Zwischen Neid, Armut und Erfolg: Milliardäre in der Kritik

Der anlässlich des Weltwirtschaftsforums veröffentlichte Ungleichheitsbericht von Oxfam sorgt für Debatten: Die Organisation warnt vor wachsender Vermögenskonzentration, Kritiker sehen methodische Schwächen und zugespitzte Schlussfolgerungen.

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Dominik Sepp/Midjourney

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Dominik Sepp/Midjourney

Davos. Die Hauptthese des Dokuments ist einfach: Der Reichtum wächst, aber ungleichmäßig. Im letzten Jahr hat sich dieser Unterschied noch weiter vergrößert. Laut Oxfam stieg das Gesamtvermögen der Milliardäre bis November 2025 im Vergleich zum Vorjahr um etwa 2,5 Billionen Dollar - eine deutliche Beschleunigung. Das weist auf eine Fortsetzung des Trends hin, denn ihr Vermögen ist seit 2020 bereits um 81 Prozent gestiegen.
Was die Oxfam-Studie regelmäßig nicht erwähnt: Die Armut sinkt historisch immer weiter auf der Welt - denn nicht nur die Reichen werden reicher, noch nie gab es historisch weniger Armut auf der Welt.

Vermögensschere öffnet sich weiter

Im Jahr 2024 kamen weltweit 204 neue Dollar-Milliardäre hinzu – umgerechnet etwa einer alle zwei Tage. Für die Autoren des anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlichten Berichts sei das kein Zeichen gesunder Dynamik, sondern ein Hinweis, dass das System eine kleine Gruppe deutlich stärker begünstige als den Rest der Gesellschaft. Laut Oxfam sei die Wahrscheinlichkeit, dass Milliardäre politische Ämter bekleiden, bis zu 4.000-mal höher als bei normalen Bürgern.

Die Organisation führt den Vermögenszuwachs auf die Politik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump zurück, darunter Steuersenkungen, der Schutz multinationaler Konzerne und eine geschwächte Monopolaufsicht. Zu den zusätzlichen Gewinnen habe auch der Boom der künstlichen Intelligenz beigetragen, von dem vor allem bereits wohlhabende Investoren profitiert hätten.

„Die sich vertiefende Kluft zwischen den Reichen und dem Rest der Gesellschaft schafft ein politisches Defizit, das gefährlich und untragbar ist“, erklärte Amitabh Behar, Geschäftsführer von Oxfam. Die Organisation fordert die Regierungen daher auf, höhere Steuern für extrem Reiche einzuführen, den Einfluss von Geld in der Politik zu begrenzen und Maßnahmen zur Verringerung der Ungleichheit zu ergreifen.

Oxfam weist zugleich darauf hin, dass der Vermögenszuwachs der Milliardäre im vergangenen Jahr in Höhe von 2,5 Billionen Dollar dem Besitz der 4,1 Milliarden ärmsten Menschen entspreche. In absoluten Zahlen besäßen die zwölf reichsten Menschen der Welt mehr als die ärmste Hälfte der Menschheit. Die Zahl der Milliardäre weltweit habe erstmals die Marke von 3.000 überschritten. Elon Musk, Chef von Tesla und SpaceX, sei zudem der erste Mensch mit einem Vermögen von mehr als 500 Milliarden Dollar.

Der Bericht warnt zugleich vor dem wachsenden Einfluss ultrareicher Unternehmer auf die Medien. Laut Oxfam befänden sich inzwischen mehr als die Hälfte der größten Medienunternehmen im Besitz von Milliardären wie Jeff Bezos, Elon Musk, Patrick Soon-Shiong oder dem Franzosen Vincent Bolloré.

Reichtum, der nicht durch Arbeit entsteht

Oxfam geht in der Bewertung noch weiter und stellt die Herkunft eines Großteils des Reichtums infrage. Der Organisation zufolge seien rund 70 Prozent des Vermögens der Reichsten nicht durch Innovation, unternehmerische Fähigkeiten, Risikobereitschaft oder höhere Produktivität entstanden, sondern eher durch Erbschaften, Monopolstellungen am Markt oder enge Verbindungen zur politischen Macht.

Aus diesem Grund spricht der Bericht von einer Zweiteilung der Welt. In der einen lebe eine kleine Elite, deren Vermögen schneller wachse als je zuvor. In der anderen lebe die Bevölkerungsmehrheit, deren Lebensstandard sich nur langsam oder gar nicht verbessere.

Neben der moralischen Dimension der Ungleichheit befassen sich die Analysten auch mit den wirtschaftlichen Folgen. Sie weisen darauf hin, dass die Zahl der weltweit in Armut lebenden Menschen fast so hoch sei wie 1990. Das deute darauf hin, dass Wirtschaftswachstum allein nicht automatisch zu weniger Armut führe.

