Die Cyber-Security-Analyse: Wie Ex-Kanzler Kurz mit dem Fall Epstein ruiniert werden sollte
Zwei prominente Namen aus den nun aufgetauchten Mails des pädophilen US-Multimillionärs Jeffrey Epstein werden genannt, die dritte in dieser Causa ebenso bedeutende Person wird verschwiegen: Eine alte linkslastige österreichische Zeitung machte aus dieser Mischung eine Skandal-Story und musste jetzt dazu einen umfassenden Widerruf veröffentlichen.
Dass dies alles einfach so "passiert" sein soll, wird von Politikinsidern bezweifelt: Immerhin wird der als Geschäftsmann sehr erfolgreiche Ex-Kanzler von vielen ÖVP-Sympathisanten als letzte Hoffnung für die seit Monaten kriselnde Partei gesehen - nicht wenige sehnen sich danach, dass wieder der dynamische Sebastian Kurz schon in wenigen Wochen die ÖVP übernimmt. Und just als Geheimgespräche zwischen FPÖ und ÖVP über einen fliegenden Koalitionswechsel bekannt werden, kommt dann der Rufmord-Versuch an Kurz ...
Dirty-Campaigning-Versuch?
Der Wiener Cyber-Security-Experte Nikoll Gjokay (ATLAS Cyber-Security) hat nun diese Causa detailliert aufgearbeitet - er schreibt dazu eine hochspannende Analyse unter dem Titel "Epstein-Files: Wie aus einem geplatzten Epstein-Plan der Kurz-Skandal gestrickt wurde".
Statement.at bringt seine Ergebnisse der Daten-Recherche, die eines ganz klar zeigen: Das linkslastige Blatt, das eine konkrete Verbindung zwischen Jeffrey Epstein und auch dann zum rechten US-Promi Steve Bannon herbeifantasieren wollte, tat dies zumindest fahrlässig. Und: Es könnte sich um einen Dirty-Campaigning-Versuch handeln, bei dem die österreichische Zeitung, die erst kürzlich peinliche Fake-News über den Tod der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek verbreitet hat, als Trägerrakete benutzt werden sollte.
Nikoll Gjokay schreibt: "Als die neue ,Epstein-Files' am 12.11.2025 aus den USA öffentlich wurden, dauerte es nur Stunden, bis in Österreich eine Erzählung geboren war: Sebastian Kurz soll in den Unterlagen auftauchen, Epstein getroffen haben, vielleicht sogar gemeinsam mit Steve Bannon. In sozialen Medien verbreitete sich das wie ein Lauffeuer, einige Kommentare und Tweets gingen noch weiter und stellten den Ex-Kanzler faktisch in die Nähe des Epstein-Netzwerks.
Doch wer nicht bei Screenshots und Sekundärberichten stehen bleibt, sondern die Original-Chats liest, landet bei einem völlig anderen Bild: Es gibt keinen belegten Direktkontakt zwischen Kurz und Epstein. Was sich nach einem großen Skandal anhört, ist bei genauer Betrachtung ein gescheiterter Lobby-Versuch, der nie über das Stadium der Einladung hinausgekommen ist.
Diese Analyse rekonstruiert die Vorgänge anhand der forensisch gesicherten iMessage-Protokolle und zeigt, wie sehr die öffentliche Debatte inzwischen von Erzählung statt von Quelle geprägt ist.
Was in den „Epstein-Chats“ tatsächlich steht
Die nun ausgewerteten Dateien stammen aus dem Nachrichtenverzeichnis Users/jee/Library/Messages und dokumentieren iMessage-Konversationen von Jeffrey Epstein mit dem norwegischen Diplomaten Terje Rød-Larsen In diesen Chats taucht der Name Kurz mehrfach auf – allerdings nur in einer ganz bestimmten Rolle:
- Kurz wird als Zielperson einer geplanten Kontaktanbahnung genannt.
- Die eigentliche Kommunikation läuft ausschließlich über Rød-Larsen.
- Epstein selbst tritt gegenüber Kurz nie sichtbar in Erscheinung.
Die zeitliche Spanne der relevanten Chats reicht von Januar 2018 bis Mai 2019 – also von Kurz’ Hochphase als Kanzler bis wenige Tage nach der Ibiza-Affäre. Innerhalb dieses Fensters lassen sich mehrere Phasen rekonstruieren: erste Kontakte in Davos, Einladungsskizzen, Terminabstimmungen und später eine politische Lageanalyse nach Ibiza.
