Washington. Jedes Reich glaubt, dass seine Währung ewig Bestand hat, bis die Welt beginnt, Alternativen zu schätzen. Amerika steht nicht nur für ein Land mit der modernsten Armee und Technologieriesen, die die Welt dominieren, sondern auch für eine Macht, deren zentraler Pfeiler der US-Dollar ist.
Sein Vorteil gegenüber anderen Indikatoren, etwa der Armee, deren tatsächliche Schlagkraft sich erst im Kampf zeigt, besteht darin, dass sich die Bedeutung des US-Dollars auf unterschiedliche Weise nahezu unmittelbar bewerten lässt. Am anschaulichsten ist der Anteil des Dollars an den Währungsreserven der Zentralbanken weltweit.
Es geht jedoch nicht nur darum, die Rolle des US-Dollars zu messen und sich darüber zu freuen oder zu beklagen, dass das amerikanische Imperium womöglich zerfällt. Die Währung ist zu einem Schlachtfeld geworden.
Der Prozess der globalen Entdollarisierung ist für viele zu einem zentralen Thema geworden, das vermeintlich den fast sicheren Untergang des amerikanischen Imperiums ankündigt. Eine solche Sichtweise ist jedoch stark ideologisch geprägt und verstellt den nüchternen Blick auf den gesamten Prozess.
Die sinkende Präsenz des Dollars schafft Probleme für die amerikanische Wirtschaft und verstärkt damit auch die Spannungen innerhalb der Gesellschaft. Es handelt sich jedoch um einen schrittweisen Prozess: Der US-Dollar wird nicht von heute auf morgen verschwinden.
Er kann deutlich an Wert verlieren, doch genau das könnte den USA helfen, ihr Schuldenproblem zu entschärfen. Das vielfach angekündigte Ende des Dollars könnte sich damit paradoxerweise als Vorteil erweisen. Kaum jemand zweifelt heute daran, dass ein schwacher Dollar dem Wunsch und Ziel von Donald Trump entspricht. Die Strategie besteht darin, die Währung abzuwerten, damit Amerika wieder stärker wird. Den Prozess zu verstehen und einzuordnen, ist jedoch alles andere als einfach.
Aufstieg und Wandel der amerikanischen Währung
Der Aufstieg des US-Dollars war nicht das Ergebnis einer währungspolitischen Innovation, sondern einer geopolitischen Wende. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Vereinigten Staaten zum größten Gläubiger der Welt und häuften einen Großteil der globalen Goldreserven an, während Europa mit Schulden und Wiederaufbau rang.
Der entscheidende Moment kam 1944 in Bretton Woods, als der Dollar zum Anker des Nachkriegswährungssystems wurde. Der US-Dollar war an Gold gebunden, mit einem festen Kurs von 35 Dollar je Unze.
Das Währungsbeben folgte 1971, als die USA einseitig die Goldbindung des Dollars aufhoben. Die Dominanz der amerikanischen Währung ging anschließend in das System des Petrodollars über. Die Nachfrage blieb gesichert, weil jeder Staat, der Öl kaufen wollte – und damit praktisch jede Volkswirtschaft –, über ausreichende Dollarreserven bei seiner Zentralbank verfügen musste.
Die Dominanz des Dollars verschwand mit der Abkehr vom Goldstandard also nicht. Er war lediglich keine goldgedeckte Währung mehr, sondern entwickelte sich zur Infrastruktur der Weltwirtschaft. Dadurch geriet der Dollar zugleich stärker in Abhängigkeit von der Globalisierung – und genau die steht in der heutigen Welt auf der Kippe.
Erste Anzeichen eines Machtverlusts des Dollars zeigten sich in der Finanzkrise 2008. Die Bankenkrise untergrub das Vertrauen in das Globalisierungsmodell, das auf freiem Kapitalverkehr und günstigen Lieferketten beruhte. Der eigentliche Wendepunkt folgte erst mit dem Brexit und der ersten Wahl Donald Trumps. Die Covid-Pandemie beschleunigte den gesamten Prozess zusätzlich. Der Krieg in der Ukraine im Jahr 2022 setzte eine Entwicklung zur Deglobalisierung in Gang. Der Welthandel brach zwar nicht zusammen, doch es entstanden geopolitische Blöcke, die verstärkt in ihren eigenen Währungen handeln und den Dollar daher weniger benötigen. Dennoch muss betont werden, dass es sich um eine Abschwächung handelt, nicht um ein Ende der amerikanischen Währung.
Opfer des eigenen Erfolgs
Der US-Dollar kann auch als Opfer seines eigenen Erfolgs gelten. Das Finanzsystem der Vereinigten Staaten bleibt gerade deshalb robust, weil die Welt weiterhin Interesse an der amerikanischen Währung zeigt. Selbst in Zeiten rasch wachsender Verschuldung hatten die Vereinigten Staaten keine Schwierigkeiten, ihre Defizite zu finanzieren. Die Nachfrage nach US-Anleihen blieb hoch, die Zinsen vergleichsweise niedrig.
Oft wird behauptet, die USA würden auf diese Weise von ihren Gläubigern abhängig. Tatsächlich gilt jedoch eher das Gegenteil: Je größer und systemrelevanter die US-Schulden sind, desto sensibler reagieren ihre Halter auf deren Stabilität. Die amerikanische Verschuldung ist also nicht nur Ausdruck fiskalischer Schwäche, sondern auch eine Folge der globalen Rolle des Dollars.
