Es ist heute überraschend einfach, sowohl ein positives als auch ein negatives Szenario für die Entwicklung der Finanzmärkte zu skizzieren. Nicht weil die Zukunft vorhersehbar wäre, ganz im Gegenteil. Die Märkte befinden sich an einem Punkt, an dem bislang etablierte Interpretationsrahmen zerfallen und zuvor verlässliche Lehrsätze ihre Aussagekraft verlieren.
Ein einziges Beispiel genügt, um das zu illustrieren: Der Goldpreis bewegt sich auf historischen Höchstständen. Das ist ein klassisches Signal für Angst, Inflation oder systemisches Risiko. Gleichzeitig brechen die amerikanischen Aktienindizes jedoch Rekorde, als würde die Wirtschaft in eine neue Ära der Stabilität und des Wachstums eintreten.
Dieses Wachstum wird vor allem von Technologieaktien getragen, die von Natur aus sehr riskant sind. Jede kleine Veränderung oder jedes kleine Problem kann den Kurs dieser Aktien erheblich drücken. Die Widersprüchlichkeit der Signale ist somit zur neuen Normalität geworden.
Die Wahl zwischen einem positiven und einem negativen Szenario ist daher vor allem eine Frage der Interpretation derselben Realität. Wie beim klassischen Bild des halbvollen Glases kann man auch die Märkte auf zwei Arten betrachten. Optimisten sehen in ihnen eine Fortsetzung des Wachstums und strukturelle Chancen. Pessimisten weisen auf die Fragilität der Bewertungen und das Risiko einer plötzlichen Korrektur hin.
Negative Narrative, also Warnungen vor einem Crash, einer Krise oder einem Zusammenbruch, ziehen systematisch mehr Aufmerksamkeit auf sich als Szenarien einer allmählichen Stabilisierung oder eines anhaltenden Wachstums. Dies führt zu einer Informationsasymmetrie: Die pessimistische Interpretation der Realität ist nicht deshalb überproportional vertreten, weil sie unbedingt wahrscheinlicher wäre, sondern weil sie für den Leser attraktiver ist. Genau aus diesem Grund ist es notwendig, mit einem positiven Szenario für die Entwicklung der Finanzmärkte im Jahr 2026 zu beginnen.
Optimistisches Szenario: Nachhaltigkeit des aktuellen Trends
Das ermutigende Szenario basiert hauptsächlich darauf, dass wir den Wachstumstrend kontinuierlich fortsetzen werden. Die technische Analyse bestätigt dieses Szenario. Die amerikanischen Märkte befinden sich auf einem langfristigen Aufwärtstrend und wachsen aus eigener Kraft. Um dieses Wachstum zu stören, müsste es zu wirklich unerwarteten schlechten Nachrichten kommen.
Und hier liegt das Problem, denn selbst schlechte Nachrichten stören den Optimismus am Markt nicht, sondern stärken ihn sogar. Schlechte Nachrichten bedeuten nämlich, dass die US-Notenbank eingreifen muss. Entweder senkt sie dann die Zinsen oder sie versorgt den Markt mit der notwendigen Liquidität. Die Anleger rechnen damit.
Aus diesem Grund wird jeder Rückgang der Märkte von den meisten Anlegern als Kaufgelegenheit wahrgenommen. Die Angst, den Anschluss zu verpassen, sorgt dafür, dass kein Kursrückgang von Dauer sein wird. Für ein optimistisches Szenario braucht es also wirklich nicht viel.
Das Jahr 2026 muss sich jedoch nicht nur auf die gleichen Umstände wie 2025 verlassen. Das nächste Jahr könnte nämlich bestätigen, dass Donald Trump den richtigen Weg für den wirtschaftlichen Aufschwung der USA eingeschlagen hat. Es wird eine Steuersenkung für amerikanische Unternehmen erwartet. Niedrigere Gewinnsteuern schlagen sich automatisch in den wirtschaftlichen Ergebnissen nieder. Niedrigere Körperschaftssteuern bedeuten automatisch höhere Gewinne für die Aktionäre. Höhere Gewinne verbessern den Aktienkurs. Darüber hinaus will die Trump-Regierung weiterhin überflüssige Regulierungen abschaffen. Dank billiger Energie wird die USA ein anhaltend starkes Wachstum erwarten.
