15 Monate länger leiden - oder ein kleines Vermögen bezahlen

Der Fall eines vierjährigen Buben zeigt, wie tief Österreich bereits in der Zweiklassenmedizin steckt. Lange Wartezeiten, überfüllte Gänge und Migration treiben das System an den Rand des Kollapses.

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Štandard/Midjourney

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Štandard/Midjourney

An einem Dienstagvormittag sitzt die Familie H. in der Ambulanz eines Wiener Spitals. Ihr vierjähriger Sohn hört seit Monaten schlecht, die Sprachentwicklung hinkt hinterher. Diagnose: vergrößerte Rachenmandeln, Flüssigkeit im Mittelohr. Die Empfehlung der HNO-Ärztin ist eindeutig – eine Operation wäre dringend nötig, um bleibende Schäden zu verhindern.

Dann der Schlag ins Gesicht: „In einem öffentlichen Spital bekommen Sie einen OP-Termin in etwa 15 Monaten.“ Ein Jahr und drei Monate Wartezeit für einen Routineeingriff. Für die Eltern ist das keine Option – sie sehen, wie ihr Kind zurückbleibt, wie es im Kindergarten isoliert ist, weil es die anderen Kinder nicht versteht.

Sie treffen eine Entscheidung, die tausende Familien in Österreich treffen müssen - die sich aber nur ein Bruchteil der Betroffenen leisten kann: Sie zahlen selbst. 5000 Euro kostet die Operation in einer Privatklinik. Vierzehn Tage später ist ihr Sohn operiert – er hört wieder, spricht wieder besser. „Wir zahlen fast die Hälfte unseres Gehalts an Steuern und Abgaben – Österreich hat mit 43,2 Prozent eine der höchsten Abgabenquoten Europas – und dann müssen wir die OP trotzdem selbst finanzieren. Wofür werde ich eigentlich jedes Monat geschröpft?“, fragt der Vater.

Der Fall der Familie H. ist kein Einzelfall, sondern Symptom eines Systems, das seine Versprechen nicht mehr halten kann. Jahrzehntelang galt Österreichs Gesundheitswesen als „eines der besten der Welt“. Jeder sollte gleich behandelt werden, unabhängig vom Einkommen. Heute zeigt sich: Gleich sind nur die Wartezeiten – und die sind lang. Wer einen Kassen-HNO-Termin braucht, wartet in Wien drei bis sechs Monate, beim Hautarzt oft noch länger. Für planbare OPs wie Polypen- oder Mandeloperationen bei Kindern sind Wartezeiten von einem Jahr keine Seltenheit. Für die Entwicklung eines kleinen Kindes können zwölf Monate entscheidend sein.

Wien trägt einen besonders schweren Rucksack. Die Hauptstadt ist nicht nur Magnet für Menschen aus dem Ausland, sondern auch für Patienten aus Niederösterreich und dem Burgenland. Sie kommen, weil hier die Spitäler moderner sind, Spezialambulanzen haben oder schlicht schneller Termine vergeben – jedenfalls im Vergleich zu manch kleinem Landeskrankenhaus.

Laut Wiener Gesundheitsverbund stammt ein beträchtlicher Teil der stationären Patienten aus anderen Bundesländern. Diese Behandlungen werden zwar über die Bundesgesundheitsagentur rückerstattet, decken aber nicht immer die vollen Kosten. Die Stadtpolitik kritisiert seit Jahren, dass Wien für einen großen Teil der überregionalen Versorgung aufkommt.

Migration als zusätzlicher Druckfaktor

Und dann ist da noch der Elefant im Raum: die Zuwanderung. Seit 2015 ist die Bevölkerung Wiens um mehr als 200.000 Menschen gestiegen. Das entspricht fast der gesamten Bevölkerung von Graz – nur ohne neue Spitäler, ohne zusätzliches Personal.

In Notaufnahmen liegt der Anteil der Patienten ohne ausreichende Deutschkenntnisse laut Gesundheitsverbund in manchen Abteilungen bei über 50 Prozent. Dolmetscher müssen organisiert, Formulare erklärt werden. Studien der Gesundheit Österreich GmbH zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger Notaufnahmen nutzen, oft mangels Hausarzt oder aus Unkenntnis des Systems.

Politisch ist das Thema heikel. Doch die Realität ist klar: Mehr Menschen bedeuten mehr Behandlungen. Ohne Anpassung der Kapazitäten steigt der Druck auf das System.

Die ersten, die das spüren, sind Ärzte und Pflegekräfte. Eine erfahrene Krankenschwester aus einem Wiener Spital warnt im Gespräch mit statement.at: „Wir sind jeden Tag am Rande der gefährlichen Pflege.“ Damit meint sie die Situation, in der so wenig Personal im Dienst ist, dass die Sicherheit der Patienten nicht mehr garantiert werden kann.

Der Wiener Stadtrechnungshof bestätigt den Befund: In seinem Bericht 2023 wurden über 2.100 Fälle dokumentiert, in denen Patienten länger als zwölf Stunden auf einem Gangbett warten mussten – fast doppelt so viele wie noch 2018. Rund 820 Fälle dauerten sogar länger als 24 Stunden.

Der Fall der Familie H. zeigt, wie diese Entwicklung den Alltag verändert. Ihre Entscheidung, die Operation privat zu zahlen, war nicht Luxus, sondern notwendig. Und sie hat den Eltern gezeigt, dass sich das österreichische Versprechen von der Gleichheit in der Versorgung auflöst.

Reformbedarf – aber keine einfache Lösung

Gesundheitsökonomen fordern einen massiven Ausbau der Primärversorgung, mehr Kassenärzte und eine faire Kostenverteilung zwischen Bund und Ländern. Auch der Rechnungshof mahnt, die Bettenkoordinierung und das Entlassungsmanagement weiter zu verbessern.

Solange diese Fragen nicht beantwortet werden, bleibt der Befund eindeutig: Österreich hat längst eine Zweiklassenmedizin. Die Geschichte des vierjährigen Buben ist nur eine von vielen – und sie wird sich wiederholen.