Laut Studie der Sozialmedizinerin Ursula Kunze von der Universität Wien, die gemeinsam mit ihrem Team die entsprechenden Daten für den Zeitraum zwischen 1982 und 2023 analysiert hat, ist es nach dem Boom während der Covid-19-Pandemie erneut zu einem deutlichen Rückgang bei den Grippe-Impfungen gekommen."Trotz umfassender Impfempfehlungen wird die Grippeimpfung von der österreichischen Bevölkerung und vielen Bereichen des Gesundheitssystems weiterhin deutlich unterschätzt", so Kunze in ihrer Analyse im Fachmagazin "Frontiers in Public Health".
Wie schwerwiegend die Folgen sind, zeigen die aktuellen Zahlen: In Österreich verursacht die saisonale Grippe schätzungsweise 350.000 bis 400.000 Infektionen und etwa 1.300 Todesfälle pro Jahr. Grippebedingte Todesfälle zählen somit zu den häufigsten durch Impfung vermeidbaren Todesursachen in Österreich.
Österreich zählt zu den Ländern mit geringstem Grippeschutz
Sowohl die historischen als auch die aktuellen Impfdaten zeichnen für Österreich ein ziemlich niederschmetterndes Bild. Trotz kostenloser Impfung und sehr umfassender Impfempfehlungen zur Influenza, zählt Österreich im europäischen Vergleich mit Impfraten von nur rund 13 Prozent auf die Allgemeinbevölkerung gerechnet zu den Ländern mit dem geringsten Impfschutz. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate bei mehr als 40 Prozent – der EU-Durchschnitt liegt sogar bei 47 Prozent.
Für ihre aktuelle Studie haben sich die Mediziner Zahlen über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren angesehen. Dabei zeigte sich zunächst, dass die Inanspruchnahme des Grippeimstoffs zwischen 1982 und 2003 deutlich zunahm. In genauen Zahlen bedeutet das: Ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau von 20 Dosen pro 1.000 Einwohner stieg die Impfquote auf 127 Dosen pro 1.000 Einwohner. Die höchste Quote wurde in der Saison 2006/07 mit 142 Dosen pro 1.000 Einwohner verzeichnet. Ab der Saison 2007/08 ging diese dann kontinuiertlich zurück, bis 2011 auf 81 Dosen pro 1.000 Einwohner, gefolgt von einem weiteren Rückgang auf nur noch 62 Dosen pro 1.000 Einwohner in der Saison 2015/16", analysierten die Wissenschafter.
"Jahrzehnte anhaltender Ignoranz und Verweigerung"...
In den folgenden Jahren war wieder ein leichter Anstieg auf bis zu 85 Dosen pro 1.000 Einwohner in der Saison 2019/20 zu verzeichnen. Dann kam der "Ausreißer" rund um Covid-19. „Die Saison 2020/21 war bemerkenswert, da sich die Anzahl der verabreichten Dosen auf 221 Dosen pro 1.000 Einwohner mehr als verdoppelte. Dies war das erste Jahr der Covid-19-Pandemie und das erste Jahr, in dem umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit für die Grippeschutzimpfung durchgeführt wurde. Dieser 'Covid-19-Effekt' war jedoch nur von kurzer Dauer, da die Anzahl der Dosen in den folgenden Saisons wieder sank (auf 168 Dosen pro 1.000 Einwohner in der Saison 2021/22, 136 Dosen pro 1.000 Einwohner in der Saison 2022/23 und 133 Dosen pro 1.000 Einwohner in der Saison 2023/24)“, erklärt Ursula Kunze und fügt hinzu: „Die aktuelle Impfquote von 13 Prozent zählt somit weiterhin zu den niedrigsten weltweit.“
Selbst deutliche Anstrengungen offizieller Stellen zur Empfehlung der Influenza-Impfung an die Bevölkerung haben bisher kaum Wirkung gezeigt: "Die erstmalige Durchführung landesweiter öffentlicher Impfprogramme in der Saison 2023/24 führte nicht zu einem messbaren Anstieg der Impfraten." Der Zeitraum von 1982 bis 2023 sei, was diese Impfung betreffe, durch "Jahrzehnte anhaltender Ignoranz und Verweigerung" gekennzeichnet gewesen, so die Experten.
...oder die Quittung für Corona-Impfpflicht
Eine andere Deutung zur Impfmüdigkeit in der Bevökerung ist freilich auch möglich: Die heftigen Debatten rund um die Corona-Impfung und ihre möglichen Risiken und Nebenwirkungen, aber auch die Einführung einer Corona-Impfpflicht in Österreich, haben die Skepsis zahlreicher Bürger gegenüber Impfungen generell wachsen lassen. In zahlreichen Ländern der EU, auch beispielsweise in Deutschland, ist seither ein breites Misstrauen und Vertrauensverlust gegenüber staatlichen Impfempfehlungen und vorher hoch angesehenen Institutionen wie der ständigen Impfkommission STIKO zu beobachten. Infolge verzichten viele Menschen für sich und auch für ihre Kinder sogar auf längst erprobte und risikoarme Schutzimpfungen.