Im Allgemeinen gilt, dass in einer Schachpartie der Spieler mit den weißen Figuren einen kleinen, aber messbaren Vorteil hat. Er beginnt, bestimmt das Tempo und zwingt den Gegner zu reagieren. Donald Trump wartete nicht lange und eröffnete überraschenderweise gleich zum Start in das Jahr 2026 seine geopolitische Schachpartie. In Venezuela spielt heute Washington mit den weißen Figuren.
Die amerikanische Operation, die zur Gefangennahme von Nicolás Maduro führte, war nicht nur ein Regimewechsel, sondern auch das Ergreifen der Initiative. Der erste Zug ist bereits gemacht, und genau dieser ist in dieser Partie entscheidend. Es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass Venezuela kein Schachbrett ist, sondern nur ein Bauer in diesem Spiel in einer multipolaren Welt.
Die Intervention der USA in Venezuela kam nicht überraschend. Jacques Baud, genau jener Schweizer Militärexperte, der aktuell von der Europäischen Union auf die Saktionsliste gesetzt wurde, sagte in einem Interview mit seinem Verleger Max Milo Éditions, das Anfang Dezember 2025 veröffentlicht wurde, die gesamte Aktion voraus. Der Hauptgrund für die Intervention war das anhaltende Interesse an Venezuela, das bereits während Trumps erster Amtszeit begann. Braud wies darauf hin, dass die Interventions-Begründungen der USA mit den Argumenten des illegalen Drogenhandels Venezuelas eher ein Signal für den Beginn der Operation darstellten, als dass sie ein tatsächlicher Grund seien, für das Handeln.
Das eigentliche Ziel der Intervention war es, die Macht der Vereinigten Staaten zu demonstrieren und die Kontrolle über das strategische Gebiet in Südamerika wiederherzustellen.
Die Monroe-Doktrin in neuem Gewand
Die Trump-Regierung handelt im Einklang mit einer aktualisierten Version der Monroe-Doktrin, die der Präsident selbst in Anlehnung an seinen Vornamen kürzlich scherzhaft als „Donroe-Doktrin“ bezeichnete. Ihre Logik ist einfach: Staaten werden nicht nach der Einhaltung universeller Normen bewertet, sondern danach, ob sie Freunde oder Feinde der Vereinigten Staaten sind. Es handelt sich um eine ungewöhnlich harte Doktrin, nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen ihrer brutalen Offenheit.
Genau hier bietet sich eine Parallele zu Carl Schmitt. Der deutsche Rechtstheoretiker wies darauf hin, dass die grundlegende politische Unterscheidung nicht zwischen legal und illegal, sondern zwischen Freund und Feind besteht. Er vertrat auch die Theorie, dass das Konzept transnationaler, wertneutraler Gemeinschaften letztlich illusorisch sei: In Krisenzeiten komme es immer wieder zu souveränen Entscheidungen und damit zu einer scharfen Teilung der Welt.
Trumps Politik erschafft diese Logik nicht, sondern befreit sie lediglich von ihrem liberalen Schleier. Überraschend neu ist die Tatsache, dass die USA nicht mehr von der Einführung der Demokratie in einem Drittstaat sprechen. Bislang scheint es völlig egal zu sein, wer nach Maduro die Regierung übernimmt, solange er die amerikanischen Forderungen erfüllt. Es handelt sich nicht um die Geburt einer neuen Geopolitik, sondern um das Bekenntnis zur alten.
Die supranationalen Institutionen wie die UN verlieren nicht deswegen an Bedeutung, weil Trump sie geschwächt hat, sondern weil sie in einer Situation harter Machtkonfrontation nicht in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen. Trump ist also nicht die Ursache für den Zerfall globaler Strukturen, sondern deren sichtbare Folge.
Öl nur als Nebenthema
Aus klassischer geopolitischer Sicht geht es im Fall Venezuelas um die Suche nach einer neuen Einflusssphäre. Unmittelbar nach der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten gab es Spekulationen, dass es Amerika wie im Fall des Irak um Öl gehe. Als Argument wurden vor allem die riesigen Ölvorkommen Venezuelas angeführt.
