Ein Jahrhundert lang galt er als verschollen: der legendäre gelbe Diamant „Florentiner“, einst im Besitz der Habsburger. Jetzt tauchte der 137-Karat-Stein im Wert von etwa 70 Millionen Euro wieder auf – in einem Bankschließfach in Kanada. Doch während die Familie des letzten Kaisers Karl I. von einem „Akt der Dankbarkeit“ spricht, meldet sich nun Österreich zu Wort: Wem gehört der Schatz wirklich?
Der Schatz des letzten Kaisers
Als sich 1918 das Ende der Monarchie abzeichnete, handelte Kaiser Karl I. rasch. In Wien drohten politische Wirren, in Ungarn revolutionäre Truppen, in Russland tobte der Bolschewismus. Um die Kronjuwelen und den Familienschmuck vor Enteignung zu retten, ließ Karl sie in die Schweiz bringen. Darunter befand sich auch der berühmte „Florentiner“ – ein birnenförmiger, zitronengelber Diamant von 137 Karat, der zuvor im Besitz der Medici war und seit dem 18. Jahrhundert die Habsburgerkrone zierte.
Kurz nach dem Exil in der Schweiz verschwand der Stein spurlos. Gerüchte machten die Runde: Er sei gestohlen, recycelt oder heimlich verkauft worden. Hollywood und Romanautoren griffen die Legende vom „verlorenen Habsburger-Diamanten“ begierig auf.
Das Geheimnis von Zita
Jetzt ist klar: Der Diamant war nie weg. Wie The New York Times berichtet, lag der „Florentiner“ die ganze Zeit in einem Bankschließfach in Québec. Empress Zita, Karls Witwe, soll das Geheimnis nur an zwei ihrer Söhne weitergegeben haben – Robert und Rudolf –, mit der Auflage, es 100 Jahre lang geheim zu halten. Erst 2022, also exakt ein Jahrhundert nach Karls Tod, lüfteten ihre Nachkommen das Schweigen.
Karl von Habsburg-Lothringen, der Enkel des Kaisers, öffnete gemeinsam mit seinen Cousins Lorenz und Simeon in Kanada einen kleinen Koffer mit vergilbtem Papier – darin der Diamant, unversehrt, begleitet von weiteren Schmuckstücken, darunter der Orden vom Goldenen Vlies. Ein Gutachten der Wiener Hofjuweliere Köchert bestätigte die Echtheit.

Ein Stück Familiengeschichte – oder Staatsbesitz?
Doch die Wiederentdeckung wirft eine heikle Frage auf: Gehören der „Florentiner“ und die übrigen Juwelen tatsächlich der Familie – oder der Republik Österreich?
Nach dem Ende der Monarchie beschloss die junge Republik 1919 das „Habsburgergesetz“, das das Vermögen des Hauses Habsburg einziehen sollte. Doch der britische Historiker Richard Bassett, der im Auftrag der Familie ein Gutachten verfasste, verweist auf einen entscheidenden Punkt: Die Diamanten seien kein Teil der Kronschätze gewesen, sondern persönlicher Familienschmuck. Sie hätten sich bereits in der Schweiz befunden, als das Gesetz in Kraft trat – und seien daher rechtlich nicht betroffen.
In den Inventarlisten der Kaiserlichen Schatzkammer in Wien wird dieser Teil tatsächlich als „privater Schmuck“ geführt. Das würde bedeuten, dass Österreich keinerlei Anspruch hat.
Andreas Babler, Vizekanzler und Kulturminister, reagierte dennoch prompt. Sein Büro kündigte eine „sofortige Prüfung“ an, ob der „Florentiner Diamant“ möglicherweise Eigentum der Republik sei. Sollte sich das bestätigen, wolle man die Rückgabe einleiten. Das Kulturministerium stehe bereits mit der österreichischen Botschaft in Kanada in Kontakt.
Der Stein dürfte bis zu 70 Millionen Euro wert sein
Juristisch dürfte der Fall kompliziert werden. Zwar spricht die Besitzgeschichte klar für die Habsburger – faktisch befand sich der Diamant seit 1919 außerhalb Österreichs. Doch moralisch stellt sich die Frage: Wenn ein Stück des kaiserlichen Erbes über Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit verschwand, darf es dann heute in Kanada bleiben?
Karl von Habsburg-Lothringen will den Stein jedenfalls nicht verkaufen. Er möchte ihn in Kanada ausstellen, „als Dank an das Land, das unsere Familie im Exil aufgenommen hat“. Für Österreich wäre der „Florentiner“ hingegen weit mehr als nur ein Schmuckstück. Er ist ein Symbol – für Glanz, Untergang und historische Verantwortung. Und vielleicht auch ein Stück Identität, das, streng genommen, längst wieder nach Hause gehört.
Über den Diamanten dürfte nun auch aufgrund seines Werts ein längerer Rechtsstreit geführt werden: Laut aktuellen Schätzungen wäre der Diamant allein aufgrund seiner 137,27 Karat schon 6,75 Millionen Euro wert - allerdings müssten Interessenten aufgrund der Berühmtheit des "Florentiners" mit einem Kaufpreis von bis zu 70 Millionen Euro rechnen.