Deutsche Bahn wird immer unzuverlässiger: 500.000 zusätzliche LKW-Fahrten drohen

Europas Logistikbranche warnt vor einer akuten Versorgungskrise: Zahlreiche Transportunternehmen schlagen Alarm, weil der Schienengüterverkehr in Deutschland zunehmend ins Stocken gerät.

Foto: Marijan Murat/picture alliance via Getty Images

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Verspätete Züge, großflächige Streckensperrungen und Zugausfälle belasten seit Monaten die internationalen Lieferketten – mit spürbaren Folgen für Industrie, Handel und Verbraucher.

Besonders deutlich beschreibt die Lage die Hoyer Group, ein global tätiger deutscher Logistikkonzern mit 4000 Beschäftigten. Das Familienunternehmen befördert Flüssiggüter für Chemie-, Mineralöl-, Gas- und Lebensmittelkonzerne in ganz Europa. Jahrzehntelang galt der kombinierte Verkehr – Tankcontainer werden per Kran vom Lastwagen direkt auf spezielle Güterwaggons umgeladen – als nachhaltige und zugleich wirtschaftlich sinnvolle Lösung.

Güter werden wieder vermehrt von LKW transportiert

Doch dieses System gerät zunehmend ins Wanken. Die Pünktlichkeit der Züge ist laut Hoyer-Geschäftsführer Björn Schniederkötter „dramatisch gesunken“, manche Transporte erreichen ihr Ziel erst Tage später. Ein zweistelliger Prozentsatz der Frachten wurde bereits notgedrungen wieder auf Lastwagen umgestellt.

„Wir mussten zusätzliche LKW bestellen“, berichtet Schniederkötter. Die Bahn sei zu unzuverlässig geworden, während die Kosten paradoxerweise steigen: Umleitungen aufgrund gesperrter Strecken verlängern die Fahrten und verteuern sie. Für viele Chemie- und Industriebetriebe, die ohnehin unter der wirtschaftlichen Flaute in Europa leiden, verstärkt dies den Druck. Einige Fabriken mussten bereits Produktionslinien stoppen, weil Zulieferungen ausblieben. „Die Versorgungssicherheit ist nicht mehr gewährleistet“, warnt Schniederkötter.

Das Kernproblem liegt im deutschen Schienennetz – einer Infrastruktur, die für den europäischen Güterverkehr zentral ist. Doch ausgerechnet dieses Rückgrat zeigt deutliche strukturelle Schwächen. Die Lage ist so ernst, dass mehrere große europäische Gütertransportfirmen erstmals gemeinsam einen offenen Brief veröffentlicht haben. Unterzeichnet wurde er von Unternehmen wie Hupac, Kombiverkehr und TX Logistik, die normalerweise im Wettbewerb stehen. Adressiert ist das Schreiben an die neue Bahnchefin Evelyn Palla sowie an Verkehrsminister Patrick Schnieder.

"Miserable Performance" des Bahn-Güterverkehrs

Der Ton ist ungewöhnlich scharf: Die Unternehmen sprechen von einer „miserablen Performance“ des Güterverkehrs, explodierenden Kosten und einer Zuverlässigkeit, die „im Keller“ sei. Für manche Anbieter gehe es inzwischen um das wirtschaftliche Überleben und damit um die Zukunft des umweltfreundlicheren kombinierten Verkehrs. Die Branche rechnet durch die Sanierungsarbeiten der kommenden Jahre mit einem Kapazitätsverlust von 20 bis 30 Prozent im Schienengüterverkehr. Das wiederum würde Hunderttausende zusätzliche LKW-Fahrten auslösen. Auf den transalpinen Routen durch Österreich und die Schweiz erwarten Experten 500.000 zusätzliche Lastwagenfahrten.

Die Deutsche Bahn zeigt sich bemüht, die Kritik zu entschärfen. Ein Sprecher betont, man sei mit der Branche im Austausch. Im Rahmen der geplanten Generalsanierung des Netzes habe die DB InfraGO bereits Anpassungen bei Sperrungen und Zeitplänen vereinbart, um wirtschaftliche Schäden zu begrenzen.

Über dieses Thema berichtete die NZZ: Europas Güterbahnen in der Krise: Schiene verliert Marktanteile