Mehr als Handel: Neues EU-Indien-Abkommen regelt auch Arbeitsmigration

Die „Mutter aller Abkommen“, wie sie von beiden Seiten übereinstimmend genannt wird, soll den EU-Ländern neben Wirtschaftswachstum und einem Aufschwung der Automobilindustrie auch einen geregelteren Zustrom von Arbeitskräften aus Indien ermöglichen.

Indischer Arbeiter in einer Autofabrik. Foto: Pal Pillai/AFP/Profimedia

Indischer Arbeiter in einer Autofabrik. Foto: Pal Pillai/AFP/Profimedia

Neu-Dheli/Brüssel. Nach fast 20 Jahren unterbrochener Verhandlungen haben Vertreter der Europäischen Union und Indiens am 27. Januar bei einem Gipfeltreffen in Neu-Delhi die Einigung über ein umfassendes Freihandelsabkommen bekanntgegeben. Vor dem Inkrafttreten muss der Vertrag noch von den zuständigen Parlamenten und Gremien ratifiziert werden. Nach Angaben von Teilnehmern und laut offiziellen Erklärungen habe auch das internationale handelspolitische Umfeld zu dem Durchbruch beigetragen, nachdem die Vereinigten Staaten zuletzt hohe Einfuhrzölle auf Waren aus Indien und der EU verhängt hatten.

Der Schritt zwang beide Wirtschaftsblöcke dazu, nach einem Ausweg zu suchen. Brüssel gab die Einigung mit Indien nur wenige Tage nach der politischen Verständigung mit dem Mercosur bekannt, die ebenfalls vor dem Hintergrund wachsender wirtschaftlicher Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa zustande kam. Indiens Handelsminister Piyush Goyal wies einen Einfluss der USA jedoch zurück.

Ursula von der Leyen stellt das Mobilitätsabkommen vor. Video: Disclose.tv/Telegram

Zölle, Handel und Marktzugang

Der indische Premierminister Narendra Modi sagte, die europäisch-indische Wirtschaftspartnerschaft werde 25 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und rund ein Drittel des globalen Handelsvolumens umfassen. Mehreren Quellen zufolge soll das Abkommen noch in diesem Jahr endgültig unterzeichnet werden und anschließend in Kraft treten.

„Die EU wird Zölle auf mehr als 90 Prozent der Zollpositionen abschaffen, was 91 Prozent des Handelswertes entspricht. Indien wird Zölle auf 86 Prozent der Zollpositionen abschaffen, was 93 Prozent des Handelswertes entspricht. Darüber hinaus werden beide Seiten eine bedeutende Anzahl weiterer Zollpositionen teilweise liberalisieren“, heißt es auf der Website der Europäische Kommission.

Von dem Abkommen dürfte neben der Stahl- und Lebensmittelindustrie auch die Automobilbranche profitieren, insbesondere Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz und Renault. Die Zölle auf die meisten Fahrzeuge sollen zunächst auf 30 bis 35 Prozent sinken und anschließend innerhalb von fünf Jahren schrittweise auf zehn Prozent reduziert werden. Für Elektroautos ist vorgesehen, dass der Zollabbau erst ab dem fünften Jahr nach Inkrafttreten des Abkommens beginnt.

Die im Abkommen festgelegten strengen Ursprungsregeln sollen zugleich verhindern, dass Waren aus Drittländern über Indien in die Union gelangen und dort unrechtmäßig von Zollvorteilen profitieren.

Migration und strategische Zusammenarbeit

„Premierminister Narendra, wir beide wissen, dass unsere Menschen unser größter Reichtum sind. Deshalb freue ich mich sehr über die Unterzeichnung des Mobilitätsabkommens. Wir werden die Mobilität von Studierenden, Forschern, Saisonarbeitern und hochqualifizierten Arbeitskräften erleichtern“, betonte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und fügte hinzu, der Schritt werde der „Freundschaft zwischen unseren Völkern“ sowie „unseren Volkswirtschaften“ zugutekommen.

