Berlin. Kleine Kinder schlagen andere kleine Kinder und belästigen sie bereits im Alter zwischen drei und sechs Jahren sexuell. Die neuen amtlichen Zahlen aus den Kindergärten in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) sprechen eine eindeutige Sprache und lösen Entsetzen, aber auch Ratlosigkeit aus. Andere Bundesländer und Erzieherverbände bestätigen ebenfalls den Trend einer grundsätzlich verstärkt aggressiven Verhaltensweise von Kindern schon in jungen Jahren. Wie kommt es zu einer derartigen zwischenmenschlichen Verwahrlosung unter Kleinkindern und einer Vervierfachung der Zahlen innerhalb nur weniger Jahren?
Die zuständigen Landesjugendämter registrierten in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr insgesamt 4.718 Übergriffe, im Jahr 2024 waren es „nur“ 2.680. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hervor, über die der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet. Die Daten belegen einen Anstieg um fast 80 Prozent. Innerhalb von vier Jahren haben sich die Fallzahlen damit vervierfacht.
In der Statistik der zuständigen Jugendämter werden sämtliche sexuellen, körperlichen und psychischen Übergriffe erfasst – sowohl durch Erzieher als auch durch Kinder untereinander. In den vergangenen Jahren kam es dabei wiederholt zu schweren Straftaten durch Betreuungspersonal, etwa im Fall eines 34-jährigen Erziehers, der neun Mädchen unter seiner Obhut sexuell missbrauchte. Erfasst werden jedoch auch Fälle von Gewalt wie Zwangsfütterungen von Kleinkindern.
Gewalt unter Kindern eskaliert
Besonders häufig werden auch Fälle registriert, in denen Kinder gegen andere Kinder Gewalt ausüben, teils auch mit sexuellem Einschlag. Im westlichen Rheinland stieg die Zahl solcher Vorfälle von 323 auf 501. Die registrierten sexuellen Übergriffe durch Erwachsene auf Kinder nahmen im selben Zeitraum von 75 auf 162 zu. Damit gibt es in Kindertagesstätten mehr sexuelle Übergriffe unter Kindern als durch Erwachsene auf Kinder. Allein dieser Befund macht fassungslos.
Und so wirkt es eher wie ein Ausdruck von Ratlosigkeit und ein Versuch der Beschwichtigung, wenn Jugendministerin Verena Schäffer (Grüne) erklärt, die dramatisch gestiegenen Zahlen von Gewalt unter Kleinkindern seien „ein Beleg dafür, dass mehr Fälle ins Hellfeld rücken und nicht mehr unentdeckt bleiben“.
Impliziert dieser Satz doch die Unterstellung, es habe schon immer so viel Gewalt in deutschen Kindergärten gegeben, jetzt sei sie lediglich aus dem Schatten des Dunkelfelds ins „Hellfeld“ getreten und damit sichtbar geworden. „Nur wenn wir alle hinsehen und gemeinsam handeln“, könne man also „für noch besseren Kinderschutz sorgen“, so die Ministerin, die zugleich auf das neu geschaffene Amt eines „Beauftragten für Kinderschutz und Kinderrechte“ verweist – als könne ein einzelner Mann in den hunderten Kindertagesstätten des Landes das Problem durch „Hingucken“ lösen. Eine solche Schlussfolgerung löst jedoch kein Problem, sondern verschiebt die Verantwortung für eine Entwicklung, die nicht nur besorgniserregend ist, sondern eine gründliche Ursachenforschung erfordert.
Kinder ahmen nach, was sie erleben
Kinder werden im Kindergarten nicht spontan gewalttätig, nur weil keiner hinschaut. Sie leben dort vielmehr aus, was sie gewohnt sind und was bereits zu Hause schiefläuft. Erziehung ist kein „Kinderspiel“, sondern ein mühsamer, langwieriger Prozess – und auch eine Frage kultureller Prägung sowie der Präferenzen des Elternhauses. In den Erziehungswissenschaften gilt es als Binsenweisheit, dass Kinder nachahmen, was sie erleben. Herrscht zu Hause Gewalt als erprobtes Mittel der Konfliktlösung, wenden auch Kinder es an. Kinder müssen nicht nur selbst vor Gewalt geschützt, sondern ebenso zu angemessenem Sozialverhalten angeleitet werden, durch Lob, aber auch durch Tadel und Strafe.
Was hat sich in den vergangenen Jahren so grundlegend verändert, dass Gewalt längst nicht mehr nur an Bahnhöfen, in dunklen Ecken der Republik oder unter Erwachsenen auftritt, sondern inzwischen auch unter kleinen Kindern – und dort sogar auf das Vierfache gestiegen ist?
Bei Kindern und Jugendlichen, aber auch an Schulen, dokumentieren die deutschen Polizeistatistiken seit Längerem steigende Gewaltdelikte unter Gleichaltrigen, sogar unter Mädchen. Die Gleichberechtigung hält also auch bei der Gewalt unter Kindern Einzug - eine Erfolgsmeldung, die niemand will.
Gar nicht mehr Fälle, sondern nur mehr Anzeigen?
