Berlin. In Deutschland finden in diesem Jahr noch fünf Landtagswahlen statt. In den beiden westdeutschen Bundesländern Baden-Württemberg (8. März 2026) und Rheinland-Pfalz (22. März 2026) im Frühjahr sowie im Herbst in den ostdeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt (6. September 2026), Mecklenburg-Vorpommern (20. September 2026) und in der Hauptstadt Berlin (ebenfalls am 20. September 2026). Das Meinungsforschungsinstitut INSA verfolgt die politischen Stimmungen in den einzelnen Bundesländern, die allesamt Chancen auf mehr oder weniger dramatische Umbrüche haben. Alle Augen richten sich dabei auf eine Art Schicksals-Wahl in Sachsen-Anhalt, wo die AfD erstmalig in ihrer Parteigeschichte den Ministerpräsidenten stellen und damit endgültig die Parteienlandschaft in Deutschland massiv auf den Kopf stellen könnte. Entsprechend nervös ist die Stimmung unter den restlichen Parteien.
Schwarz-Grün statt Grün-Schwarz in Baden-Württemberg?
In Baden-Württemberg hat die CDU gute Chancen, mit ihrem 37-jährigen und damit recht jungen Spitzenkandidaten Manuel Hagel als stärkste Kraft aus den Wahlen hervorzugehen und die Grünen abzulösen, die dort bislang den Ministerpräsidenten stellten. Für die Grünen tritt der frühere Umweltminister Cem Özdemir (60) an. Der bisherige grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann, inzwischen bereits 77 Jahre alt, kandidiert nicht wieder und macht Platz für eines der bekanntesten Gesichter der Grünen Politik. Kretschmann war 15 Jahre Ministerpräsident – fünf Jahre in einer Koalition mit der SPD als Juniorpartner und zehn Jahre in einer Koalition mit der CDU als Juniorpartner. Der bisherige Fraktions- und Parteivorsitzende der baden-württembergischen CDU würde bei einem Wahlsieg gerne eine sogenannte "Deutschland-Koalition" aus CDU (schwarz), SPD (rot) und FDP (gelb) anführen. Wenn es dafür im Ergebnis nicht reicht, schließt er aber auch ein Bündnis mit den Grünen als Juniorpartner nicht aus – also dasselbe Bündnis, das jetzt bereits regiert, aber diesmal unter Führung der CDU.
Großer Gewinner der Wahl dürfte in Baden-Württemberg die rechtskonservative AfD werden, die ihr Ergebnis der letzten Wahl vom 14. März 2021 (damals 9,7 Prozent) verdoppeln könnte. Der Abstand zwischen der in Umfragen gerade führenden Union und den Grünen schmilzt aktuell, die CDU kann sich eines Sieges noch nicht sicher sein. Grüne und AfD kämpfen dort um den zweiten Platz. Es bleibt weiter offen.
Schwarz-Rot oder Rot-Schwarz in Rheinland-Pfalz?
In Rheinland-Pfalz regiert derzeit eine „Ampel-Koalition“ (Rot-Gelb-Grün) aus SPD, FDP und Grünen. Die 2021 gewählte SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer (65 Jahre) trat zurück, um ihrem Nachfolger Alexander Schweitzer (52) rechtzeitig vor den Wahlen die Chance zu geben, im eigenen Land bekannter und populärer zu werden. Es ist nach allen bekannten Umfragen ausgeschlossen, dass die jetzige Regierung dort in derselben Zusammensetzung wieder eine parlamentarische Mehrheit erreicht. Derzeit liegt die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Gordon Schnieder (50) knapp vor der SPD. Nur wenn die SPD sich noch vor die CDU schieben kann, was durchaus möglich ist, könnte Schweitzer Ministerpräsident in einer rot-schwarzen Koalition werden. Ansonsten wird Schnieder Chef eines schwarz-roten Bündnisses und das Bundesland fällt weder in die Hand der CDU zurück.
Für die SPD wäre der Verlust der Staatskanzlei in der Landeshauptstadt Mainz eine schwere Niederlage, auch wenn sie zum Regieren weiter gebraucht würde. Für die CDU wäre es das zweite Ministerpräsidentenamt, das sie in diesem Jahr neu gewinnen könnte – nach voraussichtlich Baden-Württemberg im März. Traditionell waren Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz für die CDU immer schon wichtige Länder. Erfolge in diesen beiden Ländern hätten auch Auswirkungen in die CDU hinein. Die Bundes-CDU und Bundeskanzler Friedrich Merz wären durch Siege auf Landesebene gestärkt. Diese Siege könnten zudem zu einer bürgerlich-konservativeren Ausrichtung der gesamten CDU führen, weil die CDU-Landesverbände dieser beiden südwestdeutschen Länder als tendenziell eher konservativ gelten.
