Österreichs Kirchen stehen zunehmend unter Beschuss: Innerhalb weniger Wochen wurden mehrere Sakralbauten in Wien und anderen Bundesländern das Ziel von Vandalismus, Attacken und gezielten Schändungen. Die Meldestelle Christenschutz.at spricht bereits von einem „alarmierenden Ausmaß“ und warnt vor einer neuen Qualität der Angriffe auf christliche Einrichtungen.
Besonders betroffen ist Wien. Innerhalb von nur zehn Tagen meldete die Meldestelle mehrere Vorfälle: In der Pfarre „Zum göttlichen Wort“ in Favoriten wurden Teile des Kirchenraums so schwer beschädigt, dass der Zutritt vorübergehend eingeschränkt werden musste. An der Fassade der Paulanerkirche in Wieden hinterließen unbekannte Täter rote Farbschmierereien, die nur mit großem Aufwand entfernt werden konnten. Außerdem wurde eine NS-Gedenkstätte des Österreichischen Cartellverbands (ÖCV) beschädigt und der Gebetsgarten am Marchfeldkanal verwüstet.
Die Erzdiözese Wien reagierte umgehend: Der Kirchenraum von „Zum göttlichen Wort“ bleibt nur noch während der Gottesdienste geöffnet, um weitere Übergriffe zu verhindern. „Wir sind gezwungen, unsere Kirche wie ein Hochsicherheitsgebäude zu behandeln“, sagte der zuständige Pfarrer gegenüber Medien.
Dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, zeigt auch der aktuelle Hate-Crime-Lagebericht 2024. Demnach wurden 63 religiös motivierte Sachbeschädigungen an Sakralbauten registriert – 50 davon betrafen christliche Einrichtungen. Darüber hinaus zählten die Behörden zwölf körperliche Angriffe und acht gefährliche Drohungen mit christenfeindlichem Hintergrund. Experten warnen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte, weil viele Fälle nicht angezeigt werden.
Gewalt auch in den Bundesländern
Nicht nur in Wien, auch in den Bundesländern häufen sich die Meldungen. In St. Ulrich bei Steyr wurde ein wertvolles Evangeliar, ein liturgisches Buch, auf einem Seitenaltar so schwer beschädigt, dass jede Seite in der Mitte aufgerissen war. Der Pfarrer sprach von einer „bewussten Tat, die nur als Angriff auf unseren Glauben verstanden werden kann“.
Auch in Salzburg und Tirol gab es laut Medienberichten Fälle von aufgebrochenen Opferstöcken, zerstörten Statuen und gestohlenen liturgischen Geräten. In vielen Dörfern übernehmen mittlerweile Ehrenamtliche die Aufgabe, Kirchen außerhalb der Messezeiten abzusperren – eine Maßnahme, die es so früher kaum gab.

Über die Motive der Täter gibt es bislang kaum gesicherte Erkenntnisse. Christenschutz.at sieht eine Mischung aus blinder Zerstörungswut, gezielter Christenfeindlichkeit und politischem Extremismus. Auffällig sei, dass viele Taten kurz vor kirchlichen Hochfesten oder in Zeiten hoher medialer Aufmerksamkeit passierten – was auf eine bewusste Symbolik hindeutet.
Religionssoziologen warnen vor einem schleichenden Kulturwandel: „Kirchen sind nicht nur Orte des Glaubens, sondern Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Wenn sie angegriffen werden, trifft das die gesamte Gesellschaft“, sagt der Wiener Theologe Paul Zulehner. Auch die Polizei sieht sich gefordert: Das Innenministerium kündigte an, Präventionsmaßnahmen zu verstärken und mit den Diözesen enger zusammenzuarbeiten.
Politiker aus ÖVP und FPÖ verlangen härtere Strafen und mehr Polizeipräsenz vor gefährdeten Sakralbauten. Die Stadt Wien prüft laut eigenen Angaben, ob besonders betroffene Pfarren technische Unterstützung wie Videoüberwachung erhalten können. Gleichzeitig warnen Kirchenvertreter vor einer „Bollwerk-Mentalität“. Ziel müsse es sein, die Kirchen offen zu halten, ohne sie zu Festungen zu machen.
Symbolwirkung der Angriffe
Die Zunahme von Angriffen hat eine starke symbolische Dimension. Kirchen sind sichtbare Zeichen des Christentums im öffentlichen Raum. Ihre Schändung wird von Beobachtern als Versuch gedeutet, die gesellschaftliche Bedeutung von Religion zu schwächen. „Wenn Kreuze umgestoßen oder Kirchenfassaden beschmiert werden, soll das eine Botschaft sein: Ihr gehört nicht mehr hierher“, sagt ein Sprecher von Christenschutz.at.
Die Diskussion geht weit über den kirchlichen Bereich hinaus. Kulturhistoriker verweisen darauf, dass Kirchengebäude häufig unter Denkmalschutz stehen und somit Teil des kulturellen Erbes sind. Ihre Beschädigung bedeutet nicht nur einen Angriff auf den Glauben, sondern auch einen Verlust für alle Bürger – unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung.
Ob der Trend gestoppt werden kann, ist offen. Kirchenverantwortliche appellieren an die Zivilgesellschaft, wachsam zu bleiben und verdächtige Beobachtungen zu melden. Gleichzeitig fordern sie von der Politik, dem Schutz religiöser Stätten Priorität einzuräumen. Klar ist: Österreichs Kirchen stehen derzeit so stark unter Druck wie selten zuvor. Und jeder neue Vorfall verstärkt das Gefühl, dass ein Teil des öffentlichen Raums umkämpft ist.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt, den Spieß umzudrehen – und Kirchen wieder als das wahrzunehmen, was sie eigentlich sein sollen: offene Orte des Gebets, der Begegnung und des kulturellen Gedächtnisses.