Die Europäische Union und Indien seien laut Ursula von der Leyen natürliche strategische Partner, da sie „viel gemeinsam haben“. Unter anderem verwies sie auf den Umstand, dass es sich um die „zwei größten Demokratien“ der Welt handle.

Die Äußerungen der Kommissionspräsidentin zum Thema Migration fanden in den meisten europäischen Medien jedoch kaum Beachtung. Von der Leyen kündigte an, in Indien werde mit dem EU Legal Gateway Office erstmals eine Einrichtung eröffnet, die einen geordneten Zustrom von Migranten in die Staaten der Union ermöglichen solle. Laut Ursula von der Leyen werde das Büro als „zentrale Anlaufstelle zur Förderung der Migration begabter Inder nach Europa in voller Übereinstimmung mit den Bedürfnissen und der Politik der EU-Mitgliedstaaten“ dienen.

Neben dem Freihandelsabkommen verabschiedeten die europäischen und indischen Delegationen während der Verhandlungen am 27. Januar auch ein Strategiepapier mit dem Titel „Auf dem Weg ins Jahr 2030: Eine gemeinsame umfassende strategische Agenda für Indien und die Europäische Union“. Der vollständige Wortlaut ist auf der Website des indischen Außenministeriums auf Englisch und Hindi abrufbar.

Das Strategiepapier ist in fünf Kapitel mit zahlreichen Unterkapiteln gegliedert, das letzte Kapitel befasst sich mit Migration. Demnach soll das Pilotbüro des europäischen legalen Einreiseportals „Informationen und Unterstützung für die Migration von Arbeitnehmern in die EU bereitstellen“. Zugleich sollen „die Schengen-Visaverfahren durch die geplante Digitalisierung der Visaprozesse modernisiert und vereinfacht“ werden.

Indische Arbeitskräfte in Deutschland und Österreich

In Deutschland und Österreich spielt die Zuwanderung aus Indien bislang vor allem im Bereich qualifizierter Fachkräfte eine zentrale Rolle. In Deutschland sind Inder vor allem in sogenannten MINT-Berufen tätig, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit waren zuletzt rund 33.000 indische Staatsangehörige sozialversicherungspflichtig in akademischen MINT-Berufen beschäftigt, ein Großteil davon in der IT-Branche. Entsprechend hoch ist das Einkommensniveau: Laut Auswertungen des Instituts der deutschen Wirtschaft erzielten indische Vollzeitbeschäftigte 2024 mit einem Bruttomedianlohn von rund 5.400 Euro das höchste Durchschnittseinkommen unter ausländischen Arbeitnehmern in Deutschland.

In Österreich erfolgt qualifizierte Zuwanderung aus Indien vor allem über die Rot-Weiß-Rot-Karte, die an ein konkretes Arbeitsplatzangebot, Mindestgehälter und formale Qualifikationen gebunden ist. Nach Angaben des Österreichischen Integrationsfonds waren zuletzt mehr als 10.000 Rot-Weiß-Rot-Karten gültig. Indische Staatsangehörige stellten dabei mit über 800 Bewilligungen eine der größten Gruppen. Auch hier konzentriert sich die Zuwanderung auf IT, Technik und andere Mangelberufe. Die Migration aus Indien ist in beiden Ländern damit primär arbeitsmarktgetrieben, stark selektiv und auf Hochqualifikation ausgerichtet.

Andere Qualifikationsanforderungen in Ländern Osteuropas

Im Osten Europas zeigt sich ein anderes Bild, sowohl hinsichtlich der Qualifikationsstruktur als auch der sektoralen Verteilung indischer Arbeitskräfte.

Der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš lehnt es ab, die Bedingungen für die Erteilung langfristiger Arbeitserlaubnisse für Ukrainer zu erleichtern, die sich bereits in der Tschechischen Republik aufhalten. Zugleich kündigte er an, 100.000 ausländische Arbeitskräfte auf den tschechischen Arbeitsmarkt holen zu wollen. Entsprechend begrüßte er die Vereinbarung zwischen Brüssel und Neu-Delhi in den sozialen Netzwerken.

