Larry Fink ist nicht nur Chef der Finanzgruppe BlackRock, die das größte Finanzvolumen der Welt verwaltet, sondern nun auch Co-Vorsitzender des Weltwirtschaftsforum in Davos. Nach dem Rücktritt von Klaus Schwab wurde er damit zur markantesten Figur des diesjährigen Symposiums.
Fink hielt nicht nur die Eröffnungs- und Abschlussrede, sondern moderierte auch wichtige Diskussionen mit Elon Musk, Alex Karp und Satya Nadella. Damit war seine Rolle jedoch nicht beendet. Dank seiner Kontakte gelang es ihm, führende Vertreter der Politik – darunter Donald Trump und Emmanuel Macron – mit dem Silicon Valley zu vernetzen.
Ihm ist es auch zu verdanken, dass Jensen Huang, CEO von Nvidia, erstmals zum Forum kam und dass Größen der Finanzwelt wie Jamie Dimon oder Ken Griffin, Gründer des Hedgefondsriesen Citadel, nach längerer Zeit wieder auf die Bühne zurückkehrten.
Verbindung zwischen den Eliten
Das erste Jahr ohne Klaus Schwab wirkt wie der Versuch, eine neue Verbindung zwischen den Eliten herzustellen. Die Allianz zwischen Silicon Valley und Donald Trump gilt nun als endgültig bestätigt. Noch vor zwei Jahren wäre das undenkbar gewesen.
Silicon Valley war lange Zeit deutlich progressiv ausgerichtet. Die öffentliche Unterstützung Trumps durch Peter Thiel und Elon Musk markierte eine klare Zäsur. Inzwischen schließt sich auch die Finanzwelt an, deren derzeit sichtbarster Vertreter Fink ist. So entsteht eine neue Verbindung aus drei Gruppen, die sich selbst als Elite bezeichnen.
Klingt das nach einer Verschwörungstheorie? Vielleicht auf den ersten Blick. Wer die Eröffnungsrede von Larry Fink verfolgt hat, weiß jedoch, dass es sich nicht um eine verschlüsselte Verschwörung handelte, sondern um die offene Sprache der Macht. Diesmal war der Ton der Rede klar und direkt, nicht hierarchisch oder kontrolliert, wie Klaus Schwab in seinem Buch COVID-19: Der große Umbruch skizzierte. Schwab hatte angenommen, dass die Eliten ihre Absichten nicht direkt kommunizieren, sondern über eine Mittelschicht aus Experten und Führungskräften, die alles sofort verstehen sollte. Finks Rede zeigte nun, dass die Eliten auch direkt und offen sprechen können – ein klarer Bruch mit Schwabs altem Modell.
Glaubensverlust der Eliten
Fink begann seine Rede, indem er deutlich zwischen den Eliten und allen anderen, die nicht in Davos sind, unterschied. Damit konnte er auch Donald Trump besänftigen, der schon länger auf diesen Elitismus hingewiesen hatte. Davos gilt häufig als Treffpunkt von sogenannten „Globalisten aus dem Nichts“ – Menschen, die global denken, sich aber kaum an nationale Identität oder lokale Bezüge halten.
Trump wurde in diesem Zusammenhang oft als jemand karikiert, der übertreibt oder paranoid sei, weil es angeblich keine koordinierte Elite gebe. Fink hat jedoch keinen Grund, sich zu verstecken: Eliten existieren, und das ist logisch. In jeder Gesellschaft gibt es, auch wenn es auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist, Machtzentren – und diese liegen in der Hand der Eliten.
Geschickt wandte Fink seine eigene Methode zur Problemlösung hier auf sich selbst an.
Laut dem BlackRock-Chef liegt das grundlegende Problem der heutigen Welt im Vertrauensverlust zwischen Eliten und Öffentlichkeit. Die Menschen glauben ihren Führungskräften nicht mehr. Einen großen Anteil daran hat zweifellos die Art und Weise, wie die Covid-Krise bewältigt wurde. Fink ging diesen Weg bewusst nicht, vermutlich um sich nicht noch weiter von Klaus Schwab abzugrenzen.
Er brachte ein anderes Beispiel, das genauso anschaulich ist: das Wachstum des BIP. Seinen Worten zufolge hat der Wohlstand seit dem Fall der Berliner Mauer stark zugenommen, konzentriert jedoch vor allem bei den Eliten. In den breiteren Schichten der Gesellschaft ist davon kaum etwas angekommen. Das Schwinden der Mittelschicht in der westlichen Welt in den vergangenen 20 Jahren ist eine traurige, aber heute kaum noch zu übersehende Tatsache.
