Wiens Vize-Bürgermeisterin: "Neun Wochen Sommerferien sind eine Katastrophe"

Wiens Bildungssystem steht vor einer Herkulesaufgabe. Bedingt durch die Zuwanderung spricht in den Kindergärten ein Drittel der Drei- bis Sechsjährigen kaum Deutsch, an den Volksschulen schlagen die Lehrer die Hände über den Köpfen zusammen oder gleich die Flucht ein, weil die Hälfte der Kinder dem Unterricht nicht folgen kann. Selbst an den weiterführenden und höheren Schulen wird häufig nur noch der Wissensmangel verwaltet. Trübe Aussichten für das Kulturland Österreich.

Die neue Wiener Bildungsstadträtin Bettina Emmerling, wie ihr Vorgänger, der heutige Bildungsminister Christoph Wiederkehr, von den Neos, nimmt im Interview mit dem Standard kein Blatt vor den Mund. Das eigene Ziel von 500 zusätzlichen Förderkräften im Kampf gegen die Sprachdefizite der Kinder sei knapp verfehlt worden, der herrschende Lehrermangel das Ergebnis vorangegangener Regierungen, die das Problem jahrzehntelang verschlafen hätten. Dank verkürztem Lehramtsstudium oder Quereinstiegen sei es zuletzt aber gelungen, in Wien alle Stellen zu besetzen.

Abhilfe gegen die teils alarmierenden Zustände an den Volksschulen insbesondere in den Zuwandererbezirken verspricht sich Emmerling auch durch die Einführung der verpflichtenden Sommerschule. Ab dem kommenden Jahr sollen Schüler zwei Wochen lang in den Ferien Nachhilfe bekommen, um so ihre Defizite abzubauen. Dass dies nicht alle Probleme beseitigen kann, sieht auch die Neos-Politikerin: "Dass zwei Wochen nicht reichen, ist klar. Aber Kinder, die neun Wochen vom schulischen Umfeld weg sind und in ihrem Umfeld kein Deutsch sprechen, verlieren in diesen Wochen sehr viel", sagt Emmerling.

Neun Wochen Sommerferien. Damit liegt Österreich innerhalb der EU gleich auf mit Schweden, der Slowakei, Slowenien, Tschechien, Finnland oder Belgien. In Bulgarien, Estland, Italien, Griechenland, Malta oder Lettland dauern sie mit bis zu zwölf Wochen noch länger, nur in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark sind sie mit sechs Wochen deutlich kürzer.

Emmerling scheint das deutsche Modell zu bevorzugen, tritt für eine Verkürzung der Ferien ein: "Ich bin sowieso dafür. Neun Wochen Ferien sind eine Katastrophe: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die Bildungsdefizite, die man sich aufreißt. Ich habe selbst zwei Kinder und weiß, was das bedeutet. Es ist ein langer Zeitraum, in dem die Struktur fehlt", sagt sie im Standard-Gespräch.