Die Krise der katholischen Kirche in Deutschland erreicht einen Tiefpunkt

Am Ende des Synodalen Weges und zu Beginn der Amtszeit eines neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz steht die Kirche vor der Aufgabe, sich der Schwere ihrer Krise zu stellen und den Weg nach oben anzutreten.

Georg Bätzing. Foto: Arne Dedert/picture alliance via Getty Images

Georg Bätzing. Foto: Arne Dedert/picture alliance via Getty Images

Bonn. Die katholische Kirche in Deutschland erlebt turbulente Zeiten. Nach dem Ende des Reformprozesses „Synodaler Weg“ in der vergangenen Woche und dem anstehenden personellen Neubeginn in der Deutschen Bischofskonferenz ist eine Art Übergangszeit angebrochen. Mannigfaltigen Spekulationen auf der einen Seite stehen fachliche Stellungnahmen auf der anderen gegenüber. Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist derzeit noch Georg Bätzing, Bischof von Limburg. Nach sechs Jahren, so erklärte er vor einigen Wochen, wolle er nicht mehr antreten.

Die Situation der Deutschen Bischofskonferenz ist desaströs. Die tief zerstrittenen Bischöfe sehen sich nicht mehr in der Lage, in zentralen Fragen mit einer Stimme zu sprechen. Das bedeutet nicht weniger, als dass die Stimme der Kirche in Fragen der Bioethik, des Lebensrechts, aber auch in wirtschafts- und sozialethischen Fragen weitgehend fehlt. Dabei wäre sie in einer Zeit multipler Krisen als starke Stimme dringend gefragt.

Kirche im Mainstream

Stattdessen macht die Kirche munter mit, wenn es um Gender, Klima und Migration geht. Es ist eine Sache, sich für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen, aber eine andere, die christliche Moral und Anthropologie über Bord zu werfen. Es ist sinnvoll, sich für die Bewahrung der Schöpfung stark zu machen, einer völlig überdrehten Weltuntergangsideologie aufzusitzen ist jedoch sicher keine gute Idee. Den Fremden aufzunehmen ist gute alttestamentliche Tradition, an einer – nicht ganz zu Unrecht so genannten – Asylindustrie mitzuverdienen schadet ganz gewiss. Das mag den Spannungsbogen erklären. Es zeigt jedoch nicht die Ursache der Problematik: Es fehlt an gesunder Unterscheidung.

Der tiefere Grund dafür ist ein tief im Fleisch der Kirche sitzender Stachel. Es handelt sich, wenig überraschend, um den Skandal um den sexuellen Missbrauch in der Kirche. Über Jahrzehnte haben Kleriker, von ihren Oberen geschützt oder sogar gedeckt, zumeist männliche Jugendliche und Kinder in unterschiedlicher Schwere sexuell missbraucht. Mehrere Studien haben sich damit befasst, darunter die jüngste bundesweite Untersuchung in Deutschland, die sogenannte MHG-Studie. Deren Befunde lösten Schock aus, auch weil im Rahmen der Untersuchung wiederholt die These vertreten wurde, nicht persönliche Schuld sei der wesentliche Aspekt, vielmehr seien „systemische Ursachen“ innerhalb der Kirche als Grund für den Missbrauch anzusehen und zur Prävention zu beseitigen. Fachleute ebenso wie Bischöfe haben diesen Grundansatz der Studie scharf kritisiert und vor den Folgen gewarnt.

Synodaler Irrweg

Die Folgerung der deutschen Bischöfe und der Laienfunktionäre vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) war eine Neuauflage des bereits von 2010 bis 2015 geführten Dialogprozesses, den der damalige Vorsitzende der DBK, Robert Zollitsch, seinerzeit Erzbischof von Freiburg, initiiert hatte. Zollitsch selbst wurde später als einer der schlimmsten Vertuscher klerikalen sexuellen Missbrauchs entlarvt. Später gerieten noch etliche weitere Bischöfe in den Fokus, denen Verfehlungen nachgewiesen wurden. So trat auch der Bischof von Osnabrück, einer der führenden Protagonisten des Synodalen Weges, wegen schwerwiegender Verfehlungen im Umgang mit sexuellem Missbrauch zurück.

