Bei wem Tanner Kampfjets kauft: Finmeccanica wechselte den Namen in Leonardo - aus Gründen

Für Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (beide ÖVP) ist der Ankauf der zwölf Unterschall-Jets zum Stückpreis von 80 Millionen Euro "ein großer sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher Schritt", wird in der Bundesheer-Medienmitteilung betont. Nicht nur in statement.at wurde bereits kritisiert, dass Luftwaffen anderer Nationen diese Flugzeuge wesentlich günstiger erhalten - so musste etwa Nigeria nur 50 Millionen Euro pro M-346-FA-Maschine bezahlen. Der Preisunterschied wurde von Österreichs Bundesheer-Führung jedoch damit erklärt, dass die Luftstreitkräfte der Alpenrepublik ab 2028 eine besonders gute Version des in Italien produzierten Flugzeugs erhalten werden, also quasi die AMG-Ausgabe des Trainings- und Kampfjets.

Was in all den offiziellen Medien-Informationen der Bundesregierung zu dieser gewaltigen Ausgabe an Steuergeld fehlt: mehr und konkrete Informationen über den Lieferanten aus Varese, Italien, genauer gesagt am Flugplatz Venegono Superiore. Das hat gute Gründe - es soll ja niemand schon jetzt annehmen müssen, dass dieses Rüstungs-Geschäft erneut in wenigen Jahren zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss führen könnte.

Wie Finmeccanica zu Leonardo wurde

In einer Branche, die von Innovation und Präzision lebt, ist der Namenswechsel eines Rüstungskonzerns oft etwas mehr als nur ein Marketing-Trick: Er markiert den Bruch mit einer dunklen Vergangenheit.

Die italienische Finmeccanica, einst ein Synonym für Korruption und Skandale, nannte sich am 1. Januar 2017 offiziell in Leonardo um – benannt nach dem Universalgenie Leonardo da Vinci. Dieser Schritt war nicht nur eine Hommage an italienische Kreativität, sondern vor allem eine strategische Säuberung: Der Konzern wollte sich von jahrelangen Affären distanzieren, darunter dem monumentalen Korruptionsskandal um den Helikopter-Verkauf an Indien, der das Unternehmen fast in den Abgrund riss.

Ein Rückblick auf die Ereignisse zeigt, wie ein Rüstungsdeal in einen internationalen Korruptionsmorast mündete und letztlich die Neugeburt eines Unternehmens nötig machte. Der Skandal: Ein Milliarden-Deal, der in Bestechung endete. Der Ursprung des Desasters liegt im Jahr 2010, als die indische Luftwaffe unter der damaligen Kongress-Regierung 12 hochmoderne AW101-Helikopter (Merlin-Variante) bestellte. Diese Maschinen sollten die alternden Mi-8-Relikte ersetzen und den Präsidenten, Premierminister und andere VVIPs (Very Very Important Persons) sicher durch die Lüfte transportieren.

Der Vertrag, im Wert von 560 Millionen Euro fiel an AgustaWestland, die Helikopter-Tochterfirma von Finmeccanica. Die AW101 boten Luxus pur – geräumige Kabinen, Tiefflug-Fähigkeiten und eine Reichweite, die selbst in den bergigen Regionen Indiens überzeugte. Doch schon bald tauchten Verdachtsmomente auf - die Spezifikationen für den Deal waren ungewöhnlich: Die maximale Flughöhe wurde von 6000 auf 5000 Meter herabgesetzt, und die Kabinenhöhe auf 1,80 Meter begrenzt – Anpassungen, die den Anbieter AgustaWestland begünstigten.

Indische Ermittler und Kritiker warfen vor, dass diese Änderungen nicht aus technischer Notwendigkeit, sondern aus Bestechungsabsicht erfolgten. Tatsächlich flossen, wie spätere Untersuchungen enthüllten, Schmiergelder in Höhe von 30 bis 51 Millionen Euro durch Offshore-Kanäle an Mittelsmänner, indische Beamte und Militärs. Die Gelder wurden über Firmen wie IDS Infotech und Aeromatrix getschleust, oft über dubiose Beraterverträge.

