Teheran. Der israelische Geheimdienst schrieb am 29. Dezember 2025 auf Persisch, der Amtssprache des Iran auf seinem X-Account: „Geht gemeinsam auf die Straße. Die Zeit ist gekommen.“ In der Meldung hieß es auch, dass die Demonstranten nicht allein seien, da sie direkt auf den Straßen von israelischen Agenten unterstützt würden.
Mike Pompeo, ehemaliger US-Außenminister und CIA-Direktor während der ersten Amtszeit von Präsident Donald Trump, merkte am 2. Januar in einem sozialen Netzwerk mit ironischem Unterton an, die islamistische Diktatur im Iran feiere in diesem Jahr ihren 47. Geburtstag und Trump sei der 47. Präsident der USA. Gleichzeitig wünschte er den protestierenden Iranern ein frohes neues Jahr, ebenso wie „jedem Mossad-Agenten, der an ihrer Seite steht“.
Israel begrüßt zweifellos die Schwächung seines größten Gegners im Nahen Osten. Die USA, die Israel unterstützen, haben bereits erklärt, dass sie den iranischen Demonstranten zu Hilfe kommen könnten, sollte das Regime Schusswaffen gegen sie einsetzen. Damit könnte auch die kürzliche Verlegung von US-Truppen nach Großbritannien in Zusammenhang stehen. Inzwischen ist ein Flugzeugträger der Amerikaner unterwegs in die Region.
Unabhängig davon, ob Israel, die USA oder andere externe Akteure eingreifen oder nicht, fordert ein Großteil der Vertreter der jungen Generation in Iran tiefgreifende politische und gesellschaftliche Veränderungen. Und die Brutalität, mit der das Regime seinen Sturz hinauszögert, bestärkt die Demonstranten nur in ihrer Überzeugung, dass ein Umsturz unumgänglich ist.
Von Protesten zur Revolution
Laut dem Buch Revolutions benötigt eine Revolution mehrere Faktoren, um erfolgreich zu sein, darunter erhebliche wirtschaftliche Erschütterungen, günstige internationale Bedingungen, gespaltene Eliten, eine Koalition oppositionell gesinnter Menschen sowie eine überzeugende Erzählung des Widerstands. Der Autor des Buchs, Professor Jack A. Goldstone, ist überzeugt, dass die Lage in Iran zum ersten Mal seit der islamischen Revolution im Land „fast alle fünf Voraussetzungen erfüllt“.
Die Wirtschaftskrise in Verbindung mit einer unglaublichen jährlichen Inflationsrate wird durch den eingeschränkten Zugang der Mittelschicht zu Grundnahrungsmitteln und durch den Mangel an Trinkwasser im Land noch verschärft. China unterstützt zwar mit moderner Technologie die Unterdrückung der Proteste im Iran, aber weder Peking noch Moskau werden Teheran militärisch helfen.
Auf der anderen Seite flankiert Israel die Proteste direkt vor Ort, und die USA könnten im Bedarfsfall zugunsten eines Umsturzes militärisch eingreifen. Ähnlich wie zur Zeit des Zusammenbruchs der UdSSR leidet auch die Führungsschicht im Iran unter einem deutlichen Rückgang des tatsächlichen ideologischen Eifers, was den Gegnern des Regimes ebenfalls in die Hände spielt.
Schließlich gibt es noch eine überzeugende Erzählung des Widerstands in Form eines symbolischen Systems, das mit dem nichtislamischen Wesen des Iran verbunden ist: allgegenwärtige Flaggen aus der Zeit der Monarchie, die Zerstörung der heutigen Flaggen, von Demonstranten getragene Porträts des Sohnes des letzten Schahs, der 1979 während der islamischen Revolution gestürzt wurde, sowie Widerstand gegen den Islam, der sich im Niederbrennen von Moscheen im eigenen Land und im künstlerische Schaffen der Perser im Exil ausdrückt.
