Wie die Tschechische Republik durch den übereilten Verkauf von Gold Milliarden verlor

Der starke Anstieg des Goldpreises zeigt, welche Erlöse der Tschechischen Republik durch die Veräußerung ihrer Goldreserven Ende der 1990er Jahre entgangen sind.

Der heutige Goldpreis macht frühere Verkäufe staatlicher Reserven rückblickend kostspielig. Foto: Tomáš Baršváry/Midjourney

Der heutige Goldpreis macht frühere Verkäufe staatlicher Reserven rückblickend kostspielig. Foto: Tomáš Baršváry/Midjourney

Prag. Vor fast 30 Jahren setzte die Tschechische Republik ihre Nationalbank unter Druck, den Verkauf der Goldreserven rasch einzuleiten. Auslöser war die Sorge, andere Zentralbanken könnten schneller handeln und Prag später nur noch deutlich geringere Erlöse erzielen lassen. Am Ende erfolgte der Schritt jedoch zu einem Zeitpunkt, als der Goldpreis historisch betrachtet nahe einem Tiefstand lag.

Die Tschechische Nationalbank (ČNB) veräußerte damals innerhalb weniger Monate das seit der Zeit Österreich-Ungarns angesammelte Gold. Den Grundstock hatte die Zentralbank bei der Gründung der Tschechoslowakei gelegt, als mehr als ein Dutzend Tonnen des Edelmetalls auf den neuen Staat übertragen wurden. Ergänzt wurde der Bestand im selben Zeitraum durch Gold aus dem sogenannten Goldschatz der entstehenden Republik, der sich aus freiwilligen Beiträgen der Bevölkerung speiste.

Ende der 1990er Jahre setzte die ČNB rund 51 Tonnen Gold ab. Der Erlös belief sich auf etwa 16 Milliarden tschechische Kronen, was inflationsbereinigt heute knapp 40 Milliarden Kronen entspricht, umgerechnet fast 1,65 Milliarden Euro.

Bei einem Verkauf derselben Menge zum aktuellen Marktpreis läge der Erlös - trotz aktueller Kursverluste bei Gold - bei rund 170 Milliarden Tschechischen Kronen, also bei mehr als sieben Milliarden Euro. Real gerechnet, unter Berücksichtigung der Inflation, entspräche das einem Mehrwert von etwa 130 Milliarden Kronen oder rund 5,35 Milliarden Euro.

Zwanghafte Eile

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die damals beinahe zwanghafte Eile der ČNB beim Verkauf des Goldes. Im Jahr 1998 lösten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die Dreierkommission zur Rückgabe von durch die Nazis geraubtem Gold auf. Im Zuge der abschließenden Abrechnung erhielt die ČNB aus dem Bestand der Kommission rund 330 Kilogramm Gold.

Ohne zu zögern veräußerte die ČNB das Gold umgehend für 100 Millionen tschechische Kronen und leitete fast den gesamten Betrag an den Staatshaushalt weiter. Inflationsbereinigt entsprechen diese 100 Millionen heute rund 225 Millionen Kronen. Wäre der Bestand erst in diesem Jahr auf den Markt gekommen, hätte der Erlös bei etwa 1,1 Milliarden Kronen gelegen – real also fast das Fünffache.

Noch im Jahr 2000 argumentierten Vertreter der ČNB, der Verkaufspreis des Edelmetalls sei ein Erfolg gewesen. 1997 habe der Goldpreis 323 Dollar je Unze erreicht [inzwischen liegt er bei über 5.000 Dollar je Unze, Anm. d. Red.]. Beim Tempo der Veräußerung der nationalen Goldreserven lag die ČNB in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre an der Spitze. Unter den heutigen EU-Staaten wies lediglich Malta eine ähnliche Geschwindigkeit auf.

Die übrigen Zentralbanken der EU-Staaten agierten zurückhaltender und verfolgten eine vorsichtigere Strategie. Ab etwa 2005 begann der Goldpreis deutlich zu steigen und erzielte bis heute eine Rendite von rund 1.100 Prozent. Für Tschechien blieb damit lediglich die Erkenntnis, zu früh gehandelt zu haben.

Im Rückblick ist man immer klüger

Rückblickend lassen sich Entscheidungen jedoch stets leichter beurteilen. In der geopolitisch vergleichsweise ruhigen Phase der späten 1990er Jahre war ein derart starker Anstieg des Goldpreises kaum absehbar. Gleichwohl handelte die ČNB selbst im Vergleich zu anderen EU-Staaten in außergewöhnlichem Tempo. Die übrigen Zentralbanken vermieden derart übereilte Schritte.

Goldpreis sowie Umfang und Wert der tschechischen Goldreserven in den 1990er Jahren; (Quelle: Tschechische Nationalbank)

Der Text wurde ursprünglich auf der Website lukaskovanda.cz veröffentlicht.