Der letzte Faktor, der weltweit für eine Steigerung der Unternehmensrentabilität sorgen kann, ist die schrittweise Einführung künstlicher Intelligenz. Dies wird sich in einer Steigerung der Arbeitsproduktivität in Unternehmen niederschlagen. Sprachmodelle werden nicht dazu dienen, dass Mitarbeiter ihre Zeit damit verbringen, nutzlose Fragen zu stellen oder ihre Gesundheitsprobleme zu besprechen, sondern sie werden die Leistungsfähigkeit der künstlichen Intelligenz nutzen, um ihre täglichen Arbeitsaufgaben zu lösen. Das Produktivitätswachstum in der gesamten Wirtschaft wird die Bedenken hinsichtlich der Rentabilität astronomischer Investitionen in KI zerstreuen. Technologietitel werden somit auch im Jahr 2026 einen weiteren Grund für Wachstum haben.
Pessimistische Fallstricke der Märkte im Jahr 2026
Für die Entwicklung eines negativen Szenarios gibt es mehrere Möglichkeiten. Die erste ist die Rückkehr der Schuldenproblematik. Eine der Auswirkungen der Covid-Krise war der Anstieg der Staatsverschuldung. Vor dem Coronavirus wurde darüber gesprochen, dass die Schuldenlage ernst ist und dass die Staaten zehn, vielleicht fünfzehn Jahre Zeit haben, um ernsthaft mit der Lösung des Problems zu beginnen. Covid hat diesen Zeitpuffer halbiert.
Die Verschuldung ist eine tickende Zeitbombe unter den Finanzmärkten. Unabhängig davon, ob es sich um amerikanische oder beispielsweise französische Schulden handelt. Der Weg zur Lösung des Schuldenproblems führt über die Eindämmung des Staatsdefizits. Sparen fällt weder den Amerikanern noch den Franzosen oder Japanern leicht.
Das Herannahen der Schuldenkrise lässt sich an den steigenden Renditen langfristiger Anleihen beobachten. Dieser Effekt ist bereits jetzt zu beobachten. Trotz der Zinssenkungen im Jahr 2025 durch die amerikanische Fed und die europäische EZB steigen die langfristigen Renditen für Staatsanleihen. Gerade die steigenden Renditen könnten erneut zu einem Ausverkauf sowohl auf dem Anleihe- als auch auf dem Aktienmarkt führen.
Die zweite Stolperfalle sind natürlich Investitionen in künstliche Intelligenz. Die großen Unternehmen aus dem Technologie-Quintett werden ihre Investitionen in KI weiterhin in einem so rasanten Tempo steigern, dass sich dies in sinkenden Nettogewinnen niederschlagen wird.
Die Anleger werden in Panik geraten, denn bisher wird zwar spekuliert, dass Unternehmen wie etwa Oracle Probleme haben, aber niemand rechnet damit, dass auch große US-Unternehmen wie Google, Amazon oder Meta ihre Investitionen in künstliche Intelligenz so hoch halten könnten, dass dies ihre Rentabilität grundlegend gefährden würde. Ein Rückgang der Margen von Technologieunternehmen würde bestätigen, dass sich Investitionen in künstliche Intelligenz in den nächsten fünf Jahren nicht amortisieren werden.
Die Berechnung der Risiken lässt sich noch weiter fortsetzen. Die Rückkehr der Inflation in die USA würde den Märkten einen Strich durch die Rechnung machen, ebenso wie geopolitische Spannungen in Asien. Der Konflikt in der Ukraine wird vielleicht im nächsten Jahr beendet sein, aber das bedeutet nicht, dass die Welt sicherer wird.
Der Krieg in der Ukraine hatte relativ geringe Auswirkungen auf die Märkte. Er schlug sich vor allem auf dem Rohstoffmarkt in den Preisen für Öl und Erdgas nieder. Ein Waffengefecht in Asien wäre jedoch eine Katastrophe für die Märkte. Die Spannungen zwischen China und Japan nehmen zu. Praktisch jederzeit könnte eine der beiden Seiten den Konflikt weiter verschärfen. Eine Verschlechterung der Sicherheitslage in Asien wäre für die meisten Aktienmärkte weltweit ein unangenehmer Weckruf.
Das Jahr 2026 wird also kein Test für das Wirtschaftswachstum sein, sondern ein Test für das Vertrauen in dessen Nachhaltigkeit. Vertrauen ist dabei eine Ware, die sich auf den Märkten sehr seltsam verhält. Es verschwindet ohne Vorwarnung. Und dennoch rechnen alle damit, als würde es ewig bestehen bleiben. Übermäßiges Vertrauen ist somit letztendlich nur eine raffiniertere Form der Blindheit.