Angstgegner Sachsen-Anhalt: AfD-Mehrheit in Sicht
Aus Sicht vieler Beobachter ist die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt die wichtigste Landtagswahl dieses Jahres. Hier wird mit einem Ergebnis von um die 40 Prozent für die bisher oppositionelle AfD gerechnet. Nutzt sie ihr zusätzlich mögliches Potenzial noch aus und/oder fallen weitere Parteien unter die Fünf-Prozent-Hürde – außer den Grünen und der FDP sind auch das Bündnis Sahra Wagenknecht BSW und die SPD gefährdet – könnte die AfD unter ihrem charismatischen Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund eine parlamentarische Mehrheit erreichen und erstmals den Ministerpräsidenten in einem Bundesland stellen.
Um dies noch zu verhindern, hat der bisherige CDU-Ministerpräsident Reiner Haselhoff seinen vorzeitigen Rücktritt angekündigt und Ende Januar Sven Schulze, dem bis dahin amtierenden Wirtschaftsminister des Landes, den Vortritt als neuer CDU-Spitzenkandidat gelassen, damit dieser vorzeitig – siehe analog Schweitzer in Rheinland-Pfalz – ins Amt zu kommen und noch Popularität zu gewinnen. Ob es reicht, wissen wir am ersten Septemberwochenende, zumal sich Schulze gegen einen jüngeren Ulrich Siegmund von der AfD durchsetzen muss, der vor allem unter jungen Wählern großen Zuspruch erlebt und die derzeitigen Umfragen mit fast 40 Prozent anführt. Je nachdem, wie viele Kleinparteien die 5-Prozent-Hürde nicht schaffen, braucht die AfD nicht die vollen 50 Prozent, um dennoch die Mehrheit der Sitze im Parlament zu erreichen und könnte somit sogar alleine regieren ohne weiteren Koalitionspartner.

SPD droht Debakel in Mecklenburg-Vorpommern
Aber auch in Mecklenburg-Vorpommern hat die AfD gute Chancen, als stärkste Kraft ins Ziel zu kommen. Ihr Spitzenkandidat Leif-Erik Holm (55), ein früherer Radiomoderator und heute ein führender AfD-Politiker in der Bundestagsfraktion in Berlin, ist sehr bekannt im Nordosten Deutschlands. Der bisherigen SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (51) wird es nicht möglich sein, ihr fulminantes Ergebnis der letzten Landtagswahl von damals 39,6 Prozent zu halten. Sie muss damit rechnen, dass sich ihre SPD nahezu halbiert und das bisherige Bündnis mit der Linkspartei, die damals 9,9 Prozent erreichte, keine Mehrheit mehr bekommt. Zu welcher Regierungskonstellation es in Mecklenburg-Vorpommern reichen wird, ist damit vollkommen ungewiss. Die CDU ist in Mecklenburg-Vorpommern schwächer als in anderen ostdeutschen Ländern, und welche Parteien am Ende überhaupt den Sprung in den Landtag schaffen, ist ebenfalls ungewiss.
Auch in der Hauptstadt Berlin, das ein eigenständiges Bundesland ist, wird ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Der bisherige Regierende Bürgermeister, Kai Wegner (53) von der CDU, muss mit Stimmenverlusten rechnen, seine Partei dürfte aber stärkste Kraft bleiben. Beim Stromausfall im Südwesten Berlins zu Beginn des Jahres fiel sein Krisenmanagement bei der Bevölkerung durch. Er ist eher eine Belastung für seine Partei. Gleichzeitig existiert kein Herausforderer, der ihm den Spitzenplatz derzeit streitig machen würde.
Wenn die drei linken Parteien – SPD, Grüne, Linke – in Berlin zusammen auf eine parlamentarische Mehrheit kommen, werden sie diese höchstwahrscheinlich nutzen. Offen ist allerdings, welche der drei Parteien am Ende vorne liegen wird und damit den zukünftigen Regierenden Bürgermeister Berlins stellt.
Die fünf Landtagswahlen dieses Jahres können also die schwarz-rote Bundesregierung stabilisieren oder auch – je nachdem, wie sie ausgehen – zu ihrem vorzeitigen Bruch führen. Jede Landtagswahl wird dabei neben landesspezifischen Themen und Köpfen auch ein gutes Stück den Bundestrend der Parteien spiegeln. Das besondere Interesse an diesen Wahlen in ganz Deutschland und weit darüber hinaus ist nicht verwunderlich und dazu berechtigt, denn diese Wahlen werden Deutschland weit über das Jahr 2026 hinaus sehr prägen.