Ex-Grünen-Sprecherin Jette Nietzard verteidigt Oben-ohne-Posts: "Brauchen linken Populismus"
Die zurückgetretene Sprecherin der Grünen Jugend, Jette Nietzard, hat ihre einjährige Amtszeit in einem Interview mit der Zeit ungewöhnlich offen bilanziert: Sie liefert dabei ein Bild, das von Selbstinszenierung, Polarisierung und innerparteilichen Konflikten geprägt ist. Während Parteikollegen Mobbing und Krisen sehen, spricht Nietzard von „Führung“. Und sie bekennt sich offen zu "linkem Populismus".
Bereits zum Auftakt des Gesprächs zeichnet die 26-jährige Grüne ein ernüchterndes Fazit: Das Jahr habe ihr „persönlich überhaupt nichts gebracht“, sie sei „für viele Medien und die Partei verbrannt“. Doch anstatt sich von ihrer eigenen politischen Strategie zu distanzieren, präsentiert Nietzard diese als bewusst kalkuliertes Stilmittel.
Provokation, so gibt sie zu, sei für sie ein Werkzeug – und zwar eines, das sie gezielt einzusetzen weiß. So schildert die frühere Co-Vorsitzende, wie sie Spendenaufrufe in den sozialen Medien mit Oben-ohne-Bildern kombinierte, um Algorithmen auszunutzen: Wenn es Spenden bringe, sei das „super“.
Dass hinter den Kulissen sogar ihr Pressesprecher einzelne Ideen ausbremste, erwähnt sie beinahe stolz. Einige ihrer geplanten Beiträge, so verrät sie, habe die Öffentlichkeit deshalb nie zu Gesicht bekommen. Gleichzeitig steht der Vorwurf im Raum, sie habe Parteimitglieder gemobbt. Nietzard hingegen bezeichnet ihr Verhalten als verantwortungsvolle Entscheidung: Menschen von Vorstandsämtern abzuraten, wenn man sie für ungeeignet halte, sei keine Schikane, sondern eine Führungsleistung.
Für zusätzlichen Zündstoff sorgt ihre Haltung zum Populismus. Während sich viele politische Akteure um Differenzierung bemühen, erklärt Nietzard unverblümt: „Ich finde Populismus nicht schlecht.“ Es brauche – ihrer Ansicht nach – sogar einen linken Gegenpopulismus, um Figuren wie Donald Trump etwas entgegenzusetzen.
Nietzard sieht kein eigenes Versagen
Die innenpolitischen Turbulenzen, die ihre provozierenden Posts regelmäßig auslösten, sieht sie nicht als eigenes Versagen. Im Gegenteil: Schuld seien die Grünen selbst, weil sie ihr öffentlich widersprochen hätten. Auch ihren berüchtigten Silvester-Tweet, in dem sie erklärte, dass Männer, die beim Böllern ihre Hand verlören, immerhin keine Frauen mehr schlagen könnten, hält sie nach wie vor für „lustig“ und „völlig in Ordnung“. Dass sie ihn löschte, bereut sie heute – ebenso wie das Zurückrudern bei anderen Aussagen. Wiederholt hebt sie hervor, dass sie am liebsten alles stehen gelassen hätte.
Was bleibt also von einem Jahr an der Spitze der Grünen Jugend? Nietzard attestiert sich selbst, die Organisation im „Chaos“ übernommen und geordneter übergeben zu haben. Kritiker hingegen sehen ein Jahr voller öffentlicher Eskalationen und innerparteilicher Spannungen, die der Fraktion massiv geschadet hätten.
