Kiew. Die Aufnahme der Ukraine in die NATO oder in die EU ist in den vergangenen Jahren für einen bedeutenden Teil der ukrainischen Öffentlichkeit sowie für Politiker aus nahezu dem gesamten politischen Spektrum zu einem unhinterfragbaren Mantra geworden. Führende Vertreter der Streitkräfte und ziviler nationalistischer Gruppierungen, die Nachwuchs für entsprechende Einheiten ausbilden, äußern in dieser Frage jedoch eine deutlich abweichende Haltung. In Stellungnahmen und sozialen Netzwerken bezeichnen sie das Vertrauen auf Schutz durch die NATO in naher oder ferner Zukunft als Utopie.
Einer der Wortführer nationalistischer Positionen gegen einen NATO-Beitritt ist der heutige Brigadegeneral Andrij Bileckyj. Bekannt wurde der Militärführer und Politiker als Gründer und erster Kommandeur des Freiwilligenbataillons Azov. Kritiker bezeichnen Organisationen wie „Patriot of Ukraine“ und die „Social-National Assembly“, in denen er aktiv war, als offen rechtsextrem. Aussagen, wonach die Ukraine die „weißen Rassen“ der Welt in einem „finalen Kreuzzug“ anführen müsse, lösten bereits 2010 international scharfe Kritik aus. Dennoch saß Bileckyj von 2014 bis 2019 im Parlament. Unter seinem Kommando spielte Azov eine wichtige Rolle bei militärischen Operationen im Donbass.
„Niemand will sich den Wortlaut von Artikel 5 des Nordatlantikvertrags durchlesen. Dabei steht darin, dass jedes Land selbst den Umfang und die Art der Hilfe im Falle eines Angriffs auf ein anderes NATO-Mitglied festlegt“, so Bileckyj im Dezember 2025. Es sei ein Mythos, dass Artikel 5 alle NATO-Länder automatisch dazu verpflichte, beispielsweise einem Staat, der eines der NATO-Mitgliedsländer angreift, den Krieg zu erklären.
Bileckyj befehligt heute das als Eliteverband geltende 3. Armeekorps und genießt wie viele seiner Untergebenen große Autorität – auch fernab der Front und in nationalistischen Kreisen Europas. Azov ist inzwischen in die Nationalgarde der Ukraine integriert und verfügt nicht mehr über die gleiche Strahlkraft wie sein ehemaliger Kommandeur. Seit Februar 2022 greifen ukrainische Medien Bileckyjs Aussagen wiederholt auf und paraphrasieren sie, auf Social-Media-Kanälen erreichen sie Millionen Zugriffe. Zusammen mit Generalstabschef Olexandr Syrskyj zählt Bileckyj zu jenen Militärs, denen die Bevölkerung besonderes Vertrauen schenkt.
Und wie ohne die NATO?
Im August 2025 gab Bileckyj, damals noch Oberst, einem westlichen Medium erstmals ein ausführliches Interview. Für The Times skizzierte er unter anderem seine Vorstellungen vom Überleben der ukrainischen Staatlichkeit: einerseits eine Militarisierung der Gesellschaft nach israelischem Vorbild, andererseits die Rückgewinnung besetzter Gebiete analog zu Aserbaidschan. Beide Vergleiche fanden anschließend auch Eingang in die Debatten der sozialen Netzwerke des 3. Armeekorps und stießen dort auf Anklang.
Der Verband gilt heute als führend beim Einsatz unbemannter und automatisierter Systeme an der russisch-ukrainischen Front. Nach Darstellung des Militärs trägt der zunehmende Technologieeinsatz zu sinkenden Verlusten in den eigenen Reihen bei. Bileckyj und sein Korps genießen für ihre Erfolge an der Front Anerkennung innerhalb der Streitkräfte. Der ukrainische Generalstab zögert jedoch bislang, ihre Strukturen auf die gesamten Streitkräfte zu übertragen.
Das 3. Armeekorps wird zudem am häufigsten als möglicher Initiator eines „Marsches auf Kiew“ genannt, sollte Präsident Selenskyj aus Sicht der Nationalisten antiukrainische Maßnahmen akzeptieren oder Friedensbedingungen unterzeichnen, die für die Ukraine nachteilig wären, um so einen Putsch auszulösen.