Massive Korruptionsvorwürfe bei 560-Millionen-Deal

Der Skandal explodierte am 12. Februar 2013: Italienische Staatsanwälte in Mailand nahmen Giuseppe Orsi, den damaligen CEO von Finmeccanica und ehemaligen AgustaWestland-Chef, in einer Razzia fest. Orsi wurde beschuldigt, die Bestechungen genehmigt zu haben, um den Deal zu sichern. Sein Nachfolger bei AgustaWestland, Bruno Spagnolini, landete unter Hausarrest. Die Vorwürfe: Korruption, Geldwäsche und Falschbuchung. Orsi soll 30 Millionen Euro als "Beratungsgebühren" freigegeben haben, die letztlich indische Entscheidungsträger erreicht hätten – darunter mutmaßlich Verwandte des ehemaligen Luftwaffen-Chefs S.P. Tyagi, der die Spezifikationsänderungen mitzuverantworten hatte.

Tyagi selbst und seine Cousins sowie der britische Mittelsmann Christian Michel gerieten ins Visier der indischen Central Bureau of Investigation (CBI). Michel, der als Schlüsselfigur galt, wurde 2018 nach Indien ausgeliefert und sitzt seither in Haft; 2025 ordnete ein Gericht seine Freilassung an, doch der Prozess stockt.

Am 13. Februar 2013, nur einen Tag nach Orsis Arrest, stoppte Indiens Verteidigungsminister die Lieferungen. Bis dahin waren drei Helikopter in Delhi eingetroffen. Im Januar 2014 kündigte Indien den Vertrag endgültig, holte sich 524 Millionen Euro zurück und verhängte ein Lieferverbot gegen AgustaWestland.

In Italien lief der Prozess weiter: 2014 wurden Orsi, Spagnolini und Tyagi zunächst freigesprochen, doch 2016 hob ein Mailänder Berufungsgericht das Urteil auf und verurteilte die beiden Ex-Chefs zu Haftstrafen von 4,5 bzw. 4 Jahren wegen Korruption und Falschbuchung. Der oberste Kassationshof milderte die Strafen später, bestätigte aber die "unmissverständlichen Indizien für Korruption".

In Indien läuft die CBI-Ermittlung weiter; Tyagi wurde 2016 verhaftet, und Spekulationen um politische Verstrickungen – von der Kongress-Partei bis hin zu Sonia Gandhi – halten an, allerdings fehlen konkrete Beweise.

Der Skandal kostete Finmeccanica nicht nur den Deal, sondern auch Milliarden an Umsatz und natürlich die Reputation. Der Aktienkurs brach ein, Verträge in anderen Märkten gerieten in Gefahr, und der Konzern stand unter Beobachtung der EU und der USA. Insgesamt floss, laut italienischen Anklägern, bis zu 67,6 Millionen US-Dollar an Bestechungsgelder.

Die Umbenennung

Der Korruptionsskandal war der Tiefpunkt, der den Wandel beschleunigte. Schon 2015, unter CEO Mauro Moretti, begann Finmeccanica eine radikale Umstrukturierung: Am 1. Januar 2016 fusionierte das Unternehmen seine Töchter (AgustaWestland, Alenia Aermacchi, Selex ES) zu einer "One Company" – das Unternehmen sollte effizienter, fokussierter auf Kernbereiche wie Luftfahrt, Verteidigung und Sicherheit werden. Im März 2016 schlug Moretti die Namensänderung vor: "Leonardo" sollte die italienische Innovationskraft verkörpern, fernab vom muffigen Image von Finmeccanica, das mit IRI-Wurzeln (gegründet 1948) und Skandalen belastet war.

Die Aktionäre stimmten am 28. April 2016 zu. Bis 31. Dezember 2016 hieß der Jet-Hersteller "Leonardo-Finmeccanica", ab dem 1. Januar 2017 war der Schnitt endgültig. Laut Unternehmensangaben sei die Umbenennung eine Neudefinition der Identität, passend zur neuen Struktur und den Märkten. Implizit ging es um Distanzierung von Orsi und Co. – der Skandal hatte Finmeccanica als "Korruptionsnest" gebrandmarkt.

Der norwegische Staatsfonds schloss Leonardo 2018 aus seinem Portfolio aus, doch unter dem neuen Namen erholte sich der Konzern: Umsatzrekorde in Drohnen und Cyber-Sicherheit, es folgten Partnerschaften mit Boeing und Airbus. Heute, acht Jahre nach der Umbenennung, ist Leonardo Europas drittgrößter Rüstungskonzern mit 50.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 15 Milliarden Euro.

Der Indien-Skandal bleibt eine Mahnung - auch für Jet-Kunden aus Österreich.

Leonardo Jet Credit: Leonardo
12 dieser Jets kaufte nun das Bundesheer: Leonardo M-346-FA Credit: Leonardo