Fink räumt das Problem auf diese Weise offen ein. Gleichzeitig macht er deutlich, dass das bloße Eingestehen kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke ist. Solange das System seine Fehler erkennen und eingestehen kann, bleibt es stark genug, um nach Lösungen zu suchen. Eine wirkliche Schwäche wäre dagegen die Unfähigkeit, Probleme zu reflektieren – denn das würde bedeuten, dass es keine Lösung gibt.
Wie können die heutigen Eliten also das Vertrauen zurückgewinnen?
Veränderung der Kommunikation der Eliten
Auch in diesem Punkt bleibt Fink zurückhaltend und überraschend bescheiden – ein Umstand, der die Tiefe des Problems bereits deutlich machen dürfte. Entscheidend ist, das eigene Auftreten und die gesamte Kommunikation zu überdenken. Es geht nicht darum, um jeden Preis Recht zu behalten, sondern darum, zuzuhören und den anderen wirklich zu verstehen.
Wenn die Eliten die Gesellschaft, die sie vertreten, ignorieren oder verachten, kann Vertrauen nicht wiederhergestellt werden. Sie müssen sich bemühen, sie zu verstehen. Dieses Verständnis beruht jedoch nicht auf Menschenliebe oder einem Streben nach abstrakter sozialer Gerechtigkeit, sondern entspringt einem rein praktischen Eigeninteresse der Eliten.
Künstliche Intelligenz als Vertrauensbeweis
Hier liegt der Kern des Problems: Die Welt steht am Beginn des Zeitalters der künstlichen Intelligenz. Fink betont, dass es keinen Sinn ergibt, darüber zu streiten, ob die Entwicklung eintreten wird – sie ist längst Realität. Seiner Ansicht nach wird sie eine Revolution auslösen, vergleichbar mit der Globalisierung.
Damals wurden Produktionskapazitäten und Montagehallen aus den entwickelten Volkswirtschaften in Länder mit den niedrigsten Löhnen verlagert. Jetzt steht eine ähnliche Verlagerung bei Führungs- und Verwaltungsberufen bevor. Das wird unweigerlich zu einer Zunahme sozialer Unzufriedenheit führen.
Vermögen wird noch schneller als in der Vergangenheit verlagert, weil die Struktur rund um künstliche Intelligenz deutlich zentralisierter ist als bei der Globalisierung. Sprachmodelle, Rechenzentren, Daten und Infrastruktur liegen in der Hand weniger Unternehmen. Deren Zahl ist deutlich geringer als die der Akteure, die die Globalisierungsära dominierten. Dieses Problem sollte bereits jetzt angegangen werden.
Finks Vergleich mit der Globalisierung ist treffend und gibt einen klaren Einblick in die Welt, die uns in den kommenden Jahren erwartet. Aus der Art und Weise, wie sich die Globalisierung entwickelt hat – schrittweise, aber mit konstanter Intensität – lässt sich ableiten, wie auch die künstliche Intelligenz voranschreiten wird. Katastrophale Szenarien mit massenhaft Arbeitslosigkeit werden sich nicht bewahrheiten, doch Verwaltungspositionen werden allmählich verschwinden.
Abschließend sei angemerkt, dass Fink das Problem der Ungleichheit keineswegs leugnet. Im Gegenteil: Er betont, dass die Eliten ihre Vorgehensweise bei der Lösung dieses Problems ändern müssen. Marketingmitteilungen und Präsentationen, in denen der Anstieg des Lebensstandards Jahr für Jahr nur anhand von Zahlen und Tabellen belegt wird, reichen nicht mehr aus. Wichtig ist, zumindest zu zeigen, dass die Eliten versuchen, das Problem so transparent wie möglich anzugehen.
Genau darin sieht Fink die neue Rolle von Davos: die Wiederherstellung des Vertrauens durch offene Diskussionen und Reden auf dem Wirtschaftsforum. Transparenz wird dabei nicht länger nur als Zusatz zur Legitimität betrachtet, sondern zur grundlegenden Voraussetzung. Ohne sie entwickelt sich das Weltwirtschaftsforum nicht zu einer Plattform für Lösungen, sondern bleibt eine ständige Erinnerung daran, warum die Öffentlichkeit den Eliten nicht mehr vertraut.