Im Gegenteil: Die Analyse der Daten der Weltbank zeige, dass die Bekämpfung extremer Armut bis zu dreimal schneller voranschreiten könnte, wenn sich Regierungen stärker auf die Verringerung der Ungleichheit konzentrieren würden.

Besondere Aufmerksamkeit widmet das Dokument dem Thema Erbe. Im Jahr 2023 sei es erstmals so gewesen, dass mehr Milliardäre ihr Vermögen durch Erbschaft als durch eigenes Unternehmertum erworben hätten. Der Trend werde sich voraussichtlich fortsetzen – in den kommenden 30 Jahren könnten mehr als 5,2 Billionen Dollar an die Erben der heutigen Milliardäre übergehen.

Monopole, Politik und alte Ungleichheiten

Das Erbe sei jedoch nicht der einzige Faktor. Nach Schätzung der Autoren stamme fast ein Fünftel des Vermögens der Milliardäre aus monopolistischer Marktmacht, weitere sechs Prozent gingen auf enge Verbindungen zwischen wirtschaftlicher Elite und politischer Macht zurück – also auf Klientelismus.

Gleichzeitig verweist Oxfam auf den größeren historischen Kontext. Das koloniale Erbe und ungleich gestaltete globale Regeln hätten dazu beigetragen, dass fast 70 Prozent der Milliardäre in den wohlhabenden Staaten des globalen Nordens lebten. Die Staaten vereinten mehr als drei Viertel des Milliardärsvermögens auf sich, stellten aber nur einen kleinen Teil der Weltbevölkerung.

Oxfam bleibt jedoch nicht bei Kritik. Die Organisation schlägt mehrere Maßnahmen vor, die nach eigener Einschätzung dazu beitragen könnten, die wachsende Ungleichheit zu verringern. Dazu zählen vor allem höhere Vermögens- und Erbschaftssteuern, ein stärkerer Schutz der Arbeitnehmerrechte sowie robustere Sozialsysteme.

Ein weiteres wichtiges Thema sei die Reform internationaler Steuerregeln sowie eine stärkere Koordinierung zwischen Staaten, insbesondere auf Ebene der Vereinten Nationen. Kritik richtet sich auch gegen die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds, wo die wohlhabenden Länder einen unverhältnismäßig großen Einfluss hätten.

Ohne eine Reform der Arbeitsweise der Institutionen werde es laut Oxfam schwierig sein, globale Ungleichheiten systematisch zu bekämpfen.

Die Grenzen des Wachstumsmodells

Wenn bis zu 60 Prozent des Vermögens von Milliardären aus sogenannten „unverdienten” Quellen stammen, ist die Weltwirtschaft nach wie vor so ausgerichtet, dass sie den Reichtum systematisch an eine kleine Elite umverteilt. Was bedeutet das beispielsweise für postkommunistische Länder wie die Slowakei?

Sie gehört zwar nicht zu den Ländern mit einer hohen Zahl an Dollar- oder Euro-Milliardären, doch das Wirtschaftsmodell ist stark von ausländischen Konzernen und Lieferketten abhängig, die auf Montage basieren. Genau solche Strukturen werden im Bericht als eine Form des modernen Kolonialismus beschrieben, bei dem die Gewinne im Ausland konzentriert seien, während die Löhne in der heimischen Wirtschaft niedrig blieben.

Die Kombination aus niedrigen Löhnen, geringer Besteuerung von Kapital und Vermögen und Druck auf die öffentlichen Ausgaben – insbesondere im Bildungs- und Gesundheitswesen – schafft eine ähnliche Dynamik, wie sie Oxfam auf globaler Ebene identifiziert: Arbeit bringt keinen angemessenen Anteil am geschaffenen Wohlstand.

Für die Slowakei ist daher die These besonders relevant, dass die Verringerung von Ungleichheit zu einer deutlich schnelleren Verringerung der Armut führen würde als Wirtschaftswachstum allein.

Darüber hinaus gelten die V4-Länder – Slowakei, Tschechien, Polen und Ungarn – als typisches Beispiel für eine Region, die nach 1989 zwar wirtschaftlich gewachsen ist, aber einen erheblichen Teil der erzielten Gewinne an transnationale Unternehmen und Finanzzentren außerhalb der Region abgeführt hat.

Der Bericht weist darauf hin, dass Staaten mit geringerer Verhandlungsmacht oft mit niedrigen Steuern und Löhnen konkurrieren, was die Ungleichheit vertiefe und öffentliche Dienstleistungen schwäche – im Einklang mit der Entwicklung in Mitteleuropa.

