Das Ende der Mittelschicht – warum Österreichs Rückgrat bröckelt

Jahrzehntelang war sie das Rückgrat der Gesellschaft – fleißig, steuerzahlend, bescheiden im Konsum. Doch Österreichs Mittelschicht gerät zunehmend unter Druck: steigende Steuern, stagnierende Einkommen, wachsende Ungleichheit.

Wer in Österreich arbeitet, spart und sich etwas aufbauen will, gehört zu einer aussterbenden Spezies. Die klassische Mittelschicht – einst Garant für Stabilität, Wohlstand und soziale Balance – wird Jahr für Jahr kleiner. Das zeigen aktuelle Daten von Statistik Austria und der OECD: Zwischen 2005 und 2025 ist der Anteil jener Haushalte, die sich zur mittleren Einkommensgruppe zählen lassen, von rund 64 auf nur noch etwa 55 Prozent gesunken.

Was nach einer statistischen Verschiebung klingt, hat tiefgreifende Folgen. Immer mehr Menschen fallen unter die Armutsgefährdungsschwelle, während jene, die den Staat am Laufen halten, zunehmend überfordert sind. Dazwischen: Millionen, die zwar arbeiten, aber kaum noch Vermögen aufbauen können – weil die Abgabenquote steigt und die Preise explodieren.

Österreich zählt zu den Hochsteuerländern Europas. Laut OECD liegt die Steuer- und Abgabenquote bei 42,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – Rang vier unter allen Industriestaaten. Besonders betroffen sind Arbeitnehmer und Selbständige, die kaum Gestaltungsspielraum haben. Ein Durchschnittsverdiener verliert inklusive Sozialabgaben mehr als die Hälfte seines Bruttolohns an den Staat. Zwar wurde die kalte Progression offiziell abgeschafft, doch durch neue Steuern, Gebührenerhöhungen und Sozialbeiträge bleibt die Belastung real unverändert.

Hinzu kommt die Inflation: Seit 2020 sind die Preise um mehr als 20 Prozent gestiegen. Energie, Wohnen und Lebensmittel fressen das Einkommen auf. Die Löhne konnten nicht Schritt halten – in vielen Branchen liegt der Reallohnverlust bei bis zu zehn Prozent seit Beginn der Teuerung. Was früher selbstverständlich war – eine Wohnung kaufen, Rücklagen bilden, eine Familie ernähren – wird für viele unerreichbar. Besonders stark betroffen sind junge Menschen in Städten wie Wien, wo Mieten und Nebenkosten in den letzten Jahren zweistellig gestiegen sind.

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Die Mitte trägt das Land – und verliert dabei an Boden

Während Großkonzerne und internationale Holdings von globalen Steuerschlupflöchern profitieren, bleibt der heimische Mittelstand der Hauptträger des Systems. Laut einer Analyse des WIFO stammen über 80 Prozent der Einkommensteuerzahlungen von den obersten 20 Prozent der Erwerbstätigen. Diese Gruppe trägt nicht nur den Staatshaushalt, sondern auch den Konsum, die Investitionen und damit das Wachstum. Gleichzeitig wächst der Anteil jener, die keine oder kaum Steuern zahlen, aber Leistungen beziehen – ein Ungleichgewicht, das auf Dauer nicht tragfähig ist.

Auch der Wohnungsmarkt trägt zur Erosion der Mitte bei: Während die Finanzierungskosten steigen und Bauvorschriften Neubauten verteuern, fehlen Anreize für private Investitionen. Wer heute in Wien oder Innsbruck Eigentum erwerben will, stößt auf bürokratische Hürden und hohe Eigenmittelanforderungen. Die Folge: Die Eigentumsquote stagniert, und der Anteil jener, die dauerhaft mieten müssen, wächst.

Einst galt Bildung als Schlüssel zum Aufstieg. Heute reicht ein Studium oft kaum noch, um in sichere Einkommensverhältnisse zu gelangen. Viele Akademiker arbeiten unter ihrem Qualifikationsniveau, Selbständige kämpfen mit hohen Abgaben, und Beamtengehälter stagnieren. Das Versprechen des sozialen Aufstiegs, das die Zweite Republik jahrzehntelang zusammenhielt, verliert an Glaubwürdigkeit. Laut einer Umfrage der Arbeiterkammer sehen zwei Drittel der unter 40-Jährigen ihre Zukunft pessimistischer als die ihrer Eltern. Die Mittelschicht wird nicht nur wirtschaftlich, sondern auch psychologisch ausgehöhlt.

Österreichs Politik versucht, den wachsenden Druck mit immer neuen Entlastungspaketen abzufedern. Doch jedes Hilfsprogramm schafft neue Abhängigkeiten – und verschärft das strukturelle Problem: Der Staat verteilt mehr, als er erwirtschaftet. Wirtschaftsforscher fordern deshalb einen Kurswechsel: niedrigere Abgaben, gezielte Entlastung der arbeitenden und steuerzahlenden Mitte, eine Vereinfachung des Steuersystems und eine Konzentration staatlicher Leistungen auf jene, die sie wirklich brauchen.

Die Mittelschicht war lange das Fundament der Republik. Doch wenn Leistung, Verantwortung und Eigeninitiative nicht mehr belohnt werden, bricht auch das Fundament.