Mit guten Vorschlägen in Sachen Bürokratie-Vereinfachung tut sich der hierfür zuständige Staatssekretär Josef "Sepp" Schellhorn (NEOS) schwer. Schon beim ersten Ansatz einer brauchbaren Idee springen Lobbyisten wie Heckenschützen hinterm Busch hervor, um ihre alten Pfründe zu verteidigen.
Das ist bei der Pickerl-Pflicht in Österreich nicht anders. Schellhorn plädiert dafür, die heimischen Autofahrer zu entlasten und sie nicht mehr jedes Jahr zur "Wiederkehrenden Begutachtung nach § 57a KFG ("Pickerl") für ihre Fahrzeuge zu nötigen. Das würde Zeit, Geld und Nerven ersparen.
Und es funktioniert sogar: Zumindest in Deutschland, Ungarn, Frankreich, Spanien oder der Slowakei. Dort müssen Autos ab der zweiten Untersuchung in einem 2-Jahres-Intervall zum technischen General-Check.
Aber: "Wir haben die Alpen, deswegen ist der Verschleiß und die Abnutzung bei den Autos höher als beispielsweise in Deutschland. Ein längeres Intervall würde mehr schwere Mängel in den Fahrzeugen bedeuten, was zu mehr Unfällen und somit mehr Verletzten und Toten führt", torpediert Andreas Westermeyer von der Wirtschaftskammer (WKO) als Sprachrohr der heimischen Kfz-Werkstätten gegenüber dem Standard die Pickerl-Anpasssung für Österreich.
Das ist in mehrfacher Hinsicht beachtlich: Denn nur die Minderheit der österreichischen Autofahrer lebt in den Alpen oder wenigstens im Alpenvorland. Nachvollziehbar: Wien, das Burgenland und die größten Teile von Nieder- und Oberösterreich gehören per Definition nicht zum alpinen Raum. Nicht einmal Tirol oder Salzburg zählen komplett dazu. Konkret: 60 Prozent der österreichischen Autofahrer haben mit den Alpen nichts zu tun - außer im Skiurlaub vielleicht.
Anders herum: Schon lange existieren innerhalb der EU auch in Deutschland (Bayern), Italien, Frankreich und Slowenien die Alpen. In keinem einzigen dieser Länder müssen Autofahrer mit ihren Fahrzeugen jedes Jahr zur Hauptuntersuchung. Auch in dem oben noch nicht genannten Italien und Slowenien ist das "Pickerl" alle zwei Jahre fällig. Die erste Untersuchung von Neufahrzeugen findet überhaupt erst nach vier Jahren statt.
Jetzt wäre die EU nicht die EU, würden die Ober-Bürokraten in Brüssel nicht versuchen, den herrschenden Paragrafen-Dschungel noch weiter auszubauen. Statt Österreich darauf hinzuweisen, sich allen anderen anzupassen, wird darüber verhandelt, alle anderen ebenso an die Kandare zu nehmen wie die geplagten Autofahrer zwischen Bodensee und Neusiedler See.
Das würde bedeuten: Auch die restlichen 250 Millionen zugelassenen Autos in der Union müssten dann jährlich zum Check. Die betroffenen Länder haben ihr Veto eingelegt.
Doch auch in Brüssel wie in Wien gilt: Die Lobbyisten der Kfz-Sparten reden ein gewichtiges Wort mit.