Dieser Grund ist jedoch nebensächlich und spiegelt mehrere grundlegende Veränderungen nicht wider. Bis 2015 war es den USA verboten, ihr Öl zu exportieren. Die amerikanische Sicherheitsstrategie basierte lange Zeit darauf, dass Öl überall auf der Welt gefördert werden muss und die amerikanischen Reserven für später aufbewahrt werden sollten. Mit dem Beginn der Schieferrevolution hat sich dies jedoch geändert.
Seit 2022 sind die USA der größte Exporteur von Flüssigerdgas (LNG) und ein wichtiger Exporteur von Öl. Aus dieser Perspektive ist es also nicht das vorrangige Ziel, so viel Öl wie möglich in Venezuela zu fördern, da dies einen weiteren negativen Druck auf den Ölpreis ausüben würde. Natürlich sind Öl und seine Förderung immer attraktiv, aber im Falle Venezuelas werden massive Investitionen und mehrere Jahre erforderlich sein, um die Ölproduktion wieder auf das Niveau zu bringen, auf dem sie war, als Hugo Chávez einst die amerikanischen Unternehmen aus Venezuela vertrieb.
Dieser Prozess wird Jahre dauern und beinhaltet eine wichtige Unbekannte: Wie wird das venezolanische Regime in den kommenden Jahren tatsächlich aussehen? Das weiß niemand. Mit einer solchen langfristigen Perspektive zu operieren, macht in der heutigen Welt keinen Sinn.
Im Falle Venezuelas geht es also darum, Einfluss in einer Region zu gewinnen. Es geht nicht nur um Öl, sondern um alle Bodenschätze und eine vorteilhaftere geopolitische Position auf dem Schachbrett. Trump und seine Regierung haben der ganzen Welt deutlich gemacht, dass weitere Länder und Gebiete in ihrem Visier sind: von Kuba über Grönland, Kolumbien und Mexiko bis hin zu Kanada.
Alles kann nun für die Sicherheits- und Strategieinteressen der USA von Bedeutung sein. Darüber hinaus haben die USA ihre Vorgehensweise geändert. Es geht nicht mehr in erster Linie um militärische Interventionen, die den amerikanischen Steuerzahlern enorme finanzielle Mittel gekostet haben, sondern um gezielte Operationen, die sich gegen Einzelpersonen richten. Die amerikanischen Sicherheitsdienste haben sich dabei von den israelischen inspirieren lassen, die diese Vorgehensweise schon lange praktizieren.
China als Hauptperimeter
Es wäre jedoch ein Fehler, sich nur auf diese Dimension zu konzentrieren. Auf dem Schachbrett geht es nicht nur darum, einen Positionsvorteil zu haben, sondern auch darum, den Gegner zu schlagen. Und im Falle der USA ist klar, dass China der Hauptfeind ist. Gerade China wird von der Operation in Venezuela am stärksten betroffen sein. Denn China hat in großem Umfang venezolanisches Öl bezogen. Jetzt muss es sich einen anderen Lieferanten suchen.
Iran bietet sich unmittelbar an, dieser ist aber selbst in der Krise. Aber was für ein Zufall, dass Trump in letzter Zeit auch über Iran spricht. Sollte es auch in Iran zu einem Regimewechsel kommen, würde die Situation für China katastrophal werden. Das Land müsste sich auf Russland verlassen. Aber auch hier haben wir in letzter Zeit systematische Angriffe seitens der Ukraine beobachtet, scheinbar unlogische Angriffe auf russische Raffinerien - die in diesem erweiterten Kontext wiederum Sinn ergeben.
Diese Angriffe können Russland zwar nicht seine Vorräte nehmen und damit die Kriegshandlungen stoppen, aber sie erschweren ihm den Verkauf. Und es ist allgemein bekannt, dass die ukrainischen Operationen auf russischem Gebiet nicht ohne die Unterstützung der amerikanischen Sicherheitsdienste möglich wären. Der Verlust des russischen Öls würde für China praktisch das Aus bedeuten.
Venezuela ist also kein Ziel an sich, sondern einer von mehreren strategischen Schritten in einem größeren Spiel, in dem die Vereinigten Staaten testen, wie weit ihre Fähigkeit reicht, neue Einflussbereiche abzugrenzen. Der eigentliche Gegner sitzt dabei weder in Caracas noch in Havanna, sondern in Peking, und der nächste Zug liegt nun bei den Chinesen.