Berlin. Ob man die Reise in die Vergangenheit als etwas Angenehmes empfindet, hängt ganz von der Gegenwart ab. Immer mehr Deutsche möchten zumindest virtuell noch einmal die alte Bundesrepublik betrachten, bevor sie ganz aus dem Bewusstsein verschwindet. Dass sich das Land heute in einem besseren Zustand als noch vor 30 Jahren befindet, behauptet außerhalb der politischen Klasse kaum noch jemand.
Wie organisiert man die Nostalgietour am besten? Indem man sich mit Ausländern unterhält, deren Deutschlanderfahrungen schon eine Weile zurückliegen. Vielen Chinesen, Australien, Briten und Amerikanern, die vor Jahrzehnten einmal zwischen Nordsee und Alpen urlaubten oder studierten, gilt die Bundesrepublik immer noch als Land mit zwar launischem Wetter und bisweilen stieseligen Einwohnern – dafür aber als bestens organisiertes, effizientes und sicheres Gemeinwesen. Dieses Erinnerungsdeutschland hält sich in der Ferne hartnäckig. Wer die hübsche Illusion behalten will, darf nur nicht Fehler machen, heute noch einmal vorbeizuschauen.
Das Trauerspiel spricht sich rum
Vor einiger Zeit ging das Video eines chinesischen Wissenschaftlers viral, der von seiner Reise zu einem Kongress in Berlin berichtete. Nach dem Ende der Veranstaltung beschloss er, mit dem ICE zum Frankfurter Airport zu fahren, um von dort zurück in die Heimat zu fliegen. Offenbar erhielt er bei seinem Aufenthalt sachdienliche Hinweise von Einheimischen zur Deutschen Bahn, jedenfalls plante er einen zusätzlichen Zeitpuffer von drei Stunden ein. Die Bordkarte für den Flug besaß er schon, und er reiste mit Handgepäck. Was sollte schon schief gehen?
Folgendes: Sein Abenteuer startete in Berlin schon mit Verzögerung, er verpasste den Anschluss, sein nächster ICE blieb unterwegs liegen, der Ersatzzug wiederum zuckelte seinem Ziel mit zunehmender Verspätung entgegen. Zum Gate schaffte es der brave Mann aus Fernost im Dauerlauf und in letzter Minute. Was ihn am meisten verblüffte, erzählte er in seinem Video, sei die stoische Ruhe seiner deutschen Mitreisenden gewesen: kein Schimpfen, kein Murren, nur stillverzweifelte Blicke auf die Handybildschirme. Offenbar meinte der Wissenschaftler, in einem derart ordnungsliebenden Gemeinwesen wie Deutschland müsste eine so chaotische Fahrt, wie er sie erlebte, zu einem kollektiven Aufschrei führen.
Nur 60 Prozent der Züge kommen pünktlich an
Es gibt eine Erklärung für die Duldungsstarre der Leute, die ihn so faszinierte. Und damit erklärt sich auch der Zustand des real existierenden Deutschland ziemlich gut. Im Jahr 2025 kamen nur 60 Prozent der Züge pünktlich an (2015 noch 75 Prozent). Jeder 20. Zug fällt ganz aus – und damit übrigens auch aus der Verspätungsstatistik. Die Einheimischen wissen also, worauf sie sich einlassen. An dieser Stelle noch ein praktischer Hinweis an alle, die das System Deutsche Bahn nur von ganz früher kennen: Wenn Sie als Fahrgast ein dringendes Bedürfnis spüren, dann gehen Sie rechtzeitig los. In manchen Fernzügen laufen Sie nämlich erst an drei, manchmal vier kaputten und deshalb gesperrten Toiletten vorbei, bevor Sie an ein funktionsfähiges WC kommen. Dort staut es sich dann erfahrungsgemäß ein bisschen.