Was in keinem dieser Dokumente auftaucht:
- kein Chat Epstein ↔ Sebastian Kurz
- keine Bestätigung eines Treffens Kurz ↔ Bannon
- kein Hinweis auf einen tatsächlichen Austausch Kurz ↔ Epstein
Die Chats erzählen eine andere Geschichte: Epstein und Rød-Larsen wollen ein Treffen organisieren – und scheitern.
Davos 2018: Vertrauensbasis im Hintergrund
Die Vorgeschichte beginnt im Januar 2018 am Rande des World Economic Forum in Davos. Dort zeigt sich, wie eng der Arbeitsmodus zwischen Epstein und Rød-Larsen ist. Rød-Larsen bittet seinen Kontakt quasi im Vorbeigehen, einen Termin mit Bill Gates anzubahnen. Epstein sagt zu, kümmert sich, berichtet die Rückmeldung – ein eingespieltes diplomatisch-lobbyistisches Duo.
Diese Sequenz ist wichtig, weil sie zeigt:
- Rød-Larsen nutzt Epstein als Türöffner zu hochrangigen Personen.
- Rød-Larsen agiert als klassischer „Connector“: neutraler Diplomat, vertraute Figur, kein Skandalname.
- Diese Rollenverteilung wird später auch beim Versuch, Kurz zu erreichen, eine zentrale Rolle spielen.
Kurz selbst spielt zu diesem Zeitpunkt in den Chats noch keine Rolle. Aber das Muster ist klar: Epstein weiß, wie man über seriös auftretende Vermittler Zugang zu Entscheidungsträgern bekommt.
(Epstein) [email protected] ↔ Terje Rød-Larsen

Frühjahr 2018: Kurz als wichtiger Player
Zwischen Frühjahr und Frühsommer 2018 verdichtet sich das Interesse an Sebastian Kurz. Österreich steht politisch im Fokus:
- Österreich übernimmt den EU-Ratsvorsitz.
- Kurz positioniert sich als junger, international sichtbarer Kanzler.
- In den Chats wird erwähnt, dass Kurz Trump und Putin empfangen werde – ein Hinweis auf seinen wahrgenommenen außenpolitischen Stellenwert.
In den Protokollen taucht Epsteins Nachricht auf, Kurz sei „important“, eben weil er eine Rolle zwischen Washington, Moskau und Brüssel einnehmen werde. Rød-Larsen reagiert immer wieder mit einem knappen „Tried“ – er habe es versucht.
Genau diese knappe Rückmeldung zieht sich wie ein roter Faden durch die Konversation: Es ist das Protokoll eines mehrmals angesetzten, aber nicht zum Abschluss gebrachten Versuchs.
Der zentrale Move: Einladung an „Dear Sebastian“
Am 10. Juni 2018 kommt der entscheidende Schritt: Terje Rød-Larsen formuliert – offenbar in Abstimmung mit Epstein – ein Einladungsschreiben an Sebastian Kurz. Darin wird Steve Bannon als möglicher Gesprächspartner angeboten:
- Bannon wird als einflussreich und analytisch stark beschrieben.
- Kurz wird vorgeschlagen, Bannon in Wien zu treffen – mit mehreren möglichen Zeitfenstern.
- Epstein ergänzt (in der Chat-Diskussion mit Terje) nur einen Zusatz: Sollte Kurz in Paris sein, könne man dort ein Dinner einschieben.
Wichtig: Epsteins Name taucht in diesem Entwurf für Kurz nicht auf. Er möchte, dass alles über Terje Rød-Larsen läuft, neutrale diplomatische Verpackung inklusive. Kurz erhält – nach Lage der Quellen – eine Einladung zu einem Treffen mit Bannon, nicht mit Epstein. Terje merkt auch, dass es schwierig wird, Kurz für Bannon zu gewinnen und führt aus: "though we have significantly different views on some issues !"
Was hier passiert, ist klassisches Netzwerk-Design:
Diplomatische Fassade (Terje Rød-Larsen): Er kann Staats- und Regierungschefs ansprechen, ohne dass sofort Alarmglocken schrillen.
