Washington/Peking. Der Politikwissenschaftler Zbigniew Brzeziński, ehemaliger Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter und einer der einflussreichsten außenpolitischen Strategen des 20. Jahrhunderts, stellt in seinem 1997 erschienenen Buch Das große Schachbrett fest, die globale Vorherrschaft der USA sei einzigartig, da erstmals in der Geschichte eine Macht außerhalb Eurasiens zum wichtigsten Schiedsrichter unter den Weltmächten geworden sei.
Diese Einzigartigkeit sei seiner Ansicht nach das Ergebnis eines Zusammenspiels von Geschichte, Geografie und Macht und damit eine vorübergehende Konstellation. Die Vereinigten Staaten hätten ihr Schicksal zwar selbst in der Hand, doch irgendwann müsse die Vorherrschaft enden - sei es durch einen Rückzug von der Weltbühne oder durch den Aufstieg eines erfolgreichen Rivalen.
Amerikas strategischer Rückzug
Donald Trump erfüllt in gewisser Weise beide Szenarien zugleich. Sein MAGA-Programm ist kein Versuch, die globale Hegemonie um jeden Preis zu bewahren, sondern zielt darauf ab, die Vereinigten Staaten aus der Rolle des Hegemons zu lösen, bevor die Vorherrschaft zur Belastung wird.
Der Rückzug aus der Stellung als globale Hegemonialmacht bedeutet keine Schwäche, sondern eine Neujustierung im Umgang mit Macht. Gleichzeitig gelingt es Trump aber nicht, Rivalen wie China aufzuhalten oder nachhaltig zu schwächen. Für Peking eröffnet sich dadurch ein außergewöhnlicher strategischer Spielraum, um den Einfluss der sich zurückziehenden Vereinigten Staaten herauszufordern. Hat China das Potenzial, die USA vom globalen Thron zu stoßen?
Ökonomische Machtverschiebung
Chinas größte Stärke liegt genau dort, wo die Vereinigten Staaten heute ihre größte Schwäche haben: im internationalen Handel. Im Jahr 2025 erreichte der chinesische Außenhandelsüberschuss mit rund 1,2 Billionen Dollar einen Rekordwert – und das trotz der vom Weißen Haus verhängten Zölle.
Die Exporte stiegen sogar um rund sechs Prozent und erreichten fast 3,8 Billionen Dollar. Für die USA liegen noch keine vollständigen Zahlen für das Jahr 2025 vor, doch die Außenhandelsbilanz weist erneut ein Defizit in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar auf. Dieses Ungleichgewicht besteht seit Jahrzehnten. Vereinfacht gesagt: China wird von Jahr zu Jahr reicher, während die USA weiter an wirtschaftlicher Stärke verlieren.
Bleibt eine grundlegende Veränderung aus, ist die Entwicklung absehbar: Wohlstand verlagert sich von den Vereinigten Staaten nach China. Der wirtschaftliche Substanzverlust wird sich langfristig auch militärisch bemerkbar machen.
Trump will das Militärbudget zwar erhöhen, doch der finanzielle Spielraum der Vereinigten Staaten ist begrenzt. China hingegen kann Handelsüberschüsse gezielt in den Ausbau seiner Streitkräfte lenken. Die Zusammenarbeit mit Russland sowie die ausgeprägte Fähigkeit, Technologien rasch zu adaptieren, senken zudem die Entwicklungskosten für militärische Systeme. Auf rein militärischer Ebene verringert Peking den Vorsprung der USA Jahr für Jahr.
Wettlauf der Wirtschaftsmächte
Ein weiterer Bereich, in dem China an den USA vorbeizieht, ist die Zahl der Patentanmeldungen. Seit Jahren werden dort mehr Patente registriert als in den Vereinigten Staaten. Technologische Innovationskraft ist ein zentraler Pfeiler globaler Macht.
Nach den Erfahrungen mit dem Einfluss sozialer Netzwerke in den USA schlug Chinas Präsident Xi Jinping einen anderen Kurs ein. Sichtbar wurde der Strategiewechsel unter anderem am Vorgehen gegen den Milliardär Jack Ma sowie an der politischen Einhegung des Technologiekonzerns Alibaba, der lange ein Symbol für den digitalen Aufstieg des Landes war.
