Moldaus Präsidentin Sandu plädiert für Vereinigung mit Rumänien

Das frühere Moldawien wird auf beiden Seiten der moldauisch-rumänischen Grenze von ethnischen Rumänen bewohnt. Die Teilung in zwei Staaten ist das Ergebnis historischer Umbrüche. Werden die Moldauer eine Wiedervereinigung unterstützen?

Menschen mit moldauischen und rumänischen Flaggen bei einer öffentlichen Versammlung. Foto: Dorin Recean/Instagram

Menschen mit moldauischen und rumänischen Flaggen bei einer öffentlichen Versammlung. Foto: Dorin Recean/Instagram

Chișinău. Die moldauische Präsidentin Maia Sandu hat erklärt, sie würde ein Referendum über eine Wiedervereinigung der Republik Moldau mit Rumänien unterstützen. Das Land zählt rund 2,4 Millionen Einwohner, Rumänien etwa 19 Millionen. In dem britischen Podcast The Rest Is Politics (RIP) begründete Sandu ihre Haltung sowohl historisch als auch pragmatisch.

Ihr rumänischer Amtskollege Nicușor Dan reagierte diplomatisch und erklärte, dass es keinen Grund für eine Wiedervereinigung gebe, solange die Bürger Moldaus selbst kein Interesse daran zeigten. Laut einer aktuellen Umfrage vom Sommer vergangenen Jahres, die unter 1.116 Personen durchgeführt wurde, befürworten nur 26 Prozent der Moldauer eine Vereinigung mit Rumänien.

Maia Sandu über eine mögliche Vereinigung mit Rumänien. Video: EternalMuscovite/Telegram

Unabhängigkeit ist nicht gleich Unabhängigkeit

Trotz der bestehenden Staats- und Schengen-Grenze zwischen beiden Ländern gelten die Beziehungen als traditionell eng. In der Ukraine kämpfen zudem Bürger der Republik Moldau und Rumäniens in Freiwilligeneinheiten unter dem gemeinsamen Banner der rumänischen Kampfgruppe Getica, die sich aus rumänischsprachigen Kämpfern beider Länder zusammensetzt.

„Das Überleben der Demokratie und die Unabhängigkeit kleiner Länder wie der Republik Moldau werden zunehmend schwieriger, ebenso wie das Widerstehen des Einflusses Russlands“, sagte die moldauische Präsidentin Maia Sandu. Sie reagierte damit auf die Frage, warum sie einen Zusammenschluss mit Rumänien unterstützen würde, obwohl ein solcher Schritt das Ende ihrer Präsidentschaft bedeutet.

Die Republik Moldau ist ähnlich wie Georgien oder Serbien auf dem Papier (de jure) größer als in Wirklichkeit (de facto). Ein schmaler, langgestreckter Landstreifen zwischen dem Fluss Dnister im Westen und der moldauisch-ukrainischen Grenze im Osten gehört zum umstrittenen Gebiet Transnistrien.

Wechselnder Status auch durch russische Einflussnahme

Obwohl die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen das Gebiet als Teil der Republik Moldau betrachten, gilt es seit den 1990er Jahren als nicht anerkannter Staat. Damals unterstützte Russland die Separatisten; bis heute unterhält Moskau in der Region eine rund 500 Mann starke sogenannte Friedenstruppe.

An den Kämpfen auf Seiten der Separatisten beteiligte sich damals unter anderem auch der Kriegsverbrecher und spätere Verteidigungsminister der selbsternannten Volksrepublik Donezk, Igor Wsewolodowitsch Girkin, bekannt unter dem Kampfnamen Igor Iwanowitsch Strelkow.

Die Parlamentarische Versammlung des Europarates verabschiedete am 16. März 2022 eine Resolution, in der sie das Gebiet der selbsternannten Republik als „von Russland besetztes Gebiet“ bezeichnete. Zuvor war es als „unter der effektiven Kontrolle der Russischen Föderation“ geführt worden.

Die heutige rumänisch-moldauische Grenze teilt das historische Fürstentum Moldawien (Moldova) in zwei Teile. Karte: Wikipedia

„Die Führung der Russischen Föderation stellt durch ihre Haltung und ihr Handeln eine offene Bedrohung für die Sicherheit in Europa dar und beschreitet einen Weg, der auch einen Akt militärischer Aggression gegen die Republik Moldau und die Besetzung der Region Transnistrien beinhaltet“, heißt es in einer Stellungnahme des Europarat.

Der ehemalige moldauische Premierminister Dorin Recean warnte bereits im Juni 2025, Russland versuche, die Parlamentswahlen im September in Moldau zu beeinflussen, um eine Regierung zu installieren, die den Einsatz von bis zu 10.000 russischen Soldaten ermöglichen würde. Nach seinen Angaben sollten russische Truppen die Region Transnistrien besetzen.

Recean sagte gegenüber der Financial Times, Moskau wende erhebliche Mittel für Propaganda, Online-Desinformation und die illegale Finanzierung politischer Parteien auf. „Ihre Propaganda- und Kommunikationsmechanismen sind sehr stark. Sie geben viel Geld aus“, präzisierte er. Allein im Jahr 2024 habe das russische Regime nach seinen Angaben rund ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Republik Moldau für Einflussoperationen ausgegeben.