Apropos Bahn: im fernen Jahr 2010 begann die Bahn, den Bahnhof Stuttgart umzubauen; nach reichlich bemessenen neun Jahren sollten die Züge durch den neuen unterirdischen Terminal rollen. Zu dem Termin gab es nur eine riesige Baugrube. Als letzten konkreten Fertigstellungstermin nannte das Unternehmen 2026. Der lässt sich auch nicht halten. Vorsichtshalber verzichtet das Management des Staatsunternehmens darauf, überhaupt ein neues Datum zu nennen. So ähnlich geht es mittlerweile mit fast allen Großbaustellen. Die Neuerrichtung der am 11. September 2024 eingestürzten Carolabrücke in Dresden beginnt frühestens 2028, geplante Einweihung: etwa 2032. Die vollständige Sanierung des Pergamonmuseums in Berlin, begonnen 2013, geplant bis 2037, zieht sich wahrscheinlich bis 2043 hin. Wer jetzt in der Blüte seiner Jahre steht, kommt als Rentner vielleicht noch hinein. Kleiner Zeitvergleich: Für den Bau des Leipziger Hauptbahnhofs – lange Zeit der größte seiner Art in Europa – brauchten die Arbeiter seinerzeit sechs Jahre, 1909 bis 1915. Dieses Tempo empfand man früher nicht als sensationell, sondern schlicht als normal.
Früher gab es in Deutschland übrigens auch schon ein Phänomen namens Winter. Im Januar 2026 standen in Berlin alle Straßenbahnen zwei Tage lang still, obwohl weder besonders eisige Temperaturen noch extremer Schneefall herrschten. In Norddeutschland führte der Flockenwirbel zur vorübergehenden Einstellung des Bahnverkehrs (also vorübergehend auch zur Verspätungsquote von Null), in Niedersachsen blieben 18.000 elektronische Dokumente der Justizverwaltung unterwegs hängen, darunter auch dringende Vorgänge. Warum? Wegen des Wintersturms „Elli“ befanden sich viele Beamte im Home office; der altersschwache Server des Ministeriums brach unter der Last der externen Zugriffe zusammen.
Die Resignation des Homo teutonicus
Vielleicht verstehen Sie nach dieser keinesfalls Vollständigen Aufzählung, warum der Homo teutonicus ausfallende Züge und deutlich Schlimmeres resignierend und in Augen von Fremden etwas schafsmäßig erträgt: Er schätzt sich mittlerweile glücklich, wenn er überhaupt irgendwo ankommt. Er empfindet es als Mirakel, wenn irgendwo eine neue Brücke oder ein Bahnhof entsteht, egal wann. „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist“, bemerkte einmal der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Das beziehen die Bundesbürger heute auf ihren prosaischen Alltag. Sie freuen sich auch, wenn im Winter nicht die gesamte Infrastruktur kollabiert, sondern nur ein Stückchen davon. Und sie stöhnen erleichtert, wenn sie nach monatelanger Wartezeit endlich ein Behördendokument in der Hand halten.
Der Autor dieses Textes beabsichtigt zu heiraten. Dafür benötigt er eine Geburtsurkunde und stellte im September 2025 den Antrag. Im Januar 2026 fragte er vorsichtig nach und bekam zur Antwort, er möge gefälligst nicht drängeln. Man bearbeite nämlich gerade den Posteingang von August des letzten Jahres.
Als Einwohner erhofft man gar keine Verbesserung, sondern gibt sich schon zufrieden, wenn es nicht noch viel schlechter kommt. Mit anderen Worten: dieses Land erwartet nichts mehr von selbst.
Vom Land der Ingenieure zum Staat der Bürokraten
Wie kam Deutschland dorthin, wo es jetzt steht? Auf die Frage gibt es nur Teilanworten. Jeder möge sich sein Bild daraus zusammensetzen. Ende 2025 meldete das Statistische Bundesamt erstmals seit langer Zeit einen Rückgang der Arbeitskräfte – und das, obwohl seit 2015 mehrere Millionen Menschen zuwanderten. Aufschlussreicher fällt der Blick im Detail aus: Sowohl die Zahl der Industriearbeiter als auch der Selbständigen geht seit 2016 zurück. Die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Sektor stieg im gleichen Zeitraum von 10,74 auf 12,38 Millionen an. Diesen gut zwölf Millionen stehen heute nur noch 7,25 Millionen Arbeitnehmer in der Industrie und 3,67 Millionen Selbständige gegenüber. Das Land der Ingenieure hat sich erfolgreich zum Staat der Bürokraten transformiert. Diese Bürokratie schützt und ernährt sich selbst, vor allem dadurch, dass sie ununterbrochen neue Vorschriften und Regeln ausstößt.
