Im Herbst 2025 häuften sich an europäischen Flughäfen Vorfälle, die innerhalb weniger Wochen zu einer spürbaren Belastung des Luftverkehrs führten: In München und Berlin wurden Flüge gestrichen und umgeleitet, Berlin setzte den Betrieb aus, in Riga musste der Anflugbereich mehrfach gesichert werden. Besonders deutlich war die Lage im Norden Europas: Kopenhagen und Oslo sperrten zeitweise ihre Flughäfen, Belgien musste in Brüssel und Lüttich gleich mehrere Shutdowns innerhalb weniger Tage hinnehmen. Schweden stoppte Flüge in Landvetter bei Göteborg. Kurz: Der europäische Luftraum kannte im Herbst 2025 keine Routine.
Aktuell ist davon nichts mehr zu hören. Die Frage steht im Raum: Wo sind die Drohnen hin?
Als die Vorfälle sich verdichteten
Die Störungen hatten eine klare Struktur: unklare Objekte im sensiblen Luftraum, meist im Bereich der Start- und Landebahnen. Sichtungen, die oft mehrfach bestätigt wurden, aber nachträglich kaum eindeutig zuordenbar waren. Genau das schuf Raum für Spekulationen – und der mediale Subtext war unüberhörbar: Es könnten russische Drohnen sein.
Konkrete Beweise dafür gab es nicht. Aber das Muster – mehrere Länder, kurze Abstände, ähnliche Abläufe – wirkte ausreichend, um das Narrativ in der Öffentlichkeit zu verankern.
Gleichzeitig gab es technische Details, die nicht passten. So wurden im Umfeld des Münchner Falls Drohnen mit angeblichen Flugzeiten von drei Stunden erwähnt. Drohnenspezialist David Hopf, Chef von Dronetech Austria und offizieller Experte des Bundesheeres, hält das im Interview mit Statement.at für völlig unrealistisch.
„Eine zivil erhältliche Drohne fliegt 30 bis 60 Minuten. Alles darüber hinaus ist Spezialtechnik mit enormem Aufwand“, sagte er im Interview. Derartige Angaben deuteten „eher auf Fehlinterpretationen“ als auf eine koordinierte Hightech-Operation.
Hopf erinnert zudem daran, dass Staaten, die Kennzeichen aus dem All erkennen können, „keine kleinen Drohnen brauchen, um irgendwo Spionage zu betreiben“. Die hysterische Erzählung passte also nicht zu den technischen Realitäten.
Erklärungsversuche
Seit November 2025 sind Europas Flughäfen weitgehend ungestört – keine Sperrungen, keine massiven Verzögerungen, keine Meldungen mehr von koordinierten Überflügen. Die Panikstimmung verschwand schneller, als sie entstanden war.
1. Flughäfen haben ihre Meldeketten angepasst.
Viele Betreiber führen Verdachtsfälle nicht mehr automatisch zur Vollsperre. Das legt nahe, dass ein Teil der Herbstmeldungen auf übervorsichtige Abläufe zurückzuführen war.
2. Die Aufmerksamkeit war ein Faktor – und sie ist abgeflaut.
Als mehrere Länder zugleich betroffen waren, entstand ein Verstärkungseffekt. Einmal aus dem Nachrichtentakt verschwunden, sank die Schwellensensibilität wieder.
3. Die These „russische Drohnen“ war politisch attraktiv – aber technisch brüchig.
Mit oder ohne äußere Bedrohung: Eine Serie solcher Ereignisse erzeugt politischen Druck, der wiederum Investitionen in Abwehrsysteme, Meldeketten, Überwachungstechnik und Notfallprotokolle legitimiert.
4. Und ja: Alle großen Rüstungsaufträge für Drohnendetektion wurden inzwischen vergeben.
Während der Herbstwochen wurde europaweit eine ganze Reihe neuer Counter-UAS-Projekte beschlossen – in Belgien, in Skandinavien, in Deutschland und an mehreren großen Airports. Die Industrie hat volle Auftragsbücher.
