Als Kurt Waldheim Jassir Arafat in die UNO schmuggelte

Kurt Waldheim war ein Diplomat aus einer anderen Zeit – sachlich, verbindlich und unerschütterlich in seiner Überzeugung, dass Konflikte nur durch Gespräche gelöst werden können. In den 1970er-Jahren, als der Kalte Krieg die Welt in zwei feindliche Blöcke teilte, war er einer jener seltenen Männer, die verstanden, dass Diplomatie vor allem dort beginnt, wo sie unbequem wird. Sein Wirken als UNO-Generalsekretär fiel in eine Phase, in der die Vereinten Nationen tatsächlich noch ein Ort des Ausgleichs waren. Eine Episode aus dieser Ära zeigt das deutlicher als viele Geschichtsbücher – und sie sagt gleichzeitig viel über den Zustand der österreichischen Außenpolitik heute.

Es war 1974, die Welt stand im Schatten des Vietnamkrieges, die arabische Welt suchte nach internationaler Anerkennung, und die Palästinenserfrage war zu einem Symbol ungelöster Gerechtigkeit geworden. Der Palästinenserführer Jassir Arafat sollte vor der UNO-Vollversammlung sprechen – ein diplomatisches Novum, das in Washington für blankes Entsetzen sorgte. Für die Amerikaner war Arafat ein Terrorist, für Israel ein Staatsfeind, für viele arabische Staaten jedoch der legitime Vertreter eines Volkes ohne Staat.

Die US-Regierung verweigerte ihm die Einreise. New York war zwar Sitz der Vereinten Nationen, doch das Gelände selbst gilt als extraterritoriales Gebiet – eine Besonderheit, auf der Waldheim bestand und die er für sein Meisterstück der Diplomatie nutzen sollte. „Wenn die UNO ihrem Auftrag gerecht werden will, muss sie allen Beteiligten Gehör verschaffen“, soll er intern gesagt haben. Doch für die USA war Arafat persona non grata. Kein Hotel wollte ihn aufnehmen, kein privater Chauffeur durfte ihn befördern. Damit drohte der gesamte Auftritt zu scheitern.

Doch Waldheim war kein Mann für leere Appelle. Er ließ ein UNO-Dienstfahrzeug – gesteuert von einem österreichischen Diplomaten – bereitstellen, das Arafat direkt vom Flughafen abholte. Auf offener Straße durfte der Palästinenser nur in diesem Wagen sitzen, um eine Festnahme zu vermeiden. Übernachtet hat Arafat schließlich nicht in einem Hotel, sondern in einem Krankenzimmer im UNO-Hauptquartier – „in der Apotheke. Einem kleinen Raum einer UNO-Ärztin“, wie sich ein Zeitzeuge aus dem direkten Umfeld Waldheims gegenüber statement.at erinnert. „Da hat der Arafat dann gewartet und geschlafen.“ Am nächsten Tag hielt er seine Rede – mit den Worten, er komme mit einem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr eines Revolutionärs in der anderen Hand. Ein Satz, der die Welt spaltete, aber auch Hoffnung machte, dass selbst in scheinbar festgefahrenen Konflikten ein Gespräch möglich bleibt.

Österreichs neue Außenpolitik – laut statt vermittelnd

Waldheim hatte getan, was Diplomaten tun sollten: Er hatte Brücken gebaut, nicht Brandmauern. Dass die UNO damals trotz des Kalten Krieges funktionierte, war nicht zuletzt seiner ruhigen, ausgleichenden Art zu verdanken. Doch diese Haltung, dieses instinktive Verständnis für Balance, ist im heutigen Österreich kaum mehr zu finden.

Das Land, das einst stolz war auf seine Neutralität, zeigt sich zunehmend parteiisch. In Interviews und Erklärungen von Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) findet sich selten jener diplomatische Ton, der Österreich über Jahrzehnte zum glaubwürdigen Vermittler machte. Wien, einst Bühne diskreter Friedensgespräche, scheint sich heute mehr als Kommentator denn als Moderator der Weltpolitik zu verstehen.

Dabei war gerade das vorsichtige, verbindende Element immer der österreichische Beitrag zur Weltbühne. Bruno Kreisky führte Wien in den 1970er-Jahren zur internationalen Drehscheibe – ein Ort, an dem sich Amerikaner und Sowjets, Araber und Israelis, Iraner und Europäer trafen, um das zu tun, was anderswo unmöglich war: miteinander reden. Heute dagegen hat sich Österreich mit demonstrativer Parteinahme selbst disqualifiziert.

Reuters
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Im Ukraine-Krieg steht Wien klar auf der Seite Kiews – eine Haltung, die moralisch nachvollziehbar, aber diplomatisch unklug ist: Wer als Vermittler auftreten will, darf keine Seite zum Feind erklären. Der Geist der Neutralität, den Kreisky und Waldheim prägten, war nie Gleichgültigkeit, sondern das Bewusstsein, dass Gesprächskanäle wichtiger sind als Sympathien. Heute ist von diesem Bewusstsein wenig übrig.

Auch im Nahostkonflikt spielt Österreich keine Rolle mehr. Während westliche Staaten fast geschlossen Israel unterstützen, bleibt der Blick auf die palästinensische Seite weitgehend aus. Diplomatische Kontakte, die Wien einst pflegte, sind versiegt. Und gerade jetzt, da sich der Konflikt wieder zuspitzt, wäre eine ausgleichende Stimme gefragt – eine, die das Gespräch sucht, statt mit Statements zu glänzen.

Was Waldheim einst gelang – ein Gleichgewicht zwischen Empathie und Prinzipien –, ist heute kaum mehr denkbar. Er verstand, dass Neutralität nicht bedeutet, keine Meinung zu haben, sondern das Vertrauen aller Seiten zu verdienen. Das war seine Stärke: Er konnte mit Moskau sprechen, ohne Washington zu verprellen, mit Arafat verhandeln, ohne Jerusalem zu beleidigen.

Doch dieser Typus Diplomat ist selten geworden. Wo früher das leise Gespräch zählte, dominiert heute das mediale Signal. Außenpolitik ist in Österreich zunehmend zur Innenpolitik geworden – sie soll Haltung zeigen, statt Wirkung entfalten.

Dialog ist immer besser als Isolation

Die Geschichte, wie Kurt Waldheim Jassir Arafat in die UNO brachte, ist mehr als eine historische Anekdote. Sie erinnert daran, dass Österreich einmal eine moralische und diplomatische Autorität besaß, die weit über seine Größe hinausging. Waldheim handelte nicht aus Kalkül, sondern aus Überzeugung: dass Dialog immer besser ist als Isolation, und dass Diplomatie manchmal bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen.

Heute ist Wien keine Stadt der Vermittlung mehr, sondern eine, die zu oft mit dem Strom schwimmt. Wer den Namen Waldheim nennt, denkt meist an Kontroversen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Er verkörperte vor allem ein Verständnis von Diplomatie, das Österreich einst stark machte – und das ihm heute fehlt.