug endete dort. Offizielle Begründung: „kurzfristiger Personalausfall“. Für die Reisenden hieß das: aussteigen, Anschlusszüge suchen, Termine absagen.
Doch die Begründung könnte nur die halbe Wahrheit sein. Wie der Spiegel berichtet, tauchte am Morgen desselben Tages in einem internen Chat der Verkehrsleitzentrale eine Anweisung auf: „Zug fällt zur Verbesserung der Statistik ab Köln aus.“ Mehrere Bahnmitarbeiter bestätigten dem Magazin, dass solche Eingriffe kein Einzelfall sind. Hintergrund: Ein ausgefallener Zug taucht nicht in der Pünktlichkeitsstatistik auf, die der Bahnvorstand täglich auf seinem „Dashboard“ sieht und bei Pressekonferenzen präsentiert. Am Tag des Ausfalls lag diese Quote bei nur 49,2 Prozent.
DB spricht von Einzelfällen
Der Fall zeigt, wie groß der Druck im Konzern geworden ist, Zahlen zu schönen. Die Deutsche Bahn steckt mit 22 Milliarden Euro tief in der Kreide und verbuchte im ersten Halbjahr 2025 einen Verlust von 760 Millionen Euro. Laut Spiegel werden Züge nach solchen Abbrüchen oft leer weitergefahren – hunderte Kilometer ohne Fahrgäste, nur damit sie am nächsten Einsatzort pünktlich bereitstehen. „Wir fahren Strom durch die Gegend“, zitiert das Magazin einen Disponenten.
Die Bahn reagierte auf Nachfragen ausweichend. Man betonte, es handle sich um Einzelfälle, die den Fahrgästen schnellere Anschlussmöglichkeiten eröffnen sollten. Die Formulierung im Chat sei „falsch“ gewesen, mit dem Mitarbeiter habe man gesprochen.
Für die Passagiere, die in Köln stranden, ändert das wenig. Für sie bleibt der Eindruck, dass die Bahn lieber ihre Statistik schützt als ihre Kunden.