Der Silberrausch erreicht Österreich: Warum das Edelmetall plötzlich knapp und teuer ist

Silber ist plötzlich heiß begehrt: Der Preis explodiert, Münzen verschwinden vom Markt, Privatanleger drängen nach. Warum Österreich den Silberrausch erlebt – und was China und Elon Musk damit zu tun haben.

Heiß begehrt: Silbermünzen der Wiener Philharmoniker. Foto: Getty Images / Nichaolas Wright

Heiß begehrt: Silbermünzen der Wiener Philharmoniker. Foto: Getty Images / Nichaolas Wright

Wien „Ich habe sie 2009 gekauft und hatte sie immer mal wieder zum Verkauf angeboten. Aber jahrelang wollte sie niemand“, berichtet Franz O. gegenüber Statement. Seit einer Woche laufen dem Oberösterreicher nun aber Nutzer einer Kleinanzeigen-Plattform die Türe ein. Das Objekt der Begierde? Silbermünzen. „Eine Unze Wiener Philharmoniker, in Röhrchen zu je 20 Stück“, erklärt er und fügt stolz hinzu: „60 solche Tubes hatte ich bis vorige Woche. Heute habe ich die letzte verkauft. 25 Euro pro Münze günstiger als beim staatlichen Anbieter.“

Tatsächlich ist es mittlerweile schwer geworden, Silber privat zu kaufen. Wer darauf setzt, dass die Rallye des Edelmetalls weitergeht, muss den offiziellen – und teureren – Weg über Münze Österreich gehen. Aber wie kam es überhaupt zum Silberrausch?

Silber notiert aktuell bei knapp unter 70 Euro pro Feinunze. Zu Jahresbeginn lag der Kurs noch deutlich unter 30 Euro. Innerhalb eines Jahres hat sich der Preis damit mehr als verdoppelt. In Dollar gerechnet erreichte Silber Ende Dezember zeitweise ein historisches Hoch von 80 US-Dollar pro Unze. Für ein Edelmetall, das jahrelang als träge und unspektakulär galt, ist das ein markanter Stimmungswechsel.

Diese Entwicklung ist nicht allein spekulativ getrieben. Silber unterscheidet sich fundamental von Gold. Während Gold fast ausschließlich als Wertaufbewahrungs- und Schmuckmetall dient, ist Silber ein zentraler industrieller Rohstoff. Es ist hoch leitfähig, korrosionsbeständig und vielseitig einsetzbar. Genau diese Eigenschaften machen es für moderne Schlüsselindustrien unverzichtbar.

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Warum Silber für die moderne Wirtschaft unverzichtbar ist

Besonders deutlich wird das im Energiesektor. In Solarpaneelen bildet Silber die leitende Schicht, über die der erzeugte Strom abtransportiert wird. Ohne Silber sinkt der Wirkungsgrad deutlich. Mit dem globalen Ausbau der Photovoltaik steigt der Bedarf kontinuierlich. Ähnlich ist die Lage in der Elektromobilität. Elektroautos enthalten deutlich mehr Silber als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, vor allem in der Leistungselektronik, in Kabeln, Steuergeräten und Kontakten.

Auch die digitale Infrastruktur ist silberhungrig. Rechenzentren, die physische Basis von Cloud-Diensten, künstlicher Intelligenz und datenintensiven Anwendungen, benötigen Silber für Leiterplatten, Schalter und Hochleistungsbauteile. Je stärker Wirtschaft und Verwaltung digitalisiert werden, desto höher wird der strukturelle Bedarf.

Vor diesem Hintergrund erhielten jüngst politische Signale aus China besonderes Gewicht. Peking hat angekündigt, den Export strategisch wichtiger Metalle stärker zu kontrollieren. Auch wenn Silber nicht ausdrücklich im Zentrum der Maßnahmen steht, reagierten die Märkte nervös. China ist ein zentraler Akteur bei Förderung, Verarbeitung und Weiterverarbeitung vieler Rohstoffe. Schon die Aussicht auf Einschränkungen genügt, um Angebotsängste zu schüren.