Die Politik argumentiert, wie bei der Ministerin zu vernehmen war, mit einer erhöhten Anzeigebereitschaft, also mit der These, es kämen heute schlicht mehr Fälle zur Anzeige, die früher nicht gemeldet worden seien. Eine Argumentationslinie, die auch beim Anstieg anderer Gewaltdelikte von der Politik gerne als Erklärungsmuster genommen wird, etwa beim dramatischen Anstieg von Sexualdelikten gegen Frauen in den vergangenen zehn Jahren. Frei nach dem Motto: Es gibt gar nicht mehr Vergewaltigungen - die Frauen zeigen sie heute nur an. Eine Behauptung, die durch keine Statistik je belegt wurde, aber den Mythos nähren soll, das habe es schon immer gegeben. Gehen Sie weiter, es ist nichts Neues passiert.
Im Zusammenhang mit den Gewaltfällen in Kindergärten wird auch mit der „Überforderung“ von Erzieherinnen argumentiert, die es nicht mehr schaffen, Übersicht und Aufsicht so zu gewährleisten, dass sie Gewalt zwischen Kindern unterbinden oder präventiv verhindern können.
Manche Kommentatoren argumentieren, die Absenkung der Personalstandards in deutschen Kindergärten sei Problem und Ursache, hier habe die Politik in den vergangenen Jahren nachgelassen und durch eine Novelle des Kinderbildungsgesetzes (Kibiz) Lockerungen zugelassen. In dieses Horn bläst auch der Landesgeschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in NRW, Michael Kutz. Die zunehmenden Gefährdungsfälle seien „nicht zuletzt Folge einer unzureichenden Personalausstattung und des Abbaus von Standards bei Ausbildung und Qualifikation, die inzwischen zu einer erheblichen Überlastung der Kitas und des Personals führen“.
Ist also die Kinderzahl pro Erzieherin schuld? Und käme es mit kleineren Gruppen tatsächlich zu weniger Gewalt? Nach dieser Theorie hätte es in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren ständig zu gewaltsamen Übergriffen in Kindergärten kommen müssen. Damals gab es kaum Qualitätsstandards beim Personalschlüssel. Nicht selten hatte eine Erzieherin statistisch zwölf Kinder zu betreuen statt heute fünf bis sechs, und von Gewaltexzessen unter Kindern gab es weder Berichte noch Polizeistatistiken, weil es schlicht kein relevanter Faktor war. Es war noch vor zehn oder 20 Jahren schlicht nicht notwendig, dass eine Erzieherin darauf achten musste, dass die Kinder ihrer Gruppe sich nicht in einem unbeobachteten Moment gegenseitig sexuell belästigen oder derart verletzen, dass man es den Behörden melden muss.
Daten, die niemand erfragt und niemand erfasst
Interessant an Statistiken sind immer auch jene Zahlen und Fakten, die gar nicht erfasst werden, weil die Antworten Debatten erfordern, die niemand führen will.
Der Anstieg von Gewalt unter Kindern kann abseits mangelhafter Aufsicht durch Erziehungspersonal und der Überforderung von Erziehern Ursachen haben, die gesellschaftlich nicht diskutiert werden. Wenn Gewaltzahlen in einem begrenzten Zeitraum explodieren, wäre es wissenschaftlicher Standard zu fragen, welche Rahmenbedingungen sich in jenem Zeitraum verändert und damit kindliches Verhalten beeinflusst haben. Einige veränderte Parameter drängen sich bei der Ursachenforschung nahezu auf. Die Politik lässt sie jedoch weder statistisch erfassen noch wissenschaftlich untersuchen.
Bindungsstörungen durch zu frühe Fremdbetreuung
Die Zahl der immer jünger und immer länger betreuten Kinder in deutschen Kindergärten hat sich in den vergangenen zehn Jahren massiv erhöht. In manchen Bundesländern Ostdeutschlands werden bereits 60 bis 70 Prozent aller Kinder unter drei Jahren ganztägig fremdbetreut. Auch im Westen der Republik wird stetig ausgebaut. Hier nimmt die Zahl der Kinder, die bereits als Babys (ab sechs Monaten) oder spätestens ab dem zweiten Lebensjahr jeden Tag eine Kindertagesstätte besuchen, deutlich zu, um die Arbeitskraft ihrer Mütter für den Fachkräftemangel zu mobilisieren.
Seit 20 Jahren warnen Experten davor, weil solche Kinder häufiger Bindungsprobleme, Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten zeigen und später im Leben zudem stärker zu Aggressionen und Straffälligkeit neigen. Weil jedoch die Frau von Heim und Herd „befreit“ werden soll, wird schlicht ignoriert, dass eine zu frühe und zu lange tägliche Fremdbetreuung Probleme verursachen kann, da sie im Körper das Stresshormon Cortisol erhöht. Die Folgen werden jetzt sichtbar.