Kurz vor den Parlamentswahlen erklärte die Pressestelle des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, die NATO werde unabhängig vom Wahlergebnis eine faktische Besetzung der Republik Moldau vornehmen.

„Aus Angst vor einer direkten Konfrontation mit dem großen Russland versuchen die Europäer, sich am kleinen Moldau schadlos zu halten. Sich auf Kosten der Schwachen zu behaupten, war schon immer ein zentraler Bestandteil des europäischen Kolonialismus“, hieß es in einer Stellungnahme des russischen Auslandsgeheimdienstes. Zu einer Besetzung der Republik Moldau nach den Wahlen kam es jedoch nicht.

Der Sieg der proeuropäischen Regierungspartei Partei der Aktion und Solidarität von Präsidentin Maia Sandu bedeutete für die Republik Moldau die Fortsetzung der europäischen Integration, die die Moldauer 2024 in einem Referendum mit knapper Mehrheit unterstützt hatten. In Moskau stieß das Wahlergebnis ebenso auf Ablehnung wie Sandus Unterstützung für die Idee eines vereinigten Rumänien.

Die Geschichte spricht eine klare Sprache

Der westliche Teil des historischen Fürstentums Moldawien (Moldova) gehört heute gemeinsam mit der Walachei (Țara Românească) und Siebenbürgen (Transilvania) zu Rumänien, während aus dem östlichen Teil des ehemaligen Herrschaftsgebiets der Staat Moldau hervorging.

Die heutigen Grenzen wurden maßgeblich durch das turbulente 20. Jahrhundert geprägt. Nach dem bolschewistischen Umsturz und dem Zusammenbruch des Russischen Reiches wurde der östliche Teil des historischen Fürstentums Moldawien 1918 Teil des Königreichs Rumänien. Der Anschluss wurde 1920 auf internationaler Ebene durch den Pariser Vertrag bestätigt, vergleichbar mit der völkerrechtlichen Anerkennung der Tschechoslowakei im Rahmen der Verträge von Trianon und Versailles.

Der geheime Zusatz zum sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakt von 1939 betraf nicht nur die Teilung Polens oder die Besetzung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion. Auf seiner Grundlage fiel auch der östliche Teil des Fürstentums Moldawien an die Sowjetunion. Der Kreml gründete dort 1940 die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik.

Kurz nach Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gelang es rumänischen Truppen, die Rote Armee aus dem Gebiet des ehemaligen Fürstentums Moldawien zu vertreiben. Bereits im Sommer 1944 geriet das Gebiet jedoch wieder unter die Kontrolle Moskaus. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs behielt der Kreml Ostmoldawien und setzte die 1940 gezogenen Grenzen dauerhaft durch.

Maia Sandu. Foto: Piroschka van de Wouw/Reuters

Das letzte Wort haben die Bürger

Chișinău erklärte 1991, als die Sowjetunion bereits zerfiel, die Unabhängigkeit. Zur Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik gehörte seit 1940 auch die Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik, ein ursprünglich ukrainisches Gebiet, dessen ethnische Zusammensetzung und nationales Bewusstsein während der sowjetischen Herrschaft stark verändert wurden und das heute unter dem Namen Transnistrien erneut unter russischer Kontrolle steht.

Im Jahr 2023 wurde in der Republik Moldau die Amtssprache offiziell von Moldauisch in Rumänisch geändert. Die moldauische Variante des Rumänischen enthält weniger aus dem Russischen übernommene Begriffe, ein Erbe der Russifizierungspolitik in den Republiken der Sowjetunion. Zu dieser Politik zählte auch der Versuch, die regionale Identität der rumänischsprachigen Bevölkerung in eine eigenständige moldauische nationale Identität zu überführen.

„Die pro-russischen Kräfte in Moldau und der Kreml ... haben immer die Ansicht in Frage gestellt, dass die Mehrheit der Bevölkerung ethnisch rumänisch ist und Rumänisch spricht“, sagte Cristian Cantir, moldauischer Dozent für internationale Beziehungen an der Oakland University, nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Umbenennung der Staatssprache.

Der deutsche Soziologe Max Weber stellte treffend fest, dass „die gesamte Geschichte zeigt, wie leicht der politische Wille den Glauben an die Blutsverwandtschaft wecken kann, wenn keine großen anthropologischen Unterschiede im Wege stehen“. Auch wenn es im Falle des auf zwei Staaten verteilten rumänischen Volkes bislang an politischem Willen zur Vereinigung mangelt, gilt die gemeinsame Abstammung als unbestreitbar.

Das letzte Wort werden jedoch so oder so die Bürger der Republik Moldau haben, die möglicherweise eines Tages in einem Referendum über einen Anschluss an Rumänien abstimmen werden. Ein mögliches Ende der staatlichen Eigenständigkeit des Landes im Zuge eines solchen Anschlusses würden viele Moldauer kaum bemerken, da rund 60 Prozent von ihnen neben der moldauischen bereits zusätzlich die rumänische Staatsbürgerschaft besitzen.