Iran in Karten - Zwischen Bergfestung und Gefängnis

Der Iran liegt inmitten einer der wichtigsten Landrouten der Welt. Berge, Wüsten und ethnische Vielfalt prägen nicht nur seine Vergangenheit, sondern können auch über die Frage entscheiden, ob das Regime stürzt oder überlebt.

Karte Asiens aus der viktorianischen Ära. Foto: whitemay/Getty Images

Karte Asiens aus der viktorianischen Ära. Foto: whitemay/Getty Images

Teheran. Was wird im Iran passieren? Wird das Regime stürzen? Wenn ja, wie? Was werden die anderen Großmächte tun? Um diese Fragen beantworten zu können, muss man verstehen, warum der Iran so ist, wie er ist. Zwei Karten geben darüber Aufschluss.

Die erste zeigt, dass der Iran mitten auf der wichtigen Ost-West-Route Eurasiens liegt. Im Laufe seiner Geschichte sah er sich im Westen Großmächten wie Babylon, Griechenland, Rom, dem Osmanischen Reich (heute Türkei), dem Britischen Empire oder den USA gegenüber. Im Norden Russland. Im Nordosten erlebte das Land Dutzende von Invasionen durch Nomadenvölker, von denen die Mongolen die bekanntesten waren. Heute zählen auch Israel, Saudi-Arabien und Pakistan zu den relevanten Akteuren.

Irans Lage auf der Ost-West-Achse Eurasiens. Foto: Tomas Pueyo

Damit all diese Zivilisationen auf dem Landweg von Osten nach Westen gelangen konnten, mussten sie entweder durch den Iran oder durch eine kleine Lücke zwischen dem Kaspischen Meer und dem Uralgebirge in Russland (rote Pfeile auf der Karte) reisen. Der Iran lag mitten auf einem Korridor, den Dutzende von Mächten kontrollieren wollten.

Weitere Karten zeigen ein wichtiges Merkmal des Iran – er war und ist eine Bergfestung.

Die Folgen dieser beiden Tatsachen – eine Festung inmitten eines wichtigen Korridors – haben die Geschichte des Iran maßgeblich beeinflusst. Und sie wirken bis heute fort, wobei zu erwarten ist, dass sich daran in Zukunft nichts ändern wird.

Festung, aber auch Gefängnis

Obwohl der Iran aufgrund seiner Lage externen Bedrohungen ausgesetzt ist, ist er riesig. Mit 1,7 Millionen Quadratkilometern und 90 Millionen Einwohnern ist er 70 Prozent größer und hat mehr Einwohner als Afghanistan und Irak zusammen. Wenn es für die USA schon schwierig war, Afghanistan zu kontrollieren, lässt sich erahnen, wie eine Bodeninvasion im Iran ausgehen würde.

Ähnlich wie Afghanistan ist der Iran mit seinen Bergen, Wüsten und Meeren gut vor ausländischen Angreifern geschützt.

Das hohe Zagros-Gebirge begrenzte in der Vergangenheit Mesopotamien im Osten, wo eine der ersten Zivilisationen entstand, da die Ufer von Tigris und Euphrat besonders fruchtbar sind.

Während es für die Menschen aus den Ebenen mühsam war, über die Berge anzugreifen, ist es für die Bergbewohner wiederum schwierig, in die Ebenen hinabzusteigen. Diese Dichotomie zwischen Berg- und Tieflandbewohnern war bereits in der Zeit der Babylonier und Meder um 600 v. Chr. offensichtlich.

Später eroberten die Achämeniden aus Persien Mesopotamien. Im weiteren Verlauf der iranischen Geschichte wurden die persischen Berge und Mesopotamien oft vereint und wieder getrennt.

Meistens handelte es sich um eine Vereinigung infolge persischer Invasionen (Achämeniden, Parther, Sassaniden, Seldschuken, Mongolen, Safawiden), aber mehrmals kam es auch zu Angriffen von der anderen Seite.

Der Iran wurde wiederholt in großem Umfang aus Mesopotamien angegriffen – etwa von den Akkadiern, Assyrern, Griechen, Arabern oder Briten während des Zweiten Weltkriegs. Doch obwohl es mehrere solcher Vorstöße gab, gelang es seit der Invasion der Makedonier im Jahr 330 v. Chr. in den vergangenen 2.300 Jahren nur zweimal, den Iran erfolgreich aus Mesopotamien heraus anzugreifen (durch die Araber und die Briten), wobei das Land in beiden Fällen einer enormen Übermacht gegenüberstand.