Kritik auch gegen den Zeitgeist des Westens
Ukrainische Nationalisten, die für die Ukraine kämpfen, kritisieren häufig auch den europäischen Militär- und Wirtschaftsverband. Sie werfen der Europäischen Union und der NATO ideologische Schwäche vor und bemängeln, dass kein entschlossenes Vorgehen gegen gesellschaftliche Strömungen erfolgt, die aus Sicht der Nationalisten die Wehrfähigkeit der Armee untergraben. Die Themenpalette reicht dabei von der Migrationspolitik der EU über die Durchsetzung der LGBTQ-Politik bis hin zur Unterdrückung patriotischer Bewegungen innerhalb der Streitkräfte mehrerer NATO-Länder.
Die NATO habe „Hunderte sogenannte Gender-Berater“ eingeführt und eine Zuständigkeit mit unklaren Befugnissen auf höchster Ebene im Generalstab geschaffen. Der Schritt werde offiziell mit der Notwendigkeit der Integration in die EU und die NATO begründet. In Wirklichkeit zeige er jedoch eine „systematische Durchsetzung der ‚Gender-Ideologie‘ in allen Lebensbereichen, einschließlich der Armee – mitten in einem regelrechten Krieg ums Überleben des ukrainischen Volkes“. Der Kommentar war im Frühjahr 2025 auf einschlägigen Kanälen des Rechten Sektors, einer ukrainischen nationalistischen und militanten Organisation, auf Telegram nachzulesen. Er entstand als Reaktion auf entsprechende Veränderungen in der ukrainischen Armee.
Ähnlich äußerte sich auch der stellvertretende Kommandeur des 3. Armeekorps, Major Dmytro Kucharčuk. Russland sei nur eine von drei Bedrohungen für die Ukraine. Neben Russland gebe es auch die Bedrohung durch die Linksliberalen und den Islam. Beide stünden im Zusammenhang mit der Massenimmigration aus Afrika und Asien sowie mit einer Agenda, die nach Ansicht der Nationalisten heute untrennbar mit der EU und der NATO verbunden sei.
Die politische Elite in Kiew verstehe seiner Meinung nach nur die erste der drei Bedrohungen, und ein möglicher Beitritt zu NATO oder EU würde die Lage der Ukraine nur verschlimmern. Nicht nur die EU, sondern auch die NATO und die UNO sollten laut Kucharčuk stattdessen durch funktionierende Einheiten ersetzt werden, die „den demokratischen Ländern die Möglichkeit geben, sich gegen das Übel der roten Diktatur zu wehren“.
Auch Olexij Rejns, ideologischer Kopf des 3. Armeekorps mit dem Kampfnamen „Konsul“, der in der Vergangenheit mehrfach mit unappetitlichen Beiträgen gegen LGBTQ-Aktivisten in der Ukraine aufgefallen war, scheut sich nicht, den Westen und seine Organisationen öffentlich scharf zu kritisieren. „Egal, welche Resolutionen die NATO auf dem Papier verabschiedet und egal, welche Tweets Trump veröffentlicht, die Sicherheit der ukrainischen Kinder können nur wir selbst gewährleisten“, schrieb er dazu im vergangenen Sommer.
Auch die nationalistische Organisation Karpatská Sič behauptet seit langem auf ihrem Telegram-Kanal, dass die NATO nicht nur im Grunde kampfunfähig und vor allem handlungsunfähig sei, sondern dass die Bürger und politischen Vertreter der NATO-Mitgliedsländer einen Beitritt der Ukraine zur Allianz ohnehin nicht wollten. Letzterer Punkt entspricht zumindest der Wahrheit, wird doch fast einhellig bemängelt, dass die Ukraine derzeit und auch auf lange Sicht kein einziges Aufnahmekriterium der NATO erfüllt.
Fast alle Nationalisten in der Ukraine, deren Zahl seit 2014 und vor allem seit Februar 2022 trotz der Verluste an der Front stetig wächst, lehnen einen Beitritt der Ukraine zur NATO ab. Auf der anderen Seite bleibt die offizielle Politik Kiews in dieser Frage unverändert. Wie das Tauziehen in der Angelegenheit ausgeht und wie die Bevölkerung der Ukraine darüber denkt, ist eine andere Sache. Auch die Nationalisten der Ukraine greifen bei aller Kritik am Westen aktuell gerne auf die finanziellen und militärischen Hilfen jener zurück, die sie gleichzeitig lautstark beschimpfen.