Österreich steht vor der größten Vermögensverschiebung seiner Geschichte. Laut Nationalbank werden jährlich rund 80 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt – mehr als das gesamte Bildungsbudget der Republik. Vor dreißig Jahren lag das Erbvolumen bei weniger als einem Viertel davon. Der Generationenübergang hat längst begonnen – leise, stetig und mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. Während die Politik über Inflation und Sozialausgaben streitet, verändert sich im Hintergrund die Besitzstruktur des Landes.
Die Statistik Austria zeigt ein klares Muster: Etwa zehn Prozent der Bevölkerung erhalten mehr als 250.000 Euro, während die Mehrheit leer ausgeht oder nur symbolische Beträge bekommt. In Wien liegt der Anteil jener, die nichts oder fast nichts erben, bei mehr als sechzig Prozent. In Niederösterreich oder Tirol sieht es anders aus – dort fließen deutlich höhere Summen, meist in Form von Immobilien.
Diese Unterschiede sind kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklung. In den westlichen Bundesländern liegt die Eigentumsquote deutlich über dem österreichischen Schnitt: Tirol, Vorarlberg und Oberösterreich bewegen sich zwischen 58 und 60 Prozent, das Burgenland erreicht mit 76 Prozent den Höchstwert. In Niederösterreich sind es rund 73 Prozent, während Wien mit 19 Prozent weit abgeschlagen bleibt. Wer Eigentum besitzt, vererbt – wer mietet, konsumiert. Damit prägt der Wohnungsmarkt die soziale Mobilität stärker als jede Steuerreform. In den Regionen mit hoher Eigentumsquote ist das Erbe Teil der Lebensplanung. Häuser, Grundstücke und kleine Unternehmen bleiben in Familienhand, während städtische Haushalte ihren Wohlstand vor allem aus Einkommen bestreiten. Diese Struktur führt dazu, dass Kapital im Westen konserviert, im Osten jedoch verbraucht wird. Wer kein Eigentum besitzt, kann kaum Vermögen aufbauen – ein struktureller Nachteil, der sich über Generationen fortsetzt.

Generationenerbe statt Leistungsgesellschaft
Die Generation der Babyboomer – also jene, die zwischen 1955 und 1970 geboren wurden – hält laut OeNB mehr als 60 Prozent des privaten Vermögens. In den kommenden zwanzig Jahren wird dieses Kapital den Besitzer wechseln. Doch es gelangt nicht zu jungen Gründern oder Familien, sondern zu einer Alterskohorte, die selbst schon auf die Pension zugeht. Das Erbe stabilisiert, aber es erneuert nicht. Neue Unternehmen entstehen dadurch selten; die Erbschaften fließen in Fonds, Eigentumserhalt und Altersvorsorge. Die OeNB-Vermögensstudie (HFCS 2023) zeigt zudem: Eigentum ist in Österreich eine Frage des Alters.
Nur 17 Prozent der unter 35-Jährigen besitzen eine eigene Immobilie, bei den über 65-Jährigen sind es mehr als 70 Prozent. Die Folge ist eine zunehmende Vermögenskonzentration in älteren Händen. Mit dem demographischen Wandel verschiebt sich die Macht über Kapital, Boden und Wohnraum – weg von den Erwerbstätigen, hin zu den Erben.
Gleichzeitig entstehen neue Strukturen, die Vermögen noch weniger zugänglich machen. Rund 3000 Privatstiftungen halten in Österreich Vermögenswerte von geschätzt 90 Milliarden Euro – doppelt so viel wie vor fünfzehn Jahren. Diese rechtlichen Konstruktionen sichern Kapital über Generationen hinweg und machen es weitgehend unverfügbar für die Allgemeinheit. Während kleine Häuser auf dem Land in Familien bleiben, wird institutionelles Kapital hinter juristischen Wänden verwaltet.

Eigentum als neue Grenze zwischen Stadt und Land
Die Konzentration des Vermögens schreitet weiter voran. Laut OeNB besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung rund 40 Prozent des Gesamtvermögens, das oberste Zehntel knapp 70 Prozent. Das untere Drittel hat kaum oder gar kein Nettovermögen. Diese Schere zeigt sich auch regional: Der Westen profitiert von weitergegebenem Eigentum, während der Osten zunehmend von Mieten, Konsum und Schulden geprägt ist. Besonders problematisch ist, dass die Immobilienpreise seit Jahren weit stärker steigen als die Einkommen. In Städten kostet eine Eigentumswohnung heute im Schnitt das 18-Fache eines durchschnittlichen Jahresgehalts – doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Für junge Familien ohne Erbe ist Wohneigentum damit faktisch unerreichbar. In den Regionen mit hoher Eigentumsquote wird dagegen weitergebaut und vererbt, oft schuldenfrei.
Damit droht Österreich in zwei Klassen zu zerfallen: jene, die von der Erbschaftswelle profitieren, und jene, die sie nicht erreichen. Wer erbt, kann Vermögen sichern oder ausbauen, wer nicht, verliert den Anschluss. Wenn diese Entwicklung anhält, wird sich das Land still in einen Besitzstaat verwandeln – stabil, aber unbeweglich. Die politische Debatte meidet das Thema, weil es unbequem ist. Doch die Frage, wem Österreich in dreißig Jahren gehört, ist längst keine theoretische. Sie entscheidet über Chancengleichheit, Generationengerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn das Erben wichtiger wird als das Arbeiten, verliert die Leistungsgesellschaft ihre Legitimation.