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt das Thema durch eine Wortmeldung von Elon Musk. Der Tesla-Chef kommentierte Berichte über mögliche Exportbeschränkungen auf X mit den Worten: „Das ist nicht gut. Silber wird in vielen industriellen Prozessen benötigt.“ Es war kein Investment-Kommentar, sondern eine industrielle Warnung. Gerade deshalb wurde sie von Anlegern ernst genommen.

Mit diesem Tweet verschärfte US-Milliardär Musk die Situation noch weiter. Foto: Screenshot: X

Ein enger Markt trifft auf neue Käufer

Das Angebot an Silber lässt sich kurzfristig kaum ausweiten. Ein großer Teil der weltweiten Silberförderung entsteht als Nebenprodukt beim Abbau anderer Metalle, etwa von Kupfer oder Zink. Steigt der Silberpreis, bedeutet das nicht automatisch, dass mehr Silber produziert wird. Neue Minenprojekte benötigen lange Vorlaufzeiten, häufig ein Jahrzehnt oder mehr. Der Markt reagiert daher kurzfristig fast ausschließlich über den Preis.

Diese strukturelle Enge trifft nun auf eine neue Gruppe von Käufern: Privatanleger, die physisches Metall wollen. Anders als bei ETFs oder Zertifikaten lässt sich physisches Silber nicht beliebig vermehren. Münzen und Barren müssen geprägt, transportiert und gelagert werden. In einem vergleichsweise kleinen Markt reicht schon ein moderater Nachfrageanstieg, um spürbare Engpässe zu erzeugen.

Genau das zeigt sich derzeit auch in Österreich. Auf Kleinanzeigen-Plattformen verschwinden Angebote binnen kurzer Zeit. Händler berichten von leeren Lagern, Lieferzeiten und steigenden Aufschlägen. Wer heute noch kaufen will, landet fast zwangsläufig bei der Verkaufsbörse Münze Österreich. Der "Wiener Philharmoniker" ist dort als Münze weiterhin erhältlich, allerdings zu Preisen, die den gestiegenen Preis und die hohe Nachfrage widerspiegeln.

Ein beeindruckendes Jahr für Silber geht zu Ende. Quelle: Finanzen.at

Der Fall von Franz O. ist damit kein kurioser Einzelfall, sondern ein Symptom. Silber, jahrelang verschmäht und unterschätzt, wird plötzlich als strategischer Sachwert wahrgenommen. Für viele Anleger spielt dabei auch Psychologie eine Rolle. Gold gilt als teuer und schwer zugänglich, Silber wirkt greifbarer. Eine einzelne Unze erscheint überschaubar, das Aufwärtspotenzial größer.

Doch die Kehrseite ist offensichtlich. Wer heute kauft, kauft nicht mehr günstig. Mehrere Marktbeobachter warnen bereits vor Übertreibungen. Der australische Analyst Tony Sycamore sprach zuletzt von einer generationenübergreifenden Blase. Ob diese Einschätzung zutrifft, ist offen. Unbestritten ist jedoch, dass der Silbermarkt volatil ist und starke Rücksetzer jederzeit möglich sind.

Für Österreich ist der Silberrausch dennoch aufschlussreich. Er zeigt, wie rasch globale Industriepolitik, geopolitische Spannungen und technologische Trends selbst einen lange ignorierten Rohstoff ins Zentrum rücken können. Silber ist nicht plötzlich vom Markt verschwunden. Es wird knapp, weil es gleichzeitig von Industrie, Staaten und Anlegern beansprucht wird.

Ob der Höhenflug anhält oder eine scharfe Korrektur folgt, bleibt offen. Sicher ist nur: Silber hat seinen Ruf als vergessenes Edelmetall verloren. Und so mancher Österreicher wird dieser Tage feststellen, dass sich ein jahrelang belächelter Stapel Münzen plötzlich als begehrter Schatz entpuppt hat.