„Wien ist das neue Chicago“ – neue Studie zeigt, wovor Österreichs Jugendliche Angst haben
Wien, einst Symbol für Lebensqualität und urbane Sicherheit, ist für viele junge Menschen zur Zone der Verunsicherung geworden. Der bekannte Sozialforscher Bernhard Heinzlmaier beschreibt eine Jugend, die sich zunehmend aus dem öffentlichen Raum zurückzieht – aus Angst, Opfer von Gewalt oder Übergriffen zu werden. „Die Dörfer sind noch einigermaßen sicher, aber die Städte sind Orte der Nervosität und Anspannung geworden“, fasst er zusammen. Orte wie der Reumannplatz, der Schwedenplatz oder die Millennium-City gelten Jugendlichen längst nicht mehr als Treffpunkte, sondern als Risiko.
Heinzlmaier warnt: Wer heute als Elternteil Verantwortung übernimmt, rate seinen Kindern eher zu Veranstaltungsorten mit gehobenem Publikum – Jazz statt Hip-Hop, U4 statt Prater Dome. Denn Gewalt und Unsicherheit konzentrieren sich laut seiner Analyse dort, wo sich junge Männer mit arabisch-muslimischem Hintergrund in Gruppen treffen. In diesen Milieus spiele der Ehrbegriff, also die Pflicht, Beleidigungen mit Gewalt zu beantworten, eine zentrale Rolle. Während in Europa das Gewaltmonopol beim Staat liege, gelte in diesen Gemeinschaften oft die Regel, dass die Ehre von Familie oder Clan notfalls mit der Faust oder dem Messer verteidigt werden müsse.

Worüber sich die Jugend sorgen macht
Warum sind Orte mit hoher Talahon-Dichte gefährlich? Heinzlmaier verweist auf die Sozialisierung in traditionellen Gesellschaften, in denen das Kollektiv, also die Familie oder der Clan, über allem steht. Wer dort beleidigt oder verletzt wird, überlässt die Vergeltung nicht einem Gericht, sondern sorgt selbst für Ausgleich. Dieses Denken prallt in Europa auf eine Kultur, die von staatlicher Rechtsordnung, Rationalität und universeller Gerechtigkeit geprägt ist. „Der Unterschied zwischen Kabul und Wien“, so Heinzlmaier, „liegt darin, dass dort die Familie Rechtsprechung und Vollzug selbst in die Hand nimmt, während hier das Gewaltmonopol beim Staat liegt.“ Orte, an denen sich junge Männer mit dieser Denkweise konzentrieren, seien deshalb besonders konfliktträchtig – weil Streit nicht durch Worte, sondern durch Handeln entschieden wird.
Die Ängste und Sorgen der jungen Österreicher zeigen sich auch in Zahlen. Laut Jugendwertestudie machen sich die meisten Sorgen über Teuerung und Krieg in Europa, gefolgt von Gewalt im öffentlichen Raum. Besonders junge Frauen empfinden Unsicherheit im Alltag – acht von zehn meiden nach Einbruch der Dunkelheit Parks oder einsame Straßen. Auch die Sorge um Kriminalität und Zuwanderung hat stark zugenommen. Während die Angst vor Inflation stagniert, ist die Furcht vor Gewalt, Flüchtlingskrise und Kontrollverlust seit 2023 regelrecht explodiert.

Die Jugend reagiert darauf, indem sie sich zurückzieht und ihr Denken ändert. Das Idealistische ist verschwunden, an seine Stelle tritt Pragmatismus. Heinzlmaier sieht eine „konservative Wende der Lebensrealisten“, eine Generation, die zuerst an Familie, Region und Nation denkt – und weniger an globale Solidarität. Rund 60 Prozent der jungen Österreicher haben das Vertrauen in Regierung, Parlament und Opposition verloren. Zwei Drittel fordern einen vollständigen Stopp der Flüchtlingsaufnahme. Unter jungen Männern liegt die Zustimmung bei 70 Prozent, unter Frauen bei 58.
Vor allem im öffentlichen Raum herrscht Angst. Eltern bringen ihre Kinder zu Partys und holen sie wieder ab, 14- bis 16-jährige Mädchen werden zur Schule begleitet. Wer es sich leisten kann, zieht in die Außenbezirke oder ins Umland, während sozial Schwächere in den Problemvierteln bleiben. „Wir haben die Jugend aus dem öffentlichen Raum vertrieben“, sagt Heinzlmaier. „Vor allem die jungen Frauen sind die Verlierer einer fehlgeleiteten Integrationspolitik.“
Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber Politik und Medien. Viele Jugendliche glauben nicht mehr, dass ORF oder große Tageszeitungen objektiv über Migration oder Kriminalität berichten. Stattdessen fühlen sie sich von einem politischen und medialen Establishment bevormundet, das Probleme beschönigt und Kritik moralisch diskreditiert.

Heinzlmaier sieht in all dem ein Symptom einer tieferen Vertrauenskrise: Die Jugend wendet sich ab – nicht, weil sie apathisch wäre, sondern weil sie sich von den Eliten im Stich gelassen fühlt. Und so zieht sie sich in jene Sphären zurück, die sie noch kontrollieren kann: Familie, Freunde, Heimat. „Das Hemd“, sagt Heinzlmaier, „ist der Jugend näher als der Rock.“