Die Führung in Peking setzte verstärkt auf die klassische Industrie, um Chinas Status als „Fabrik der Welt“ zu sichern. Vieles deutete darauf hin, dass die Vereinigten Staaten den strukturellen Wandel nutzen könnten, um ihren Vorsprung in der künstlichen Intelligenz auszubauen. Mit dem Sprachmodell DeepSeek gerieten amerikanische Erwartungen jedoch ins Wanken. Der technologische Abstand begann zu schrumpfen.
Das Exportverbot für Nvidia-H20-Chips, die speziell für den chinesischen Markt entwickelt wurden und etwas weniger leistungsfähig sind als die Spitzenmodelle, erwies sich als kontraproduktiv. Nvidia-Chef Jensen Huang forderte Trump sogar auf, die Beschränkungen aufzuheben – nicht aus Sorge um entgangene Gewinne, sondern weil ein solcher Schritt Chinas Anreiz erhöhen könnte, technologisch aufzuschließen. Angesichts der personellen Ressourcen gilt es ohnehin als wahrscheinlich, dass sich die um ein Vielfaches höhere Zahl an Ingenieuren in China langfristig bemerkbar machen wird.
Die demografische Bremse
Auf den ersten Blick entsteht das Bild einer amerikanischen Vormacht auf Zeit, die früher oder später von China abgelöst wird. Doch die Realität ist komplexer: China dürfte langfristig an demografische Grenzen stoßen.
Noch sind die Zahlen nicht alarmierend. 2024 lag der Anteil der über 65-Jährigen in China bei rund 14,7 Prozent und damit unter dem Niveau der Vereinigten Staaten, wo er etwa 18 Prozent erreichte. Demografische Prognosen gelten auf mittlere Sicht als vergleichsweise verlässlich. Die Folgen der Ein-Kind-Politik werden jedoch zunehmend sichtbar: China steht vor einem deutlichen Anstieg der älteren Bevölkerung.
Schätzungen zufolge könnte die Zahl der über 60-Jährigen bis 2035 auf rund 400 Millionen steigen. Der rasante Zuwachs an Ruheständlern dürfte für China zwei grundlegende Folgen haben.
Erstens droht ein deutlicher Rückgang der Erwerbsbevölkerung, auf deren Verfügbarkeit und Qualifikation der wirtschaftliche Erfolg des Landes maßgeblich beruht.
Zweitens – und womöglich noch gewichtiger – dürfte der Konsum nachlassen. Mit zunehmendem Alter sinkt die Nachfrage, doch gerade der Binnenmarkt soll in den kommenden Jahren zur tragenden Säule des Wachstums werden. Selbst wenn es China gelingt, den Konsum anzukurbeln, dürfte das Wachstum binnen eines Jahrzehnts deutlich an Schwung verlieren.
Das demografische Problem beschränkt sich nicht nur auf die Alterung der Gesellschaft. Noch schwerer wiegt die niedrige Geburtenrate. In China liegt sie bei etwa 1 bis 1,1 Kindern pro Frau, während sie in den Vereinigten Staaten mit rund 1,6 bis 1,8 höher ausfällt.
Die gesellschaftlichen Grenzen der Großmacht China
China zeigt bislang keine ausgeprägten Symptome der klassischen Wohlstandsfalle westlicher Gesellschaften. Die jüngeren Generationen sind materiell häufig besser gestellt als die älteren. Doch ein strukturelles Problem bleibt bestehen: Ohne eine nachhaltige Stabilisierung der Geburtenrate dürfte der langfristige Anspruch auf den Status einer globalen Großmacht schwer zu halten sein.
Das Gesellschaftsmodell entfaltet selbst innerhalb Chinas nur begrenzte Attraktivität. Strenge Hierarchien, starre Aufstiegsregeln und die anhaltende Dominanz der Partei mindern seine Anziehungskraft zusätzlich.
Zbigniew Brzeziński hatte Recht mit seiner Einschätzung, dass die globale Vorherrschaft der USA eine historische Ausnahme und kein dauerhafter Zustand ist. Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr, ob sie endet, sondern ob eine Macht nachfolgen kann, die der Welt neben Einfluss auch eine attraktive Erzählung bietet – vergleichbar mit dem amerikanischen Traum, der China bislang fehlt.