Die Römer versuchten es mehrfach, waren jedoch nie erfolgreich. Auch der irakische Präsident Saddam Hussein lernte vor 40 Jahren, dass das Land praktisch unangreifbar ist.

Historische Machtbereiche des Iran. Foto: Truth & Facts

Der Iran wurde vor allem aus dem Osten über die zentralasiatischen Steppen erfolgreich angegriffen. Diese Einfälle hörten im Wesentlichen auf, als das Schießpulver erfunden wurde und die Steppenkrieger zu Pferd ihre Überlegenheit verloren.

Der Rest des Iran ist gut geschützt. Im Nordwesten liegen die Berge Anatoliens. Weiter nördlich befindet sich der sehr hohe Kaukasus, der fast undurchdringlich ist. Keines dieser Gebiete ist besonders wertvoll.

Historische Invasionsrouten nach Iran. Foto: Tomas Pueyo

Die Perser expandierten nie über die Meere nach Norden (Kaspisches Meer) und Süden (Persischer Golf), da sie aufgrund ihrer Größe und Lage als Landkreuzung starke Landstreitkräfte unterhalten mussten. Das verhinderte den Aufbau einer starken Marine und eine maritime Expansion.

Im Osten des Landes liegen die iranischen Wüsten Darš-e Kavir und Darš-e Lut, in denen einige der höchsten Temperaturen der Erde gemessen wurden. Dahinter erstrecken sich mehrere Gebirgsketten sowie das höhere Hindukusch-Gebirge, die hervorragende Puffer bilden, aber keine reichen Regionen sind. Der Iran hätte von einer Invasion Afghanistans nichts zu gewinnen, und die Afghanen wiederum haben nicht genug Mittel, um den Iran zu erobern.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die geografische Lage des Iran zwei Folgen hat: Das Land ist immer wieder ausländischen Angriffen und Invasionen ausgesetzt, aber zugleich im Allgemeinen gut geschützt – vor allem durch Berge und Wüsten, die nicht reich an Ressourcen sind. Eine Ausnahme bildet Mesopotamien im Westen, das den einzigen natürlichen Weg für eine Expansion des Iran darstellt.

Unglücklicherweise für den Iran schützen diese Berge und Wüsten das Land nicht nur, sondern schränken auch seine eigene Expansion ein. Eine Invasion anderer Länder durch den Iran wäre ein Albtraum, da die Logistik großer Armeen über hohe Gebirge und große Wüsten äußerst anspruchsvoll ist. Es ist kein Zufall, dass so viele Invasionen aus dem Nordosten von Steppenkriegern ausgingen. Ihre nomadische Lebensweise ermöglichte es ihnen, mit Nahrungsmitteln zu reisen, vor allem in Form von Pferden und Schafen.

Im Westen grenzt Mesopotamien an den Iran, doch der achtjährige Krieg mit dem kleineren Irak zeigte, dass der Iran nicht in der Lage war, die logistischen Mittel aufzubringen, um seinen Nachbarn zu besiegen.

Positive und negative Aspekte der iranischen Berge

Eine weitere Folge der geografischen Lage des Iran ist sein Reichtum – oder vielmehr sein Mangel daran.

In den gemäßigten Klimazonen Amerikas, Europas oder Südostasiens leben nur wenige Menschen in den Bergen, da es dort zu kalt ist und der Transport zu teuer. Der Iran ist jedoch aufgrund seiner geografischen Breite sehr warm und trocken. Die Temperaturen können sogar unerträglich werden, vor allem in den Wüsten.

Das macht die dortigen Berge zum besten Ort zum Leben. In den Höhenlagen sind die Temperaturen viel angenehmer, und die Berge fangen das für Landwirtschaft und Leben notwendige Wasser aus dem Wind auf. Die Lage von Teheran, der Hauptstadt des Iran, ist daher nicht verwunderlich.

Regen­schatten-Effekt am Elburs-Gebirge bei Teheran. Foto: Tomas Pueyo

Auf der anderen Seite bedeuten Berge jedoch Armut, da der Bau jeglicher Straßeninfrastruktur ein äußerst kostspieliger Prozess ist. Die Transportkosten sind entsprechend hoch, und der Handel reagiert darauf besonders empfindlich. Berge bedeuten also wenig Handel und wenig Vermögensaufbau. Ähnliches lässt sich in Mexiko und Brasilien beobachten. Der Iran ist strukturell arm.

Eine weitere Folge der hohen Transportkosten und des geringen Handelsvolumens ist, dass die Gemeinschaften voneinander getrennt bleiben, was zu ethnischer Vielfalt und Balkanisierung führt. Der Iran ist ein sehr vielfältiges Land.

