Schon zwei tote Patienten: Wer ist für das politische Multiorganversagen verantwortlich?
Kein Personal vorhanden, keine Kapazitäten frei: Im österreichischen Gesundheitssystem starben zwei Patienten, weil die Politik die Kliniken kaputt gespart hat. Und wieder will‘s keiner gewesen sein.
Was ist da los, Österreichs Gesundheitssystem ist doch vorbildlich aufgestellt? In den 260 Krankenanstalten des Landes werden jährlich zwei Millionen stationäre Aufenthalte abgewickelt. Die Patienten werden im Durchschnitt sechs Tage lang betreut.
50.000 Ärzte kümmern sich in Österreich um die Gesundheit der Bevölkerung, 26.000 davon arbeiten in Krankenhäusern und Kliniken. Hinzu kommen 173.000 ausgebildete Krankenschwestern- und Pfleger.
Jeder erwachsene Österreicher ist per Gesetz verpflichtet, im Notfall Erste Hilfe zu leisten, jeder Mediziner unterliegt sowieso einer Behandlungspflicht im Notfall.
Klingt nach Vollkasko-Versicherung. Doch dann kommt eine Patientin mit akuten Problemen, wird von mindestens drei Kliniken abgewiesen und stirbt. Nur wenige Tage später deckt die Krone den nächsten dramatischen Fall auf. Ein Patient muss in Salzburg stundenlang auf eine Behandlung warten - und auch er überlebt das österreichische Gesundheitssystem nicht.
Die Parallelen in beiden Fällen: Es fehlte offenbar an geeignetem Personal für die Behandlung und keiner weiß, wer für die Nicht-Versorgung der Betroffenen eigentlich zuständig war: Der Klinikchef, ein diensthabender Arzt, die Pflegerin?
Oder die drei grünen Gesundheitsminister Anschober, Mückstein, Rauch oder zuletzt Korinna Schumann (SPÖ) - teils vom Fach und teils auch nicht - die in chronologischer Reihenfolge in den vergangenen knapp sechs Jahren das zu verantworten hatten und haben, was sich derzeit in den Krankenanstalten abspielt. Fakt ist: Die Häuser wurden systematisch bis über ihre Leistungsgrenze kaputt gespart.
"Es fehlen einfach Menschen"
Es ist nicht so, dass fachlich versiertes medizinisches Personal in Salzburg, Linz oder anderswo grundlos Patienten nicht behandelt oder gar an andere Kliniken abgeschoben hat. Im Fall der 55-jährigen Mühlviertlerin aus Rohrbach, die in akuter Lebensgefahr vom örtlichen Klinikum korrekt behandelt, aber weiter transportiert werden musste, fehlten an den infrage kommenden Kliniken einfach die Kapazitäten. In Linz das Herzteam im Einsatz, die Intensivstation übervoll. Gerald Bruckner, der Leiter der Abteilung Gesundheitsökonomie an der Kepler-Universität im ORF: "Schwachstellen sind, dass wir manche Operationssäle nicht bespielen können, weil uns im Bereich der Anästhesie, im Bereich der Intensivpflege, einfach Menschen fehlen".
Im Fall des Salzburger Patienten (79) wartete dieser nach einem Riss in der Hauptschlagader ebenfalls auf eine rettende OP, weil Personal fehlte. Das einzig diensthabende Notfall-Team an der Klinik war mit einem anderen Notfallpatienten beschäftigt. Erst vier Stunden später wurde er mit einem Rettungshubschrauber nach Linz ausgeflogen. Zu spät. Kurz vor Erreichen des OP-Saals verstarb der Patient.
Nur ein Notfall-Team an einer Universitätsklinik? Man muss kein Gesundheitspolitiker sein und es handelt sich auch nicht um eine Raketenwissenschaft: Eindeutig ist, hier hat das System ein (politisches) Multiorganversagen erlitten.
Die Politik reagierte wie immer tief betroffen: "Es ist zutiefst erschütternd, wenn ein Mensch sein Leben verliert, weil im entscheidenden Moment kein Platz für eine lebensrettende Operation gefunden wird. Das darf in unserem Gesundheitssystem einfach nicht vorkommen. Jetzt müssen wir genau wissen, was passiert ist – ohne Vorverurteilungen, aber mit voller Konsequenz", sagte die Gesundheitsministerin. Die für Oberösterreich zuständige Landesrätin Christine Haberland (ÖVP): "Es ist völlig unverständlich, dass hier weder im Bundesland noch über Bundesländergrenzen hinweg eine rasche Hilfe möglich war." Der grüne Gesundheitssprecher im Nationalrat, Ralph Schallmeiner: "Das sind Notsignale eines überlasteten, zersplitterten Systems". Und schließlich konstatierte auch Felix Eypeltauer von den Neos: "Wenn in einer Notsituation quer durch mehrere Bundesländer keine Klinik aufnehmen kann, dann hat nicht das Personal versagt, sondern das System".
Persönliche Verantwortung hat noch niemand übernommen, es sind lediglich die Stimmen der Damen und Herren, die es mit in der Hand haben, das kranke System endlich zu heilen.