Strategischer Hintergrundakteur (Epstein): Steuert Formulierungen, Optionen und Timing, bleibt aber unsichtbar.
Politischer Nutznießer (Bannon): Soll Zugang zu einem europäischen Spitzenpolitiker erhalten – mit Fokus auf Geopolitik, Europa, Populismus.
Zusatzangebote: NATO-Lunch, Wien, Paris
In den Wochen nach dem Einladungsschreiben versucht Epstein offenbar, das Paket attraktiver und flexibler zu schnüren:
- Er schlägt einen privaten NATO-Lunch vor, falls Terje oder Bannon entsprechende Termine haben.
- Er erwähnt Reisen nach New York oder Wien als mögliche Gelegenheiten.
Die Botschaft zwischen den Zeilen ist klar: Man ist bereit, sich zu bewegen, das Setting anzupassen und zusätzliche Formate einzubauen. Das Ziel bleibt aber identisch: ein vertrauliches, hochrangiges Gespräch mit Kurz – idealerweise im Umfeld von Bannon.
Es gibt also keinen Beleg dafür, dass Kurz ein Treffen mit Epstein selbst anstrebte.
Dokumentiert ist lediglich eine Bereitschaft für ein Gespräch mit Steve Bannon, vermittelt über Rød-Larsen, mit Epstein als unsichtbarem Strippenzieher im Hintergrund.
Wie zuvor bleibt festzuhalten: Es existiert kein Nachweis, dass dieses Bannon–Kurz-Treffen tatsächlich stattgefunden hat – es fehlen fixierte Termine, ein konkreter Ort und jede spätere Referenz auf ein realisiertes Meeting.
Wer spielte welche Rolle?
Terje Rød-Larsen – der Türöffner
- Formuliert die Einladung an „Dear Sebastian“.
- Vermittelt zwischen Epstein, Bannon und potenziellen europäischen Gesprächspartnern.
- Nutzt sein diplomatisches Profil, um heikle Namen im Hintergrund zu halten.
Jeffrey Epstein – der unsichtbare Koordinator
- Steuert Formulierungen, Risikoeinschätzungen und Optionen (Wien, Paris, NATO-Lunch).
- Hält sich in der sichtbaren Kommunikation von Kurz fern.
- Denklogik: Einfluss üben ohne eigenen Namen auf der Einladung.
Steve Bannon – der projektierte Gesprächspartner
- Soll für ein strategisches Gespräch mit Kurz genutzt werden – Themen: Europa, Populismus, transatlantische Ordnung.
- Parallel baut Bannon seine Medienpräsenz (z. B. Hannity-Auftritte) aus, was Epstein wiederum skeptisch im Hinblick auf Europa beurteilt.
Der Blick in die vollständigen Protokolle führt zu einer deutlich nüchterneren Bilanz: - Ja, Kurz wird erwähnt – als Zielperson einer geplanten Kontaktanbahnung.
- Ja, es gab intensive Versuche, über Terje ein Treffen mit Bannon (und im Hintergrund Epstein) zu organisieren.
- Nein, es gibt keinen Beleg, dass es wirklich zu einem Treffen kam.
- Nein, es gibt keinen Chatverlauf, in dem Kurz direkt mit Epstein kommuniziert.
Die Chats sind somit weniger ein Beweis für einen vollzogenen Skandal als für etwas anderes:
Sie dokumentieren, wie global vernetzt Akteure wie Epstein, Terje Rød-Larsen und Bannon versucht haben, politischen Einfluss auf europäische Spitzenpolitiker zu gewinnen – und dass dieser Versuch im Fall Kurz offensichtlich nicht erfolgreich war."
Nikoll Gjokay fasst zusammen: "Wer öffentliche Mittel für Medienförderung erhält, trägt eine besondere Verantwortung, zwischen belegten Fakten und spekulativen Narrativen zu unterscheiden. Headlines, die suggerieren, was die Quellen nicht hergeben, beschädigen langfristig nicht nur einzelne Politiker, sondern auch die Glaubwürdigkeit des Journalismus."
Und für den Umgang mit Leaks rät er: "Forensische Daten sind Rohmaterial, keine fertige Story. Chats dokumentieren, was geschrieben wurde – nicht, was nie geschrieben oder ausschließlich telefonisch gesagt wurde."