Die Ereignisse auf dem Weltwirtschaftsforum wurden vor allem von geopolitischen Entwicklungen geprägt. Die Vortragswoche im luxuriösen Schweizer Ferienort Davos folgte auf zwei Ereignisse, die nicht nur die Weltkarte neu zeichnen, sondern auch den Stil internationaler Politik grundlegend verändern.
Nach dem umstrittenen Vorgehen gegen Präsident Nicolás Maduro und den scharf formulierten Forderungen an Grönland zweifelt kaum jemand daran, dass in den internationalen Beziehungen weiterhin vor allem Macht ausschlaggebend sein wird.
Gerade wegen der geopolitischen Spannungen gehörte die zweistündige Rede von Donald Trump, von der sich alle eine Erklärung für das Vorgehen der USA auf internationaler Ebene erhofften, zu den meistbeachteten Ereignissen.
Ebenso gespannt wurde die Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron erwartet, da sich die Frage stellte, ob Europa gegenüber den USA eine härtere Haltung einnehmen oder sich im Gegenteil den Forderungen des exzentrischen amerikanischen Präsidenten unterwerfen würde.
Geopolitik und Finanzmacht
Geopolitische Beziehungen entstehen nicht nur auf der Landkarte, sondern vor allem durch Finanzmacht. Kein Geheimnis ist, dass das amerikanische Imperium Probleme mit der Tragfähigkeit seiner Schulden hat. Sie hängt jedoch nicht in erster Linie vom Staatsdefizit ab, wie in den meisten Ländern, sondern davon, ob der US-Dollar seine privilegierte Rolle im internationalen Handel und als wichtigste Reservewährung behält. Vor diesem Hintergrund sind Debatten über digitale Finanzen und Kryptowährungen stärker in den Vordergrund gerückt.
Auf dem Forum in Davos fanden zwei Diskussionen zum Thema Kryptowährungen statt: „Wo stehen wir bei Stablecoins?“ und „Ist Tokenisierung die Zukunft?“.
Hinzu kamen mehrere weitere thematisch verwandte Podiumsdiskussionen, darunter „Neue Ära für die Finanzwelt“ mit dem kürzlich begnadigten Gründer von Binance, Changpeng Zhao, sowie „Entdollarisierung oder Redollarisierung?“, das sich allgemein mit der Zukunft der amerikanischen Währung befasste.
Bei all diesen Diskussionen fiel auf, dass die Eliten praktisch nicht über Bitcoin sprachen. Die Kryptowährung galt nicht als realistische Alternative zum US-Dollar, von dessen Ablösung viele Anhänger lange geträumt hatten.
Das Fehlen eines Panels zum Thema Bitcoin wirft daher die Frage auf, ob es sich nicht eher um einen Vermögenswert handelt, der das System nicht untergräbt, sondern sich mit dem Eintritt institutioneller Investoren schrittweise in die bestehende Finanzarchitektur integriert hat. Die Zukunft liegt nach Einschätzung der Teilnehmer vor allem bei Stablecoins und der Tokenisierung der Wirtschaft.
Stablecoins - großer Erfolg oder kleines Experiment?
Das Hauptthema der Diskussionen über Stablecoins war die Frage, ob der aktuelle Bestand von rund 300 Milliarden Dollar tatsächlich für ihren Erfolg spricht oder ob es sich bislang nur um ein vergleichsweise kleines Experiment im globalen Finanzsystem handelt.
Der Betrag von 300 Milliarden Dollar mag auf den ersten Blick hoch erscheinen, ist in der heutigen Finanzwelt jedoch überschaubar – vor allem für ein System, das schrittweise die bestehende Zahlungsinfrastruktur ersetzen soll.
Stablecoins ermöglichen es bereits heute, größere Geldbeträge nahezu kostenfrei zu übertragen. Das dürfte der Wirtschaft insgesamt zugutekommen – ausgenommen klassische Bankensysteme, deren Geschäftsmodelle oft auf Transfergebühren beruhen. Für viele Unternehmer, besonders in ärmeren Ländern, stellten hohe Kosten für Geldüberweisungen lange ein erhebliches Hindernis für die Geschäftsentwicklung dar.