Ob das Zufall ist oder nicht, lässt sich nicht beweisen. Aber zeitlich fällt die Ruhe exakt mit dem Abschluss dieser Beschaffungswelle zusammen.
Dokumentierte Drohnenvorfälle der vergangenen Jahre
Die historische Liste der Drohnenvorfälle zeigt, dass das Thema keineswegs neu ist. Zwischen 2015 und 2024 gab es Vorfälle in Wien, Zürich, Graubünden, Tschechien, Deutschland, Italien, Kanada und den USA – von Beinahe-Kollisionen über Abstürze bis hin zu echten Flughafensperren. Die Herbst-Welle 2025 war also keine Premiere, sondern eine Verdichtung eines bekannten Musters:
12.01.2025: Adelboden, Schweiz – TV-Drohne stürzt beim Riesenslalom ab.
10.01.2025: Los Angeles – Drohne kollidiert mit Löschflugzeug.
12.12.2024: Fujian, China – Polizeistörsignal lässt hunderte Drohnen abstürzen.
17.09.2024: Niederösterreich – Drohne gefährdet Black-Hawk-Hubschrauber.
28.09.2023: Frankfurt – Flughafen für 40 Minuten eingestellt, 20 Flüge gestrichen.
11.07.2023: Aargau – Drohne setzt Weizenfeld in Brand.
03.10.2020: Nürnberg – Drohne kommt Passagierflugzeug gefährlich nah.
18.05.2020: Pupping – Radlerin schwer verletzt durch Minidrohne.
19.05.2020: NRW – Drohne behindert Rettungshubschrauber.
01.05.2019: Deutschland – Gericht erlaubt Abschuss einer Drohne.
25.01.2019: Zürich – Post-Drohne stürzt in See.
20.12.2018: London-Gatwick – Flughafen wegen Drohnen gesperrt.
16.12.2018: Tijuana – Linienflugzeug beschädigt.
29.10.2018: Graz – Cobra holt Drohne vom Himmel.
30.09.2018: Berlin – vier Verletzte durch Drohnenabsturz.
11.06.2018: Schweiz – Hubschraubernotlandung nach Kollision.
28.05.2018: Regen – Fahrerflucht nach Drohnenunfall.
25.05.2018: Tessin – Drohnenkollision mit Helikopter.
29.04.2018: Wien Meidling – Polizeihubschrauber gefährdet.
03.04.2018: Russland – Post-Drohne stürzt nach 100 Metern ab.
21.03.2018: Wien – Beinahe-Unfall am Zentralfriedhof.
21.02.2018: USA – Drohne löst Hubschrauberabsturz aus.
03.01.2018: Rheintal – Reiterin verletzt.
04.11.2017: Mecklenburg – Beinahe-Kollision mit Rettungshubschrauber.
04.11.2017: Japan – Drohne stürzt bei Bonbon-Abwurf ab.
21.10.2017: Schwangau – Fußgängerin verletzt.
12.10.2017: Québec – Drohne trifft Linienflugzeug.
03.04.2017: Hamburg – Drohne kollidiert mit Fernsehturm.
01.02.2017: München – Auto prallt auf Autobahn gegen Drohne („Fly Away“).
29.01.2017: Germering – Zusammenstoß von Drohne und Auto.
25.01.2017: Zermatt – Pferd nach Drohnenpanik eingeschläfert.
25.08.2016: Osttirol – Hubschrauber in Gefahr.
06.08.2016: München – Drohne kommt Lufthansa-Airbus gefährlich nahe.
22.12.2015: Madonna di Campiglio – Drohne verfehlt Skistar Marcel Hirscher knapp.
03.06.2015: Tijuana – Enrique Iglesias verletzt.
21.05.2015: Bochum – Drohne prallt gegen fahrendes Auto.