Sozialverhalten wegen Corona-Lockdowns gestört
Auch die soziale Isolation während der Corona-Zeit hat bei Kindern massive Spuren hinterlassen. Eine ganze Kindergeneration ist über mehrere Jahre hinweg nicht kindgerecht aufgewachsen. Statistiken der Krankenkassen ebenso wie jene der Polizei bestätigen einen Anstieg diverser bedenklicher Befunde, die sich in ein „Vor“ und „Nach“ Corona einteilen lassen. Wenn auf Schulhöfen allein nach diesen Parametern ein durchschnittlicher Anstieg der Gewalt unter Schülern von 20 bis 30 Prozent dokumentiert ist, warum sollte sich ein solcher Trend nicht bereits bei kleinen Kindern im Kindergartenalter zeigen?
Viele der Kinder, die heute im Kindergarten sind, haben statistisch die Hälfte oder sogar ein Drittel ihrer bisherigen Lebenszeit unter sozialer Enge und Isolation verbracht und ihr Sozialverhalten kaum im Zusammenspiel mit anderen Kindern trainieren können. Manche reagieren auf diese Zeit mit psychischen Schwierigkeiten, Sozialphobien und Rückzug, andere mit Aggression.
Sexualpädagogik oder Frühsexualisierung?
Sexuelle Übergriffe von Kleinkindern auf andere Kleinkinder fallen ebenfalls nicht vom Himmel. Kinder kommen nicht von allein auf solche Ideen. Nur in den Köpfen überdrehter Sexualpädagogen und ganz spezieller „Kinderfreunde“ gelten Kinder als „sexuelle Wesen“, die man möglichst früh mit sexueller Vielfalt und der Sexualität von Erwachsenen konfrontieren müsse, noch bevor sie überhaupt richtig sprachfähig sind.
Und auch hier gilt: Kinder ahmen nach, was sie zu Hause, im Fernsehen oder im Internet an pornographischen Bildern gesehen haben, ohne die Fähigkeit, das Erlebte zu reflektieren. Eltern, die ihren Kindern bereits in diesem Alter Zugang zum Internet gewähren, machen sich hier schuldig.
Auch Kindergartenkonzepte, die Kinder im Namen von Toleranz und Regenbogen-Programmen bewusst mit Frühsexualisierung konfrontieren, gehören in diesem Zusammenhang genannt. „Kita-Koffer“ zur sexuellen Vielfalt werden von Bildungsministerien finanziert und gefördert, ebenso wie pädagogische Angebote in Räumen, in denen Kinder sich zu Doktorspielen und unbekleidet entfalten sollen. Immer wieder gerieten in den vergangenen Jahren Kindergärten in die Kritik, weil Eltern sich über solche Konzepte empörten oder Kinder konkret von Übergriffen – auch in Waschräumen – berichteten. Wenn zum Teil schon Sechsjährige versuchen, andere Kinder sexuell zu bedrängen, reicht es nicht, die Zahl der Erzieher zu erhöhen. Hier muss erzieherisch eingegriffen werden – sowohl im Kindergarten als auch zu Hause.
Aus welchem Hintergrund stammen die gewalttätigen Kinder?
Bleibt zum Schluss ein weiterer großer Elefant im Raum, der nicht beim Namen genannt wird: Welche Kinder genau gehören zum Täterprofil, welchen familiären und kulturellen Hintergrund haben sie? Auch hier gilt: Wenn in Polizeistatistiken über alle Altersgruppen hinweg im Bereich der Gewalt- und Sexualdelikte Täter mit Migrationshintergrund die größte Gruppe stellen, weil sie gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil überrepräsentiert sind, dann muss auch bei der jüngsten Altersgruppe die Frage erlaubt sein, ob sich ähnliche Parallelen zeigen.
Jede Grundschullehrerin aus einem deutschen Problembezirk kennt die „kleinen Paschas“, wie es etwa Friedrich Merz formulierte. Gemeint sind vor allem kleine Jungen, die bereits in diesem Alter durch respektloses Verhalten gegenüber Mädchen, aber auch gegenüber ihren Lehrerinnen auffallen. Wer schon als Sechsjähriger in der ersten Klasse solches Verhalten zeigt, war in der Regel bereits zuvor entsprechend geprägt und durfte sich offenbar auch so verhalten, ohne im Elternhaus mit Konsequenzen rechnen zu müssen.
Ursachen bekämpfen, nicht Symptome
Ja, es braucht sicher mehr pädagogisches Personal in deutschen Kindergärten, damit die Einrichtungen nicht zur Kindermassenhaltung tendieren, in der Erziehung oder gar Bildung kaum möglich ist. Große Gruppen sind jedoch keine automatische Erklärung für nahezu explosionsartige Anstiege von Gewaltvorfällen, begangen von kleinen Kindern.
Natürlich kann man „Kinderschutzbeauftragte“ ernennen und weitere Statistiken erstellen – solange man jedoch nicht schonungslos alle möglichen Ursachen und Verstärker solcher Entwicklungen in den Blick nimmt, bleiben es Placebos. Auch bei Gewalt unter Kindern gilt: Man muss die Ursachen bekämpfen, nicht die Symptome. Politisch will das offenbar niemand in Angriff nehmen; es würde das Versagen staatlicher Institutionen ebenso offenlegen wie den wachsenden Einfluss sexualpädagogischer Ideologen auf die Seelen der Kinder.