New York. Den Vereinten Nationen (UN) droht eine dramatische Finanzkrise. Darauf hat UN-Generalsekretär António Guterres in einem Brief hingewiesen. Der UN-Chef sprach von einem „unmittelbar drohenden finanziellen Zusammenbruch“, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Bereits zuvor hatte Guterres mehrfach vor einer sich verschärfenden Liquiditätskrise gewarnt. Hinzu kommt, dass sich die USA zunehmend aus der Finanzierung internationaler Projekte zurückziehen. „Die Krise vertieft sich, bedroht die Programmabwicklung, und es droht ein finanzieller Zusammenbruch“, schrieb Guterres am 28. Januar in einem Brief an die UN-Botschafter. Die Lage werde sich in naher Zukunft weiter verschlechtern, so der Generalsekretär.
Insgesamt sind 70 Staaten mit ihren Zahlungen im Rückstand. Die Finanzlage der UN ist aus systematischen Gründen problematisch, da nur 20 Prozent des Haushalts durch Pflichtbeiträge abgedeckt werden. Der Rest besteht aus freiwilligen Zahlungen der Mitgliedstaaten. Die Krise fällt zudem mit der Grundsatzentscheidung der USA zusammen, sich bei der Finanzierung internationaler Projekte zurückzuhalten.
USA ziehen sich zurück
Die USA kürzten zuletzt freiwillige Mittel für UN-Organisationen und verweigerten zudem verpflichtende Zahlungen an die Vereinten Nationen. US-Präsident Donald Trump bescheinigte der UN mehrfach „großes Potenzial“, schränkte jedoch ein, dass sie ihren Möglichkeiten nicht gerecht werde. Zudem gründete er ein Board of Peace und weckte damit bei der UN die Befürchtung, er könne die etablierte internationale Organisation untergraben wollen.
Die UN entstand 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg und umfasst 193 Mitgliedstaaten. Ihre Aufgabe besteht darin, internationalen Frieden und Sicherheit zu wahren. Ein weiteres Kernelement ist die Förderung der Menschenrechte.
Nach UN-Regeln hängen die Beiträge von der Größe der Volkswirtschaften der jeweiligen Mitgliedstaaten ab. So leisten die USA rund 22 Prozent der Zahlungen für den Kernhaushalt der UN, gefolgt von China mit 20 Prozent. Zum Jahresende 2025 beliefen sich die offenen Forderungen an die Mitgliedstaaten auf 1,57 Milliarden Dollar. Die Namen der säumigen Staaten nannte Guterres nicht.
Der Generalsekretär ließ keinen Zweifel am Ernst der Lage: „Entweder erfüllen alle Mitgliedstaaten ihre Verpflichtungen vollständig und pünktlich, oder die Mitgliedstaaten müssen unsere Finanzregeln grundlegend überarbeiten, um einen unmittelbar bevorstehenden finanziellen Zusammenbruch zu verhindern“, mahnte er.
UN-Beamte erklärten, dass die USA dem regulären UN-Haushalt derzeit 2,19 Milliarden Dollar schuldeten. Zudem sind von den USA noch 1,88 Milliarden Dollar für aktive Friedensmissionen sowie 528 Millionen Dollar für frühere Friedensmissionen offen. Auch das US-Außenministerium hüllte sich in Schweigen. Washington reagierte auf eine Reuters-Anfrage mit der Bitte um Stellungnahme zu dem Brief von Guterres.
Dringender Sanierungsbedarf
Dass die Finanzen der Vereinten Nationen dringend saniert werden müssen, zeigt sich auch daran, dass Guterres im vergangenen Jahr eine Reformarbeitsgruppe gegründet hat. Die Initiative UN80 arbeitet daran, Kosten zu senken und die Effizienz der UN zu verbessern. Zu diesem Zweck einigten sich die Mitglieder darauf, den Haushalt für 2026 um etwa sieben Prozent auf 3,45 Milliarden Dollar zu kürzen. Dennoch warnte Guterres, dass der UN im Juli das Geld ausgehen könnte.
Eines der Probleme im Finanzkreislauf der Organisation ist eine Regel, nach der die UN jedes Jahr nicht ausgegebene Mittel an die Mitgliedstaaten zurückzahlen muss. Guterres beschrieb das buchhalterische Verfahren als kafkaesken Kreislauf, weil Geld zurückgezahlt werden müsse, das nie geflossen sei. Konkrete Sparmaßnahmen haben die Vereinten Nationen bereits ergriffen, darunter Einstellungsstopps, geringere Ausgaben für die Wartung der Infrastruktur und Kürzungen bei humanitären Hilfsmaßnahmen. Betroffen sind neben der Kernstruktur der UN auch konkrete Einsätze, etwa im Sudan oder im Jemen.
Die Finanzen der UN sind ein Dauerbrenner. Bereits 2024 teilte der damalige UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths mit, dass die Hilfsprogramme nur zu einem Bruchteil, nämlich etwa zu 18 Prozent, finanziert gewesen seien. Betroffen waren damals Programme für Syrien, den Sudan, den Jemen, Gaza, die Ukraine sowie weitere Krisen- und Kriegsgebiete weltweit.