Genau hier liegt das Dilemma der amerikanischen Wirtschaft. Der Dollar ist eine nationale Währung und zugleich ein globales Zahlungsmittel. Bleibt er Weltreservewährung, sorgt er für eine dauerhafte Auslandsnachfrage und damit auch für strukturelle Verschuldung. Verlöre er diese Rolle jedoch, büßten die Vereinigten Staaten eine zentrale Quelle ihrer finanziellen und geopolitischen Macht ein. Die amerikanische Verschuldung ist daher nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch Symptom eines Systems, das gerade deshalb funktioniert, weil die Welt es lange als selbstverständlich akzeptiert hat.
Im Umgang mit dem Problem zeigt sich in den Vereinigten Staaten weniger ein Konflikt der Wirtschaftsschulen als eine Frage des politischen Muts. Die Demokraten haben sich damit abgefunden, dass die globale Rolle des Dollars es erlaubt, die Verschuldung zu verdrängen. Die Biden-Regierung überließ das System weitgehend sich selbst – in der stillschweigenden Annahme, ein Zusammenbruch liege in weiter Ferne und die Welt könne es sich nicht leisten, die US-Schulden ernsthaft in Frage zu stellen. Die Verschuldung erscheint damit nicht mehr als Problem, das gelöst werden muss, sondern als Variable, die sich nahezu unbegrenzt fortschreiben lässt.
Donald Trump hingegen versuchte, den Komfort zu erschüttern. Nicht weil er eine ausgearbeitete Lösung für die Schulden gehabt hätte, sondern weil er deren politische Tragweite erkannt hatte. Handelskonflikte, Druck zur Schwächung des Dollars und die offene Infragestellung amerikanischer Verpflichtungen zielten darauf ab, die Kosten der globalen Leitwährung zu senken, bevor die Rechnung außer Kontrolle gerät.
Das Ergebnis ist vorerst dasselbe: Die Schulden wachsen weiter. Der Unterschied liegt an anderer Stelle. Während die Demokraten darauf setzen, dass das Problem irgendwann außerhalb ihrer Amtszeit eskaliert, versucht Trump, die Entwicklung vorzuziehen, bevor sie unbeherrschbar wird.
Wohin steuert die Dominanz des Dollars?
Wie stellt sich also die aktuelle Lage auf dem Währungsfeld dar? Das erste Jahr von Trumps Amtszeit endete mit einer bemerkenswerten Entwicklung: Ausländische Zentralbanken halten nun offiziell mehr Gold als US-Staatsanleihen. Eine solche Konstellation gab es zuletzt 1996.

Die Entwicklung ist das Ergebnis mehrerer Faktoren. Der wichtigste besteht darin, dass der US-Dollar zunehmend als politisches Instrument eingesetzt wird. Das Einfrieren russischer Dollar-Vermögenswerte gilt vielen Regierungen als Warnsignal: Sich auf Dollarreserven zu verlassen, könnte sich eines Tages als schwerer Fehler erweisen.
Ein zweiter Grund – und zugleich eine logische Folge – besteht darin, dass immer mehr Länder im internationalen Handel andere Währungen als den Dollar wählen. Auch die amerikanischen Zölle stärken die Position der US-Währung im Welthandel nicht. Sie bremsen den Außenhandel und damit die Nachfrage nach Dollar.
Ein dritter Grund, der die Entwicklung der Devisenreserven der Zentralbanken relativiert, ist der kräftige Anstieg des Goldpreises. Er erhöht automatisch das Gewicht des Edelmetalls in den Portfolios, ohne dass die Zentralbanken aktiv Dollaranlagen verkaufen müssen.
Darüber hinaus korreliert Gold langfristig negativ mit der Entwicklung des US-Dollars, denn ein schwächerer Dollar treibt in der Regel seinen Preis nach oben. Auf den ersten Blick mag es daher so erscheinen, als verliere die amerikanische Währung an Gewicht. Kurzfristig trifft das zwar zu, langfristig könnte genau darin jedoch die Grundlage für eine Rückkehr zu alter Stärke liegen.
Das Problem reicht jedoch tiefer. Trumps Strategie zur Lösung der amerikanischen Schuldenproblematik und zur Wiederbelebung der heimischen Industrie basiert auf einem schwächeren Dollar. Die amerikanische Währung zu halten bedeutet daher derzeit, eine gezielte Abwertung in Kauf zu nehmen. Genau hier entscheidet sich das Schicksal des Dollars als globale Währung.
Akzeptieren die Zentralbanken die Strategie und halten am Dollar fest, gewinnen die Vereinigten Staaten Zeit. Gelangen sie jedoch zu dem Schluss, dass die Kosten eines schwachen Dollars zu hoch sind, beginnt ein stiller, aber systematischer Rückzug.
Und das ist ein Szenario, das sich Donald Trump nicht leisten kann. Eine breite Abkehr vom Dollar würde nicht nur die amerikanische Währung schwächen, sondern auch die Grundlage seiner Wirtschaftsstrategie erschüttern. Die Entdollarisierung wäre dann kein Nebeneffekt globaler Verschiebungen mehr, sondern eine unmittelbare politische Herausforderung für das Weiße Haus. In einem solchen Fall würden bloße Botschaften über soziale Netzwerke nicht mehr ausreichen. Die amerikanische Antwort dürfte deutlich konfrontativer ausfallen und auf Druck sowie die entschlossene Durchsetzung eigener Interessen gegenüber Staaten setzen, die sich aus dem System lösen wollen.