Noch vor wenigen Jahren galt die FPÖ als angeschlagen. Das „Ibiza-Video“ von 2019 hatte die Partei in eine tiefe Krise gestürzt, bei der Nationalratswahl 2019 fiel sie auf 16,2 Prozent zurück. Die Jahre danach waren geprägt von internen Machtkämpfen, sinkendem Wählervertrauen und einer Regierungskoalition aus ÖVP und Grünen, die die Themenhoheit beanspruchte. Die FPÖ dümpelte in den Umfragen oft zwischen zehn und 15 Prozent.
Die Covid-19-Pandemie brachte die Wende. Während die Regierung unter Sebastian Kurz und später Karl Nehammer auf harte Maßnahmen setzte, positionierte sich die FPÖ früh als kritische Stimme. Die Skepsis gegenüber Lockdowns, Maskenpflicht und Impfzwang gab der Partei eine neue Klientel. Viele Bürger, die sich von der Regierung gegängelt fühlten, fanden in der FPÖ ein Sprachrohr. Gleichzeitig verlor die SPÖ unter Pamela Rendi-Wagner an Strahlkraft. Ihre Versuche, die Partei in der Pandemie als sachliche Oppositionskraft zu positionieren, blieben wirkungslos. Die Sozialdemokratie kam in Umfragen nur selten über 25 Prozent hinaus und musste ihre Führungsrolle gegenüber der Volkspartei abgeben. Erst mit der Kür von Andreas Babler zum Parteichef 2023 kam wieder Bewegung in die Partei, doch sein linkspopulistischer Kurs spaltet bis heute.
Kanzlerfrage 2025: Kickl weit vorn
Im September 2025 hat sich das Bild grundlegend gedreht: Laut aktueller Kanzlerfrage der Lazarsfeld Gesellschaft für oe24.at würden 42 Prozent der Österreicher Herbert Kickl direkt zum Kanzler wählen. Ein Plus von drei Prozentpunkten gegenüber der Vorwoche. ÖVP-Kanzler Christian Stocker liegt mit 18 Prozent abgeschlagen auf Platz zwei, SPÖ-Chef Andreas Babler mit 14 Prozent noch dahinter. Beate Meinl-Reisinger von den Neos erreicht 10 Prozent, Leonore Gewessler von den Grünen 8 Prozent.
Die Unzufriedenheit mit der Dreier-Koalition aus ÖVP, SPÖ und Neos bleibt groß: 50 Prozent der Bevölkerung sind mit ihrer Arbeit unzufrieden, nur 24 Prozent sehen sie positiv. Vor diesem Hintergrund tritt Kickl am Samstag beim FPÖ-Parteitag in Salzburg zur Wiederwahl als Obmann an. Erwartet werden rund 850 Delegierte. Kickl kündigt an, den Kurs der „Volkskanzlerschaft“ fortzusetzen – ein politisches Projekt, das er als „Erneuerung für Österreich“ beschreibt. „Das bedeutet eine Redemokratisierung in Österreich“, so Kickl. Ziel sei es, die Machtverhältnisse „zugunsten der Bevölkerung“ zu verschieben. Für die FPÖ könnte dies der entscheidende Schritt auf dem Weg in die Regierung sein – und für Kickl die historische Chance, als erster FPÖ-Kanzler in die Geschichte einzugehen.
Auch bei der Bundespräsidentenwahl 2028 will die FPÖ einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken. Namen nannte Kickl nicht, sprach aber von einem „Joker“. 2016 hatte Norbert Hofer in der Stichwahl 46,2 Prozent erreicht und damit fast die Hofburg erobert – ein Wert, den Kickl nun als Maßstab sieht.
Seine außenpolitischen Positionen sind klar: Er warnt vor einer Eskalation in der Ukraine und fordert eine Annäherung zwischen Europa und Russland. Ziel müsse eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur sein, nicht eine Neuauflage des Kalten Krieges. Dabei verweist er auf John F. Kennedys Vorgehen in der Kubakrise: besonnen, nicht eskalierend.
Der Aufstieg der FPÖ ist nicht nur ein Ergebnis von Krisenstimmung und Vertrauensverlust in die Regierung, sondern auch von klarer Strategie. Kickl vermeidet die permanente Medienpräsenz vieler Konkurrenten. „Ich halte nichts von Politikern, die in jedes Mikrofon hineinbeißen, bis sich die Leute belästigt fühlen“, erklärte er kürzlich. Stattdessen setzt er auf gezielte Botschaften und Inszenierungen, die seine Themen in den Mittelpunkt stellen: Migration, Neutralität, Korruptionsbekämpfung.
Von Wahlerfolg zu Wahlerfolg
Historisch betrachtet hat die FPÖ seit 2020 einen beispiellosen Weg zurückgelegt: vom einstigen Juniorpartner in der türkis-blauen Koalition, über den Absturz nach Ibiza, hin zur stärksten Partei des Landes. Selbst unter Sebastian Kurz, der lange als unangefochten galt, lag die ÖVP in Umfragen meist zwischen 35 und 40 Prozent – Werte, die die FPÖ nun erreicht oder sogar übertrifft. Unter Karl Nehammer setzte dann der Niedergang der Volkspartei ein.
In Landtagswahlen hat sich dieser Trend bereits gezeigt: In der Steiermark stieg die FPÖ 2024 um 17,3 Prozentpunkte auf 34,8 Prozent. In anderen Bundesländern konnte sie ähnliche Zugewinne verbuchen. Der Abstand zum nächsten Konkurrenten wächst – und damit auch der Druck auf die ÖVP, sich neu aufzustellen. Die SPÖ wiederum kämpft mit internen Spannungen. Bablers Kurs, der zwischen linker Basisarbeit und populistischen Ansagen schwankt, überzeugt viele Wähler nicht. Das Resultat: Stagnation oder Rückschritt in den Umfragen.
Alles deutet darauf hin, dass Österreich vor einer politischen Zäsur steht. Sollte die FPÖ ihren Höhenflug halten, könnte Herbert Kickl nicht nur die nächste Nationalratswahl gewinnen, sondern auch den Weg für eine erstmals von der FPÖ geführte Bundesregierung ebnen. Der politische Wettbewerb wäre damit völlig neu geordnet.