Mit dem Tempoeffekt in den Abgrund: Zu wenig Kinder, zu viele Pensionisten, zu viele Migranten

Mehr als die Hälfte der in Wien geborenen Babys hat bereits eine ausländische Mutter. Experten warnen: Ohne Reformen im Pensionssystem und bessere Familienpolitik droht eine Versorgungskrise.

Illustrationsfoto. Foto: Heinz M. Jurisch/ullstein bild via Getty Images

Illustrationsfoto. Foto: Heinz M. Jurisch/ullstein bild via Getty Images

Österreich befindet sich in einem demografischen Umbruch, dessen Konsequenzen bislang nicht konsequent in politische Maßnahmen übersetzt wurden. Die Bevölkerungsstruktur verändert sich tiefgreifend: Die Zahl der Geburten sinkt, die Lebenserwartung steigt, und das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Pensionsbeziehern verschlechtert sich kontinuierlich.

Während 2024 die Gesamtfertilitätsrate bei 1,31 Kindern pro Frau lag, wäre ein Wert von 2,1 notwendig, um die Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung stabil zu halten. Der Abstand zwischen dem Ist- und dem Soll-Wert vergrößert sich damit seit Jahren.

Im Jahr 2023 wurden 77.605 Kinder geboren – um 6,5 Prozent weniger als im Jahr zuvor und um 10,2 Prozent weniger als im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019. In Wien fiel der Rückgang besonders stark aus: minus 6,2 Prozent gegenüber 2022 und minus 11,4 Prozent im Vergleich zum Fünfjahresschnitt. Parallel steigt das Alter der Mütter bei der Geburt, und vor allem Zweit- und Drittkinder nehmen ab. Demografen sprechen hier vom Tempoeffekt: Wenn Paare ihre Familiengründung immer weiter verschieben, sinkt die periodische Fertilitätsrate – und ein Teil der verschobenen Geburten wird am Ende nicht mehr realisiert.

Grafik: Statement.at

Hinzu kommt eine deutliche Verschiebung in der Herkunftsstruktur. In Wien hatten 2022 mehr als die Hälfte der Neugeborenen eine Mutter, die im Ausland geboren wurde. Ein signifikanter Anteil stammt aus Ländern mit traditionell hohen Geburtenraten – vor allem aus islamisch geprägten Regionen. Dieser Zuzug trägt kurzfristig zur Stabilisierung der Bevölkerungszahl bei, verändert aber langfristig die kulturelle und religiöse Zusammensetzung der Gesellschaft.

Gleichzeitig verliert die katholische Kirche seit Jahren Mitglieder. Kirchenaustritte haben in den vergangenen Jahren Rekordwerte erreicht, und der Anteil der katholischen Bevölkerung ist auf unter 55 Prozent gefallen. Damit verschwinden nicht nur kirchliche Bindungen, sondern auch kulturelle und moralische Leitplanken, die über Jahrhunderte die Familienstruktur prägten. Der biblische Auftrag „Seid fruchtbar und mehret euch“ hat seinen verpflichtenden Charakter in der Mehrheitsgesellschaft weitgehend verloren – Kinder sind heute eine individuelle Lebensentscheidung, keine religiöse Selbstverständlichkeit.

Die Geburtenraten nach Nationalitäten sprechen eine eindeutige Sprache

Die Folgen für das Pensionssystem sind absehbar. Derzeit finanzieren drei Erwerbsfähige einen Pensionisten, in den 2040er-Jahren könnte dieses Verhältnis auf zwei zu eins sinken. Da das österreichische Umlagesystem keine automatische Anpassung an demografische Parameter kennt, reagiert es erst dann, wenn politische Beschlüsse gefasst werden – häufig unter Zeitdruck und mit kurzfristigen Maßnahmen. Die Angleichung des Frauenpensionsalters bis 2033 ist zwar ein wichtiger Schritt, ersetzt aber keinen dauerhaften Stabilitätsmechanismus, der Beitragssätze, Leistungsniveau und Antrittsalter automatisch an die Lebenserwartung koppelt.

Auch die Rahmenbedingungen für Familiengründungen sind unzureichend. Österreich weist einen der höchsten Abgabenkeile in der OECD auf – über 47 Prozent –, was insbesondere Zweitverdiener belastet. Für viele Mütter lohnt sich der Wiedereinstieg in den Beruf nach der Karenz finanziell kaum. Gleichzeitig sind die Betreuungsangebote nicht flächendeckend vollzeitkompatibel: Rund 40 Prozent der Kinder unter fünf Jahren haben keinen Platz, der eine echte Vollzeitbeschäftigung der Eltern ermöglicht. Besonders bei Kleinkindern unter drei Jahren besteht Nachholbedarf.

Die Wohnraumsituation wirkt zusätzlich hemmend. Die Eigentumsquote liegt bei nur 55 Prozent, die Kaufnebenkosten erreichen bis zu zehn Prozent des Kaufpreises. Junge Familien scheitern daher oft am Eigentumserwerb und bleiben in teuren Mietwohnungen gebunden – mit erheblichen Auswirkungen auf das verfügbare Einkommen.

Vor allem für kleine Kinder gibt es wenig Betreuungsangebote

Wo sind die Ideen der Bundesregierung?

Was bislang fehlt, ist eine kohärente, langfristige Strategie. Viele Maßnahmen – von der Erhöhung des Familienbonus bis zum Ausbau der Betreuung – sind sinnvoll, bleiben aber Stückwerk. Es gibt keine verbindlichen Zielpfade für Fertilitätsraten, Erwerbsquoten oder Pensionsfinanzierung, die regelmäßig überprüft und nachgesteuert werden. Eine systematische Evaluierung der Wirksamkeit familienpolitischer Instrumente findet nur punktuell statt.

Fachleute fordern daher einen Paradigmenwechsel: Das Pensionssystem braucht einen gesetzlich verankerten Nachhaltigkeitsmechanismus, der automatisch auf demografische Veränderungen reagiert. Familienpolitik sollte sich stärker an Lebensverläufen orientieren, Erwerbsanreize setzen und den Eigentumserwerb erleichtern. Notwendig sind auch ein bundesweit einheitlicher Ausbau der Kinderbetreuung mit verlässlichen Öffnungszeiten, die Reduktion von Kaufnebenkosten für Familien und steuerliche Entlastungen, die gezielt den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt fördern.

Die Zahlen lassen keinen Interpretationsspielraum: Die Fertilitätsrate sinkt, die Alterung beschleunigt sich, die katholische Prägung der Gesellschaft schwindet, während Migration aus Ländern mit höheren Geburtenraten zunimmt. Österreich steht damit nicht nur vor einer ökonomischen, sondern auch vor einer kulturellen und identitätsstiftenden Frage. Wer heute investiert – in Familien, in Bildung, in Infrastruktur – sorgt dafür, dass das Land auch morgen über genügend Beitragszahler verfügt und das Pensionssystem tragfähig bleibt. Das Zeitfenster dafür ist jedoch begrenzt.