Aus Sicht der V4-Länder ist daher die Forderung von Oxfam nach einer höheren Besteuerung von extremem Reichtum, Monopolen und Erbschaften sowie nach einer Stärkung der Arbeitnehmerrechte von entscheidender Bedeutung. Ohne diese Maßnahmen wird sich die Kluft zwischen dem BIP-Wachstum und dem Lebensstandard der Mehrheit der Bevölkerung weiter vergrößern.

Es zeigt sich, dass das Problem der heutigen Wirtschaft nicht im Mangel an Reichtum liegt, sondern in der Art und Weise, wie er systematisch auf die Auserwählten übertragen wird – und Länder wie die Slowakei oder die gesamte V4-Region verlieren dabei langfristig.

Liberale Kreise kritisieren Oxfam-Bericht

Analysten des österreichischen liberalen Thinktanks Agenda Austria sehen den Bericht als jährlich wiederkehrende Schlagzeile mit verzerrten Fakten zugunsten einer antikapitalistischen Agenda.

Den Experten zufolge wiesen die Daten fünf erhebliche „Schieflagen in Statistik und Logik“ auf:

Vermögen ist kein Einkommen

Die Aussage „Elon Musk verdient in vier Sekunden das durchschnittliche weltweite Jahreseinkommen“ klinge, als erhalte er das Geld direkt auf sein Konto. Meist handle es sich jedoch um eine Net-Worth-Rechnung: „Aktienkurs rauf = Vermögen rauf“.

Schwankende Bewertungen werden ignoriert

Gerade im Technologie- und KI-Bereich könne der Wert innerhalb weniger Monate stark steigen – und im nächsten Jahr wieder einbrechen. Das sei nicht dasselbe wie „jemand hebt Billionen ab“.

In eine ähnliche Richtung zielt auch die Kritik externer Beobachter: Der Wirtschaftsjournalist Shekhar Gupta bezeichnet die Schlussfolgerungen von Oxfam als „unsinnig und propagandistisch“, da sie die tatsächlichen Einkommensströme ignorierten und zu falschen Schlussfolgerungen über die Verteilung von Reichtum führten.

"Armut ist eine Frage der Definition"

Es gebe verschiedene Armutsgrenzen, so Agenda Austria. Je nachdem, welche angesetzt werde, verändere sich das Bild deutlich. Nach der Definition der Weltbank für „extreme Armut“ gelte als extrem arm, wer weniger als 2,15 Dollar pro Tag zur Verfügung habe – das betreffe rund 800 Millionen Menschen. Würden dagegen höhere Schwellenwerte verwendet, etwa 8,30 Dollar pro Tag als Maßstab für Länder mit mittlerem bis höherem Einkommen, gelte fast die Hälfte der Weltbevölkerung als arm. Wer von „der Hälfte der Welt in Armut“ spreche, sage daher oft mehr über die gewählte Definition als über die tatsächliche Lebensrealität aus.

In eine ähnliche Richtung zielt die Kritik des britischen Ökonomen und Publizisten Felix Salmon, der seit langem in den USA lebt. Er wirft Oxfam vor, das Reinvermögen (Aktiva minus Passiva) als Referenzwert zu verwenden, was etwa wohlhabende Personen mit Schulden künstlich als „arm“ darstelle und die globalen Armutsstatistiken verzerrе. Auch Charles Kenny vom Center for Global Development kritisiert Oxfam mit der Begründung, die Organisation unterschätze den Fortschritt bei der Armutsbekämpfung, da sie den Schwerpunkt auf Reichtum statt auf Einkommen lege.

„Weil die Ungleichheit steigt, steigt die Armut.“

Nach Aussage von Agenda Austria könne die Welt ungleich sein, die Armut aber dennoch sinken – und das geschehe seit Jahrzehnten. Langfristig sei extreme Armut deutlich zurückgegangen – „trotz Krisen und trotz (oder vielleicht wegen?) Milliardären wie Elon Musk, die Wohlstand schaffen“.

Neid- und Machtfragen werden vermischt

Ungleichheit sei nicht dasselbe wie demokratiegefährdender politischer Einfluss, so der österreichische Thinktank. Wer beides zusammenrühre, lande schnell bei der Standardforderung „mehr Steuern“, ohne das eigentliche Problem sauber zu benennen.

Abschließend betont Agenda Austria, dass Arme nicht arm seien, weil Reiche reich seien. Armut habe andere Ursachen, insbesondere "schwache Institutionen, schlechte Rahmenbedingungen, fehlende Jobs und geringe Produktivität".