Das Andenken mehrerer verstorbener Bischöfe wurde so schwer beschädigt, dass man in manchen Fällen fast von einer damnatio memoriae sprechen muss, wenn Hinweisschilder an Bischofsgräbern angebracht werden. Nüchtern betrachtet ist so etwas nicht nur von einer problematischen Theologie geprägt, die faktisch das letzte Gericht leugnet, sondern auch recht nahe an einer Grabschändung. Diese Einschätzung mildert nicht die Schuld, die die Kirchenmänner in ihrem Leben auf sich geladen haben. Der Tod hat sie jedoch der irdischen Gerichtsbarkeit entzogen und vor den Richterstuhl Gottes gestellt.

Ein Brief vom Papst

Der im Jahr 2019 unter dem Eindruck der MHG-Studie in Lingen beschlossene und 2020 in Frankfurt gestartete sogenannte Synodale Weg sollte die identifizierten systemischen Ursachen - klerikale Macht, restriktive Moral, Geschlechtergerechtigkeit und den Umgang mit Homosexualität - als Problemfelder angehen. Dass der Papst persönlich und mit eigener Hand einen Brief schrieb, in dem er darlegte, was die Kirche in unserem Land dringend braucht, konnten Bischöfe und Funktionäre elegant ignorieren. Darunter leiden Katholiken bis heute. Erstmals standen damit auch Lehrfragen zur Diskussion, die im Dialogprozess von 2010 bis 2015 bewusst ausgeklammert worden waren. Um der kirchenrechtlichen Bindung zu entgehen, schufen DBK und ZdK gemeinsam einen Prozess im rechtsfreien Raum, der angeblich keine Verbindlichkeit haben sollte. Tatsächlich entstand jedoch durch öffentlichen und medialen Druck ein faktischer Zwang zur Umsetzung.

Ansätze intersektioneller Benachteiligung bestimmter Gruppen führten im Zuge des Synodalen Weges zu zahlreichen Fehlsteuerungen. Auch sehr grundsätzliche, bereits abschließend entschiedene Lehrfragen rollte der Synodale Weg neu auf und sorgte damit für Verstimmungen zwischen den deutschen Bischöfen und Rom. Mehrfach im Verlauf des Synodalen Weges von 2020 bis zur letzten Versammlung vom 29. bis 31. Januar 2026 hatte die römische Kurie Stoppschilder aufgestellt. Das ging so weit, dass vier römische Kardinäle in die Tagesordnung einer Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz eingriffen. Grund hierfür war eines der wesentlichen Ziele des Synodalen Weges: in Deutschland ein nationales synodales Gremium zu errichten, das Entscheidungsbefugnisse hätte und faktisch über der Bischofskonferenz stünde. Laien sollten also Bischöfe überstimmen dürfen. Rom stellte unmissverständlich fest, dass niemand die Befugnis hat, von den Gläubigen zu verlangen, neue Lehren oder neue Formen der Leitung zu akzeptieren. Die Schaffung eines Synodalen Rates wurde ohne Wenn und Aber verboten.

Erfundene Lehren

Die apostolische Struktur der katholischen Kirche erlaubt ein solches Gremium nicht. Dass die römische Kurie so deutlich werden musste, war ein Novum. Es ist gewollt und gewünscht, dass sich alle Glieder der Kirche, also auch die Laien mit ihrem Sachverstand, in die Vorbereitung von Entscheidungen einbringen. Die Entscheidung als solche ist aus ekklesiologischen Gründen dem Bischof vorbehalten. Auch im Kreis von Bischöfen, etwa in einer Bischofskonferenz oder einer Synode, ist eine Mehrheitsentscheidung nie bindend.

Es ist dem einzelnen Nachfolger der Apostel, also dem Bischof, vorbehalten, im Gewissen seine Entscheidungen zu fällen. Einzig der Papst, dem die Kirche aufgrund seiner besonderen Berufung zum Petrusdienst den Jurisdiktionsprimat zugesteht, kann über andere Bischöfe entscheiden. Der Papst ist in der Kirche der höchste Gesetzgeber und Richter. Hier eine zu große Macht anzunehmen wäre jedoch verfehlt, denn der Papst ist an die apostolische Tradition ebenso wie an die Heilige Schrift unbedingt gebunden. Grob gesagt: Der Papst kann nichts neu erfinden.

Und genau damit, mit reichlich neu erfundenen Ideen, steht die Kirche in Deutschland am Ende des Synodalen Weges. Sowohl die im Rahmen der Versammlungen beschlossenen Papiere als auch die in der Folge erstellte Texte stehen teilweise im krassen Widerspruch zur Lehre der Kirche in Fragen des Glaubens und der Sitten.

