Wien/Washington. Dass die US-Justiz nun noch mehr Material aus den mittlerweile berühmten Akten zum Fall des Sexualverbrechers und Multimillionärs Jeffrey Epstein veröffentlicht, liefert nun auch Stoff für Österreichs Innenpolitik, denn der ehemalige FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache, der in Kürze aufgrund von Untreue-Vorwürfen erneut vor Gericht steht, wird in den Epstein-Files namentlich genannt.
Der aufgrund seiner Hauptrolle im Ibiza-Video im Mai 2019 zurückgetretene Strache hinterließ offenbar bei Steve Bannon einen gewissen Eindruck. Der rechtsnationale politische Stratege und Medienmacher, der 2016 maßgeblich Donald Trumps Wahlkampf mitgestaltet hatte, kommentierte laut den Akten am 17. Mai 2015 um 13.08 Uhr den Abgang Straches aus der Bundespolitik.
"Big Problem"
Bannon schrieb laut den Epstein-Dossiers der US-Justiz zu einem Bericht der New York Times über die aktuellen Vorgänge in Wien an Epstein: "Big Problem" Und: "The guy was solid -- this will only make Kurz stronger."
Bannon bezeichnete Strache also als "zuverlässigen Kerl" und analysierte zu den Folgen des Ibiza-Video-Skandals auch, dass diese Entwicklung Sebastian Kurz "noch stärken" würde (was ja beinahe auch der Fall gewesen wäre, hätte damals nicht wenige Tage später die SPÖ mit der FPÖ mit einem Misstrauensantrag die damalige Bundesregierung komplett gesprengt.
Interessant auch, was als Antwort auf die iMessage-Texte von Steve Bannon zu lesen ist: "Russians are good at what they ye been doing for years Camera in the cell phone charger a bit antiquated", antwortet Epstein ([email protected]). Der verurteilte Pädophile sah also einen russischen Nachrichtendienst als Drahtzieher hinter dem Ibiza-Video.

Update: Eine Anfrage von Statement an Heinz-Christian Strache, wie er die Erwähnung seiner Person in den Konversationen zwischen Bannon und Epstein einordne, wurde erst in der Nacht auf Montag beantwortet. Strache schrieb per SMS: "Es wird ja wirklich immer absurder. Ich hatte weder Kontakt noch irgendeine Verbindung zu Jeffrey Epstein und schon gar nicht Chats oder sonstige Berührungspunkte." Und: "Dass man meinen Namen nun in sogenannte ,Epstein-Files' hineininterpretiert, sagt mehr über die Fantasie mancher Kommentatoren als über mich." (Anmerkung der Redaktion: Die Konversation über Strache findet sich, wenn man Straches Namen in der Suchmaske der Epstein-File-Seite der US-Justiz eingibt). Außerdem meinte der 2019 nach seinem Ibiza-Videoskandal mit einer vermeintlichen falschen russischen Oligarchin zurückgetretene Ex-Vizekanzler: "Wenn Steve Bannon mich einen ,solid guy' nennt, dann nehme ich das zur Kenntnis, denn eines bin ich seit jeher: geradlinig, klar und verlässlich."
Österreich taucht in den kürzlich veröffentlichten Epstein-Files insgesamt 1.035-mal als Erwähnung in den Akten zum Kriminalfall Jeffrey Epstein und zu seinem mysteriösen Tod 2019 in einer Haftanstalt in New York auf.
Vor seiner Verhaftung war Epstein in Wiener Café
So finden sich in den Akten interessante Mails von bekannten österreichischen Unternehmerinnen, die den damals schon verurteilten Pädophilen zum Life Ball nach Wien einladen oder Epstein sogar persönlich in der Karibik treffen wollten.
Und nur 106 Tage vor der Verhaftung von Jeffrey Epstein am 6. Juli 2019 wurde der US-Multimillionär beobachtet, wie er mit drei Frauen für fünf Stunden in Wien war. US-Marshals der Spezialeinheit für Sexualstraftäter-Fahndung dokumentierten, wie Epstein am 22. März 2019 am Flughafen Wien ankam und danach ab 17 Uhr im Café Landtmann saß - dieses bekannte Wiener Kaffeehaus liegt schräg gegenüber der SPÖ-Parteizentrale in der Löwelstraße. Wen Epstein bis 22 Uhr in Wien getroffen hat, geht aus den Akten nicht hervor.


Der Fall Epstein
Jeffrey Epstein (1953 bis 2019) war ein Finanzier und verurteilter Sexualstraftäter, der zwischen den 1990er Jahren und 2019 ein ausgedehntes Netzwerk zum sexuellen Missbrauch und zur Ausbeutung von Minderjährigen betrieb. Der US-Bürger schuf ein System, in dem junge Mädchen – oft nur 14 bis 17 Jahre alt – unter dem Vorwand von Massagen oder Model-Jobs rekrutiert, sexuell missbraucht und teilweise an wohlhabende und einflussreiche Männer weitervermittelt wurden. Das Netzwerk erstreckte sich über seine Luxusimmobilien in New York, Palm Beach, New Mexico, Paris und vor allem seine Privatinsel Little Saint James („Pedophile Island“ genannt).
Die prominentesten mit Epstein in Verbindung gebrachten Personen sind etwa Ghislaine Maxwell, die langjährige Partnerin und mutmaßliche Haupt-Rekrutiererin, sie wurde 2021 zu 20 Jahren Haft verurteilt. Prinz Andrew (Herzog von York) ist mehrfach beschuldigt, auf der Insel und in Epsteins Häusern gewesen zu sein. Bill Clinton soll mehrfach mit dem „Lolita Express“ Epsteins geflogen (mit Flugprotokollen bestätigt), er war auch mehrmals auf Little St. James, Clinton bestreitet aber jegliches Fehlverhalten.
Donald Trump kannte Epstein seit den 1980er Jahren, war mehrmals in seiner Gesellschaft - Trump distanzierte sich. Für Les Wexner, der Gründer von L Brands (Victoria’s Secret), verwaltete Epstein lange Jahre dessen Vermögen. Bill Gates gab mehrere Treffen mit Epstein nach 2008 zu, Gates bedauerte die Kontakte später öffentlich. Milliardär Leon Black (Apollo Global) zahlte Epstein hohe Summen für dessen „Beratung“. Jean-Luc Brunel, der französische Model-Agent, war ein enger Epstein-Partner, 2022 beging er in der Haft Selbstmord.