Die Perser machen etwa 60 Prozent der Bevölkerung aus und leben überwiegend in den Bergregionen. Die gesamte Peripherie ist jedoch mit anderen Ethnien besiedelt. Die Aserbaidschaner machen etwa 15 Prozent der Bevölkerung aus und leben überwiegend im Nordwesten. Interessant ist, dass im Iran mehr Aserbaidschaner leben als in Aserbaidschan selbst.

Ethnische Zusammensetzung Irans; Foto: Reddit

Besonders interessant ist der Südwesten des Landes, in dem sich die sogenannte Khuzestan-Ebene befindet. Und das aus mehreren Gründen.

Erstens handelt es sich um einen Teil Mesopotamiens. Zweitens sind die Einwohner Araber – ähnlich wie die Iraker. Und drittens befinden sich hier die meisten iranischen Ölfelder. Das Land ist das drittgrößte Reservoir für schwarzes Gold und bei Gas sogar das zweitgrößte.

Die Probleme des Landes werden auch durch die Religion verschärft, da die meisten Iraner Schiiten sind, während die Kurden, Belutschen und einige andere Völker zu den Sunniten gehören.

Historisch gesehen war die einzige Möglichkeit, diese Probleme zu lösen, eine weitgehende Autonomie.

Solche Strukturen finden sich heute in Ländern wie der Schweiz. Ein so vielfältiges Land zusammenzuhalten, ist jedoch schwierig. Oft kommt es zu Gewalt, wie etwa auf dem Balkan, in Mexiko oder Afghanistan.

Neue Technologien haben jedoch viele Möglichkeiten geschaffen, die Bevölkerung zu kontrollieren und Reformgedanken zu unterdrücken. Das ermöglicht es den Machthabern heute, das Land einheitlich zu halten und zugleich die Macht zu zentralisieren.

Was Teheran will

Der Iran hat heute im Wesentlichen fünf Prioritäten.

Seine zentrale Lage und die Tatsache, dass er von so vielen Mächten umgeben ist, zwingen ihn, seine Grenzen zu sichern. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass ihm das gelingt.

Eine weitere Priorität ist die Einheit. Das Kernland des Iran besteht überwiegend aus persischsprachigen schiitischen Persern. Seine Randgebiete sind jedoch von Minderheiten besiedelt, die in den Nachbarländern leben. Der Iran kann stabil bleiben, aber nur so lange, wie der Sicherheitsapparat seine Macht demonstrieren kann. Wenn seine Position geschwächt wird, ist die Zukunft des Landes ungewiss.

Die ausländischen Mächte sind sich dessen bewusst. Das Engagement der USA im Nahen Osten stellt für den Iran ein ernstes Risiko dar. Mit ihrer Präsenz im Irak im Westen, in Afghanistan im Osten und ihrem Bündnis mit Pakistan im Südosten haben die Vereinigten Staaten den Iran praktisch eingekesselt. Zudem gab es Unterstützung für separatistische Bewegungen im arabischen Chuzistan, in Kurdistan und in Belutschistan.

Die dritte Priorität des Iran ist daher die Freiheit von äußeren Einflüssen. Und zwar nicht nur von den USA, sondern auch von Russland, der Türkei oder Saudi-Arabien.

Darüber hinaus ist es für den Iran äußerst wichtig, Einnahmen für die Staatskasse zu erzielen. Das Land möchte sein Öl auf internationaler Ebene handeln, aber seine Bemühungen werden durch Sanktionen der USA untergraben, die aufgrund der iranischen Atomwaffen verhängt wurden.

Die letzte Priorität ist die Demonstration von Macht. Der Iran möchte zu seinen glorreichen Zeiten zurückkehren, als sein Einfluss bis zum Mittelmeer reichte. Das ist einer der Gründe, warum er im Irak, Syrien, Libanon und Gaza bis heute verbündete Milizen fördert. Ein Teil der vom Iran mitfinanzierten Gruppen wurde jedoch in den vergangenen zwei Jahren von Israel praktisch vernichtet. Syrien fiel vor allem aufgrund der Unterstützung durch die Türkei. Irans Einfluss ist daher nur noch im Irak spürbar.

Durch seine Schwächung kann Teheran momentan schwer mit Israel, hinter dem auch die Vereinigten Staaten stehen, um die Vormachtstellung im Nahen Osten konkurrieren. Die zurückhaltende Reaktion auf die amerikanischen Bombardierungen im vergangenen Jahr bestätigt das.