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Ein Synodaler Ausschuss, an dem sich nicht mehr alle Bistümer und Bischöfe beteiligen wollten, führte dennoch zwei Jahre lang die Arbeit fort und setzte die sogenannte „Synodalkonferenz“ als Gremium in die Welt. Weder mit dem neuen Gremium noch mit den neuen Lehren können oder wollen sich zahlreiche Katholiken anfreunden. Natürlich sind bei weitem auch nicht alle Bischöfe einverstanden. Der Erzbischof von Köln, Rainer Maria Woelki, ging sogar so weit, den Synodalen Weg schon vor der letzten Vollversammlung für sich und sein Bistum für beendet zu erklären.

Ein Schrecken ohne Ende

An diesem Punkt steht die Kirche in Deutschland nun vor einer vom Synodalen Ausschuss geplanten Synodalkonferenz. Die Laienfunktionäre des ZdK haben bereits zugestimmt. Die Deutsche Bischofskonferenz soll auf ihrer kommenden Vollversammlung vom 23. bis 26. Februar dieses Jahres darüber entscheiden. Anschließend muss das Gremium Rom zur Genehmigung vorgelegt werden.

Die Satzung selbst sowie ein Beschluss der letzten Vollversammlung legen den Schluss nahe, dass Rom ablehnen wird. Demnach soll die Synodalkonferenz die Bischöfe bei der Umsetzung von Beschlüssen kontrollieren. Gleichzeitig verlangen Funktionäre Einfluss auf den Haushalt des Verbands der Deutschen Diözesen (VDD), des Rechtsträgers der DBK. Auch Fachleute erwarten keine Zustimmung. Es ist davon auszugehen, dass zwischen DBK und Rom so lange verhandelt wird, bis es am Ende doch ein Gremium gibt. Wie schon in der Vergangenheit dürfte auch danach mit Verfahrensfragen getrickst werden.

Der Vatikan wird noch lange mit der Kirche in Deutschland befasst sein. Unklar bleibt etwa, welche Bischöfe, analog zum Synodalen Ausschuss, überhaupt an der Synodalkonferenz teilnehmen werden und welche Relevanz das Gremium für die Kirche entfalten wird.

Umkehr und Versöhnung

Am Ende steht die Frage, wer künftig das mühsame Amt des Vorsitzenden der DBK übernehmen wird. Er hat keine andere Befugnis als die Konferenz zu moderieren. Der neu zu wählende Vorsitzende ist kein Oberbischof und hat kein Weisungsrecht. Er übernimmt eine Konferenz, die längst in Fraktionen zerfallen ist und kaum noch miteinander redet. In einem solchen Klima kann es Laienfunktionären gelingen, Einfluss zu gewinnen, der ihnen nicht zusteht. Die kommende Vollversammlung der Bischöfe hat in erster Linie den Auftrag, einen der ihren zu bestimmen, der ihre eigene Konferenz wieder sprachfähig macht.

Vielleicht sind die Bischöfe klug genug, nicht nur einen der ihren zu wählen, sondern ihm auch den Auftrag zu geben, die nötige Hilfe von außen zu holen. Das kann eine offizielle Visitation aus dem Vatikan sein, gemeinsame Exerzitien oder die Beauftragung von Organisationsberatern – am besten alles drei. Im Kern geht es um Umkehr und Versöhnung. Trivial wird diese Aufgabe nicht, da nicht nur die Kirche in ihrer Gesamtheit in einer massiven Krise steckt, sondern jedes Bistum und damit jeder Bischof vor Ort bereits genug zu bewältigen hat.

Gelingt es nicht aus eigener Kraft, die Einheit der Bischöfe und der Kirche in Deutschland wiederherzustellen, ist in der Tat Rom am Zug. In einem Punkt wird ohnehin bald gehandelt werden müssen, denn der Nuntius in Deutschland, Nikola Eterović, der in den vergangenen Jahren hervorragende Arbeit geleistet hat, ist jüngst 75 Jahre alt geworden und wird bald abgelöst werden. Möge sein Nachfolger ebenso starke Nerven beweisen, wie er es tat.

Denn bei allen Umbrüchen sollten wir nicht vergessen, dass die Säkularisierung Europas auf ihre Talsohle zugeht und sie zum Teil bereits durchschritten hat. Junge Menschen achten weniger auf Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen als auf ihr Herz. Der französische Taufboom und der Aufbruch junger Christen werden auch nach Deutschland kommen. Was sollen wir dann mit einer zerstrittenen Bischofskonferenz?