Offizier warnt: "Alle zwei Minuten desertiert ein ukrainischer Soldat"

Die Ukraine steht in ihrem Kampf gegen die russische Armee vor der gefährlichsten Phase seit Beginn der Invasion: Während sich an der Front die Lage dramatisch zuspitzt, erschüttert der gewaltige Korruptions-Skandal das Machtzentrum in Kiew – und gleichzeitig verlassen immer mehr Soldaten die ukrainischen Streitkräfte.

Am Freitag entließ Präsident Wolodymyr Selenskyj seinen engsten Vertrauten, Andrij Jermak, den Chef seines Präsidialamts. Die Entscheidung erfolgte nach der ungeheuerlichen Korruptionsaffäre, die seit Tagen das politische Klima belastet. Ermittler hatten Jermaks Häuser und Büros durchsucht und alle Finanzflüsse untersucht, die weit in das Herz des Machtapparats reichen sollen. Die Entlassung sollte ein Signal der Stabilisierung senden, doch sie fiel in einen Moment, in dem sich eine noch größere Krise abzeichnet.

Denn das gravierendste Problem des Landes findet sich nicht im Präsidentenpalast in Kiew, sondern in den Schützengräben: Nach Angaben des Offiziers und früheren Parlamentariers Ihor Lutsenko auf Facebook desertieren derzeit im Schnitt alle zwei Minuten Soldaten der ukrainischen Armee. Allein im Oktober seien mehr als 21.000 Fälle von Desertion registriert worden – die höchste Zahl seit Beginn des Krieges. Lutsenko wird dazu von der NZZ zitiert: "Das sind lediglich die dokumentierten Vorfälle; viele weitere würden gar nicht erfasst."

150.000 Soldaten sollen bereits desertiert sein

Schließt man Fälle unerlaubter Abwesenheit ein, sprechen Militärexperten bereits von 150.000 desertierten Soldaten. Das ist eine Zahl, die das ohnehin angespannte Gleichgewicht an der über 1200 Kilometer langen Frontlinie weiter bedroht. Besonders in der Region Donezk spitzt sich die Lage zu: Laut Selenskyj setzt Russland in Pokrowsk ein Vielfaches an Personal ein. Ukrainische Einheiten verbleiben wochenlang ohne Ablösung in ihren Stellungen und werden per Drohnen mit Wasser, Nahrung und Munition versorgt.

Nur noch 12 Prozent der Soldaten freiwillig in der Armee

Während die russische Armee weiterhin auch mit brutaler Soldaten rekrutiert, ringt Kiew mit dramatischen Engpässen an Personal. Die Zahl freiwilliger Rekruten ist massiv eingebrochen. Nach Angaben des früheren Verteidigungsministers Rustem Umerow meldeten sich im vergangenen Jahr nur zwölf Prozent der neuen Soldaten freiwillig; der überwiegende Teil wurde zwangsweise eingezogen - mit oft fragwürdigen Mitteln, was den Kampfwert dieser neuen Soldaten massiv verringert.

Für zusätzliche Irritation im Westen sorgte die Entscheidung der ukrainischen Regierung, Männern zwischen 18 und 22 Jahren die Ausreise wieder zu gestatten. Seitdem strömen junge Ukrainer in EU-Staaten. In Deutschland wurden zuletzt bis zu 1800 ukrainische Asylwerber pro Woche registriert. Kanzler Friedrich Merz intervenierte bereits telefonisch bei Selenskyj und mahnte, die jungen Männer würden in ihrer Heimat dringend benötigt.

Kiew begründet die gelockerte Ausreise jedoch politisch: Die jüngeren Männer wolle man „nicht verlieren“, sondern ihnen eine Ausbildung im Ausland ermöglichen und sie später für den Wehrdienst zurückgewinnen. Gleichzeitig hofft die Regierung, eine problematische Praxis zu stoppen: Eltern, die ihre Söhne bereits mit 17 außer Landes bringen, um sie der Wehrpflicht zu entziehen.

Die ukrainische Armee kämpft nicht nur gegen einen starken Gegner, sondern zunehmend auch gegen Erschöpfung, Überlastung und schwindende Personalreserven. Für Offizier Lutsenko ist klar: Der Mangel an Soldaten gefährdet das Land stärker als politische Verwerfungen und internationaler Druck. Der „Personalkollaps“ sei das zentrale Risiko für die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine – und damit für ihre Zukunft als unabhängiger Staat.

(NZZ/RS)