Von der Revolution zum Bürgerkrieg
Die ethnischen Perser machen in dem 92 Millionen Einwohner zählenden Iran je nach Quelle 51 bis 65 Prozent der Bevölkerung aus, die Aserbaidschaner 16 bis 24 Prozent und damit ein Mehrfaches der Zahl in Aserbaidschan selbst, Kurden etwa sieben Prozent, ergänzt um rund zehn weitere Nationalitäten in geringerer Zahl. Darüber hinaus halten sich in Iran etwa vier Millionen Flüchtlinge aus Afghanistan auf.
Da die fünfte Voraussetzung für eine erfolgreiche Revolution ein Bündnis regimekritisch denkender Menschen ist, erweist sich ein solches in einem ethnisch derartig vielfältigen Land oft als fragil.
Mitte Januar versuchten bewaffnete Kurden, die irakisch-iranische Grenze zu überqueren, was einem Teil von ihnen auch gelang. Die gut auf den Krieg vorbereiteten Kurden lauern im Irak auf ihre Chance und wollen sie offenbar nutzen. Es ist nur fraglich, ob sie durch den Kampf gegen die regimetreuen Islamischen Revolutionsgarden zum Sturz des Regimes beitragen oder ob sie im Irak abwarten und erst danach eingreifen werden.
Obwohl sich die kurzfristigen Ziele der verschiedenen kurdischen Gruppierungen unterscheiden, betrachten sie alle ein Ziel als endgültigen Sieg: einen eigenständigen kurdischen Staat. Eine Bedrohung für die territoriale Integrität des Iran stellen jedoch auch arabische und andere Separatisten dar, die eine Schwächung der Zentralmacht während des Sturzes des Regimes oder kurz danach zu ihrem Vorteil nutzen dürften.
Die Perser auf den Straßen ebenso wie westliche Staats- und Regierungschefs würden im Interesse von Stabilität und Wohlergehen des Iran gerne eine rasche Machtübergabe von Ali Khamenei an den einzigen im In- und Ausland anerkannten Oppositionsführer sehen: den im Exil lebenden Schah Reza Pahlavi. Experten weisen jedoch darauf hin, dass dem Land wahrscheinlich nur zwei Möglichkeiten offenstehen: Entweder bleibt die Diktatur der Ayatollahs bestehen, oder es kommt zu ihrem Sturz und einem anschließenden Machtvakuum, das unweigerlich in einen Bürgerkrieg münden würde.
Selbst bei einem schnellen Machtwechsel, der den Separatisten keine Zeit ließe, sich zu organisieren oder sich mit bewaffneten Gruppen im nahen Ausland zu verbünden, bliebe im Iran eine große Zahl regierungsfreundlicher Bürger, die nicht auf den Straßen zu sehen sind. Für sie steht nicht die Nationalität an erster Stelle, sondern der Glaube – und damit auch der höchste geistliche Führer, der Ayatollah.
In Iran werden keine Umfragen zu politischen Einstellungen durchgeführt, weshalb niemand zu schätzen wagt, wie viele Iraner auf der Seite des Regimes stehen. Das theokratische System kann sich zwar weiterhin auf die Streitkräfte stützen, doch bleibt die Frage offen, inwieweit und in welchem Umfang diese Kräfte dem Regime noch loyal gegenüberstehen.
Der Kampf um die Aufrechterhaltung des Status quo ist durchaus real: Das Arsenal der Islamischen Revolutionsgarde und der nur teilweise dem Regime ergebenen Armee umfasst eine riesige Menge an ballistischen Raketen und Selbstmorddrohnen, wie man sie aus den russischen Angriffen auf die Ukraine kennt.
Im Falle eines Sturzes des Regimes könnten die Waffen in die Hände dezentralisierter bewaffneter Gruppen gelangen und den Iran in einen neuen Irak verwandeln. Nach der amerikanischen Intervention im Jahr 2003 wurde dort die zentrale Macht der Diktatur durch anhaltendes Chaos und einen jahrelangen Krieg zwischen den Anhängern des neuen Regimes und dem zerstrittenen Lager seiner Gegner ersetzt.