Das Schicksal der Stablecoins dürfte stark von ihrer Akzeptanz in Afrika abhängen. Besonders sichtbar ist ihr Einsatz auf Unternehmensebene unter anderem in Ägypten, Nigeria und Äthiopien. Zugleich breitet sich die Nutzung schrittweise über weitere Teile des Kontinents aus, weil sie das Sparen in relativ inflationsstabilen Währungen ermöglicht.
Für viele Menschen in Inflationsländern ist das eine gute Nachricht: Zum Schutz ihrer Ersparnisse reichen ein Smartphone und ein Stablecoin-Konto. Die Entwicklung hat jedoch auch eine Kehrseite, die in den Diskussionen zu wenig Beachtung fand – den Schutz der heimischen Kapitalbasis. Wenn ein großer Teil der Bevölkerung statt der Landeswährung auf Stablecoins ausweicht, kann das die betroffenen Volkswirtschaften massiv unter Druck setzen.
Aus diesem Grund stehen viele afrikanische Staaten nicht mehr nur am Rand der Entwicklung. Zentralbanken und Regierungen reagieren mit Regulierung, der Prüfung eigener digitaler Währungen und dem Versuch, regionale Alternativen zu stark dollargebundenen Stablecoins aufzubauen. Sollte sich die Nutzung von Stablecoins in diesen Ländern massiv ausbreiten, könnte das dem Weißen Haus im Bestreben helfen, die Rolle des US-Dollars weltweit zu stärken. Derzeit sind rund 75 Prozent aller Stablecoins in Dollar denominiert.
Die Risiken von Stablecoins betreffen jedoch nicht nur afrikanische Länder und ihre Zentralbanken. Vor allem klassische Banken können unter dem Modell leiden. An den US-Dollar gebundene Stablecoins sind in der Regel durch US-Staatsanleihen gedeckt, die derzeit Renditen von etwa 3,7 bis 4,2 Prozent abwerfen – deutlich mehr als die meisten Sparkonten bieten.
Die Stablecoin-Technologie kann ihren Inhabern somit eine attraktive Rendite ermöglichen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Modelle mit anderer Deckungsstruktur entstehen, die zusätzlichen Druck auf Banken ausüben könnten. Statt erfolglos gegen die Entwicklung anzukämpfen, können sich Kreditinstitute daran beteiligen und selbst an der Verbreitung von Stablecoins mitwirken.
Stablecoins als Träger der KI-Revolution
Ein weiteres großes Potenzial für die Verbreitung von Stablecoins liegt im Bereich der künstlichen Intelligenz. Erwartet wird ein wachsendes Ökosystem autonomer KI-Agenten, die ein eigenes Zahlungssystem benötigen. Es müsste global nutzbar, sofort verfügbar, programmierbar und sehr kostengünstig sein, damit auch kleinste Beträge effizient verarbeitet werden können.
KI-Agenten können so in Echtzeit für Daten, Rechenleistung oder digitale Dienste bezahlen. Stablecoins gelten dafür als besonders geeignete Lösung. Je stärker sich die Weltwirtschaft für Anwendungen der künstlichen Intelligenz öffnet, desto wichtiger dürften Stablecoins werden.
Davos 2026 zeigte Kryptowährungen nicht als Revolution, sondern als Werkzeug. Die Weltwirtschaft dürfte schrittweise tokenisiert werden. Offen bleibt jedoch, welche Technologie sich durchsetzt, auf welcher Infrastruktur sie läuft und wodurch das System insgesamt abgesichert wird. Stablecoins werden damit zu einem weiteren Puzzleteil, das erkennen lässt, wo und wie sich die Kräfte im globalen Machtgefüge neu ordnen.
Stablecoins können bis zu einem gewissen Grad Wohlstand fördern: Sie senken die Kosten für den Empfang und Versand von Geld, beschleunigen die Zahlungsabwicklung und eröffnen zugleich Millionen Menschen Zugang zu Finanzdienstleistungen. Ihre Verbreitung wird jedoch unweigerlich auch die Stellung der Währungen und Staaten beeinflussen, die hinter der jeweiligen Emission stehen.
Das Motto „Follow the money“ bekommt in der digitalen Wirtschaft somit eine neue Variante: „Follow the stablecoin“.