Wien. Die europäische Automobilindustrie steckt in der schwersten Beschäftigungskrise seit Jahrzehnten: Während der massive Stellenabbau oft nur mit den bekannten Beispielen der großen deutsche Konzerne diskutiert wird, zeigt ein genauerer Blick, dass Österreich im Verhältnis zu seiner Wirtschafts- und Bevölkerungsgröße zu den am stärksten betroffenen Ländern zählt. Die Entwicklung gefährdet nicht nur industrielle Kerne, sondern ganze regionale Wertschöpfungsketten, berichtet der Berater für Wirtschafts- und Energie-Politik Günther Oswald in seiner aktuellen Analyse.
In den Jahren 2024 und 2025 haben Europas Autobauer und Zulieferer den Abbau von 166.000 Arbeitsplätzen beschlossen oder öffentlich angekündigt, berichtet der Wiener Kommunikations- und Politik-Berater in seinem Dossier. Und: Neue Jobs entstehen kaum noch.
Allein in Deutschland fielen 109.000 Arbeitsplätze weg
Seit 2019 wurden europaweit bereits 378.000 Stellen in der Automobilindustrie und ihren Zulieferbereichen gestrichen. Besonders drastisch ist die Lage in Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner Österreichs. Dort summiert sich der Job-Abbau allein in den vergangenen beiden Jahren auf 109.000 Stellen. Neue Beschäftigung entsteht praktisch nicht mehr.

Nach Deutschland folgen Tschechien, Belgien, Italien, Österreich und Frankreich mit den höchsten Nettoverlusten. Was die Bundesregierung in Wien wachrütteln müsste: In absoluten Zahlen liegt Österreich zwar hinter den großen Industrienationen, relativ zur Größe des Landes zählt es jedoch zu den am stärksten betroffenen Staaten Europas. In den vergangenen beiden Jahren wurden hierzulande 4.900 Arbeitsplätze im Automotive-Sektor gestrichen. Allein 2025 fielen 1.175 Stellen weg, vor allem in der Steiermark und in Oberösterreich.
Besonders sichtbar ist der Einschnitt bei Magna Steyr, einem der größten industriellen Arbeitgeber des Landes. Der Mitarbeiterstand sank von 2022 bis 2024 um 2.000 Personen. Hinzu kommen Kündigungen bei den Zulieferern: AVL List baut 450 Stellen ab, bei Hella Fahrzeugteile Austria fallen 225 Jobs weg, bei Magna Powertrain weitere 200. Der oberösterreichische Maschinenbauer Engel streicht 150 Stellen. Und besonders dramatisch ist die Situation beim Autositzzulieferer Wollsdorf Leder: Nach der Insolvenz Anfang 2026 stehen 365 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Jobabbau betrifft viele Branchen
Das Beispiel Österreich zeigt deutlich, dass der Stellenabbau nicht bei der Fahrzeugproduktion endet. Die Krise greift tief in vorgelagerte Branchen wie Metallverarbeitung, Elektronik, Kunststoff, Glas, Chemie, Textilien und Lederindustrie. In vielen Regionen hängt ein erheblicher Teil der industriellen Beschäftigung direkt oder indirekt am Automobilsektor. Fällt ein großer Betrieb oder Zulieferer weg, geraten ganze lokale Ökosysteme unter Druck.
Ursachen gibt es mehrere – und sie verstärken sich gegenseitig, schreibt Günther Oswald in seiner Analyse: Strenge europäische CO₂-Grenzwerte, drohende Strafzahlungen, hohe Energiepreise und steigende Lohnkosten belasten die Unternehmen massiv. Gleichzeitig verschärfen geopolitische Faktoren die Lage. China hat bei seltenen Erden, die für Batterien unverzichtbar sind, faktisch eine globale Monopolstellung aufgebaut. Europa ist in der Batterie-Wertschöpfungskette weitgehend abhängig. Hinzu kommen neue US-Zölle von 15 Prozent auf europäische Fahrzeuge, die den Export zusätzlich erschweren.
In China arbeiten 5,5 Millionen Menschen in der Autoproduktion
Während andere Weltregionen gezielt industriepolitische Rahmenbedingungen schaffen, um ihre Automobilindustrie zu stärken, geraten europäische Hersteller zunehmend ins Hintertreffen. Daten der UNIDO zeigen, dass das globale Beschäftigungswachstum im Automobilsektor seit Jahren fast ausschließlich außerhalb Europas stattfindet. In China arbeiteten 2022 bereits 5,5 Millionen Menschen in der Fahrzeugproduktion, deutlich mehr als zu Beginn des Jahrtausends. Auch Indien verzeichnete einen Zuwachs von etwa einer Million Arbeitsplätzen. In Europa hingegen sinkt die Beschäftigung seit 2018 kontinuierlich.
Der Europäische Restrukturierungsmonitor von Eurofound macht deutlich, dass sich der Jobabbau zuletzt stark beschleunigt hat. Besonders betroffen ist Westeuropa, also Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, die Niederlande und Luxemburg. Seit 2019 wurden dort mehr als 267.000 Stellen gestrichen, während lediglich 39.000 neue Arbeitsplätze entstanden.
Ohne Kurskorrektur der Politik verschärft sich die Krise
Branchenvertreter warnen, dass sich die Lage weiter verschärfen könnte, falls es nicht zu einer politischen Kurskorrektur kommt. Der europäische Automobilherstellerverband ACEA hält die aktuellen CO₂-Ziele für Pkw und Transporter unter den gegebenen Rahmenbedingungen für kaum erreichbar. Auch politische Stimmen in Deutschland und Österreich stellen das pauschale Aus für den Verbrennungsmotor infrage und fordern mehr Technologieoffenheit.
Die EU-Kommission reagiert bislang nur zögerlich, mahnt Günther Oswald in seinem Dossier. Zwar erlaubt das jüngste Automobilpaket begrenzte Kompensationen, etwa durch emissionsarmen Stahl oder alternative Kraftstoffe, doch der Grundsatz bleibt bestehen: Die Emissionen sollen bis 2035 vollständig auf null sinken. De facto hält Europa am Electric-only-Ansatz fest.
Für Österreich ist diese Entwicklung besonders gefährlich: Als stark exportorientiertes Industrieland mit enger Verzahnung zur deutschen Autoindustrie wirkt jeder Einschnitt jenseits der Grenze unmittelbar auf heimische Betriebe. Gleichzeitig fehlen bislang klare Signale, wie der Standort langfristig abgesichert werden soll.