Ende vergangenen Jahres arbeiteten in der Slowakei mehr als 9.200 Inder. Nach den Ukrainern stellen sie damit die zweitgrößte Gruppe unter den Arbeitsmigranten und liegen zahlenmäßig vor Serben, Tschechen und Rumänen. In Tschechien nimmt die Zahl indischer Arbeitnehmer zwar stetig zu, erreicht bislang jedoch nicht das Niveau der Slowakei.

Laut dem Portal Slovak Spectator zeigen Arbeitgeber ein wachsendes Interesse an Arbeitskräften aus Indien. Gesucht werden demnach Beschäftigte für den IT-Sektor, Entwicklungszentren und technische Branchen, aber auch Küchenpersonal, Massagetherapeuten sowie Produktionsmitarbeiter. Einige Arbeitsagenturen in der Slowakei und in der Tschechischen Republik nutzen Inder inzwischen sogar als Werbegesichter für ihr Unternehmen.

„Unser Unternehmen arbeitet seit langem mit ausländischen Partnern zusammen und organisiert die Anwerbung von Mitarbeitern aus mehreren Ländern außerhalb der EU, darunter auch Indien. Wir begrüßen die Vereinfachung der Bedingungen für die legale Einreise von Arbeitnehmern“, sagte Miroslav Kudlej, Gründer und Direktor der Agentur Proplusco, die in der Slowakei und in Tschechien tätig ist, gegenüber Statement.

Auch die Agentur Index Nosluš vermittelt seit Längerem Arbeitskräfte aus Indien und begrüßt das indisch-europäische Abkommen. Zugleich weist sie darauf hin, dass der europäische Rahmen der Vereinbarung zu einem verstärkten Zustrom indischer Arbeitnehmer in andere EU-Mitgliedstaaten führen könnte, die mit dem slowakischen Arbeitsmarkt konkurrieren.

„Index Nosluš sieht indische Arbeitskräfte bereits heute als große Verstärkung. Was uns bremst, sind vor allem die bürokratischen Hürden an den Botschaften. Wenn die Verfahren ab 2027 vereinfacht werden, glaube ich, dass dies ein großer Fortschritt sein wird“, erklärte Darina Mokráňová, Geschäftsführerin für die Slowakei und die Tschechische Republik, gegenüber Statement.

Russlands zunehmendes Interesse an indischen Arbeitskräften

Auch Russland plant die Einwanderung von Hunderttausenden bis Millionen Indern. Hintergrund sind der anhaltende Rückgang der Geburtenrate, Auswanderung sowie Verluste infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Der Zustrom von Migranten aus Indien, aber auch aus Afrika und China, hat dort seit einigen Monaten deutlich zugenommen. Eine ähnliche Entwicklung ist auch in Weißrussland zu beobachten.

Die Migration aus kulturell sehr unterschiedlichen Ländern birgt jedoch auch Risiken. In Indien erreichen Fälle brutaler sexueller Übergriffe und Gruppenvergewaltigungen ein beträchtliches Ausmaß. Im Vereinigten Königreich – wo im Gegensatz zu vielen EU-Staaten die Staatsangehörigkeit von Tatverdächtigen in der Kriminalstatistik ausgewiesen wird – weisen Inder in den vergangenen Jahren in den offiziellen Zahlen zu schweren Straftaten und sexuellen Übergriffen die höchsten Fallzahlen auf.

Bei der Analyse negativer Folgen von Einwanderung wird häufig auf die Kriminalität von Zuwanderern verwiesen. Migration aus dem bevölkerungsreichsten Land der Welt mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern kann jedoch auch langfristig erhebliche Auswirkungen auf einzelne europäische Staaten haben und deren politisches, religiöses und ethnokulturelles Gefüge spürbar verändern.