Vor allem anderem deshalb brauchen Bauprojekte Jahrzehnte. Natürlich ließen sich mit künstlicher Intelligenz und Digitalisierung Dokumente innerhalb von maximal 24 Stunden ausstellen. Das ginge allerdings zu Lasten der öffentlichen Bediensteten, die durchaus über natürliche Intelligenz verfügen, wenn die ihren Status verteidigen. In dem Fall funktioniert der Staat noch erstaunlich gut. Vor kurzem postete jemand auf X ein Schreiben des Finanzamtsamts, das ihn wegen einer Steuerschuld von 37 Cent ermahnte und ihm eine saftige Strafe aufbrummte. Der Brief kam blitzschnell. Hier arbeitet keiner erst den August des Vorjahres ab. Beim Eintreiben von Geld verhält sich der XXL-Staatsapparat plötzlich agil wie ein junger Tiger. Und auch ähnlich gefräßig.
Huldigung der Unfähigkeit
Zum Zweiten macht sich in dem Land geradezu eine Verehrung der Inkompetenz breit. Der Grünen-Politiker Robert Habeck, der nie irgendein Interesse an ökonomischen Themen zeigte, durfte 2021 trotzdem zum Wirtschaftsminister des stärksten europäischen Landes aufsteigen – um die Nation dann darüber zu belehren, dass Firmen, denen das Geschäft wegbricht, nicht pleitegehen – „sie hören nur auf zu produzieren“. Seine Parteifreundin Annalena Baerbock erklärte das Stromnetz zum Speicher, 2021 legte sie in Buch vor, das überwiegend aus Plagiaten bestand, als Außenministerin empfahl sie Putin als eine „360-Grad-Wende“, und lobte Südafrika als „bacon of hope“ (statt beacon).
Habeck, Baerbock und andere dieser Liga konnten und können immer noch so ziemlich alles anstellen, was sie wollen – die meisten deutschen Journalisten liegen ihnen trotzdem zu Füßen. Denn in den Redaktionen heißt es heute nicht mehr „sagen, was ist“ – das Motto des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein – sondern: Schreiben nach Gefühl. Die niedersächsische Schulministerin Julia Willie Hamburg, Vize-Bundestagspräsident Omid Nouripour, die Bundestagsabgeordnete Katrin Göring-Eckardt – immer mal wieder gehandelt als kommende Bundespräsidentin – und etliche andere Politiker eint ein biografisches Detail: Sie verfügen über keinerlei abgeschlossene Berufsausbildung. Auch nicht über irgendeine Erfahrung in der freien Wirtschaft. Mit etwas Zeitverzögerung sickert jede Inkompetenz an der Spitze nach unten weiter. Früher hieß es, Deutschland werde mittelmäßig regiert, aber gut verwaltet. Heute stimmt beides nicht mehr.
Der Vorreiter fällt zurück
Dazu kommt noch die Verachtung für Unternehmer, etwa durch die Chefin der SPD, Bärbel Bas, die meint, ihre Partei müsste gegen Firmeninhaber kämpfen. Auch die Verachtung für Allgemeinbildung: Im internationalen TIMSS-Test, dem globalen Ranking der Schülerleistungen in Mathematik und Naturwissenschaften, kamen deutsche Viertklässler 2007 immerhin noch auf Platz 12. Sechzehn Jahre später reichte es gerade noch für Rang 21, weit hinter der Türkei, England, Rumänien und anderen Teilnehmern. Und schließlich: Wer sich unentwegt einredet, „Vorreiter“ für die ganze Welt zu sein, besonders bei einer Energiewende, die in Wirklichkeit niemand kopiert, der kommt irgendwann gar nicht mehr auf die Idee, sich selbst kritisch zu betrachten. Möglicherweise leidet das Deutschland der Gegenwart einfach unten dem Phänomen, das der amerikanische Anthropologe Louis Kroeber einmal „kulturelle Erschöpfung“ nannte.
Ist von der berühmt-berüchtigten deutsche Gründlichkeit denn gar nichts mehr übrig? Doch, durchaus, nicht nur im Detail wie beim Eintreiben von 37 Cent Steuerschuld. Sondern auch im Großen und Ganzen. Wenn wir schon ein ehemals passabel funktionierendes Land an die Wand fahren, so das Motto der heutigen Deutschlandlenker, dann aber richtig. Wobei: ein bisschen Hoffnung gibt es noch. Zum Jahresbeginn 2026 stellte sich heraus, dass die Demontage des stillgelegten Atomkraftwerks Brokdorf wegen tausender einzuhaltender Vorschriften vermutlich 50 Jahre in Anspruch nimmt. Vielleicht geht es dort derart langsam voran, dass die nächste oder übernächste und zumindest semivernünftige Bundesregierung beschließt, es doch wieder in Betrieb zu nehmen. Der Auftrag geht dann an chinesische Techniker.
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