Gold und Bitcoin unter Druck – und die KI-Revolution fordert erste Verlierer

Die Stimmung an den Märkten ist in dieser Woche von wachsender Nervosität geprägt. Gefährlich wird es, wenn zahlreiche Faktoren gleichzeitig auf die Börsen einwirken und kein klares Leitthema Orientierung bietet.

Bitcoin fiel unter die Marke von 70.000 Dollar und erreichte damit ein Niveau wie zuletzt im November 2024. Foto: Midjourney/Getty Images

Bitcoin fiel unter die Marke von 70.000 Dollar und erreichte damit ein Niveau wie zuletzt im November 2024. Foto: Midjourney/Getty Images

Washington. Ende vergangener Woche und über das Wochenende wurde vielfach darüber spekuliert, dass die Unsicherheit an den Märkten auf die Ernennung von Kevin Warsh zum Gouverneur der Fed zurückzuführen sei. Ja, der Schritt kam überraschend, doch bislang ist kaum etwas darüber bekannt, welche Geldpolitik er tatsächlich verfolgen wird.

Die erste Sitzung unter seiner Beteiligung soll erst im Juni stattfinden – für die heutigen Märkte eine ungewöhnlich lange Zeit. Sämtliche Einschätzungen zu seinem künftigen Kurs bleiben bis dahin reine Spekulation, da Entscheidendes noch unbekannt ist.

Wir wissen nicht, wie der künftige Gouverneur reagieren wird, sollte Trump ihn unter Druck setzen, die Zinsen zu senken, obwohl die makroökonomischen Daten dafür keinen ausreichenden Anlass bieten. Ob Warsh dem standhält, wird sich erst in der Praxis zeigen. Es ergibt daher wenig Sinn, sämtliche Marktbewegungen auf ihn zurückzuführen. Er ist lediglich Teil des Gesamtbildes.

Unerwartete Zinssenkung in Australien

Bleiben wir bei der Geldpolitik. Mit der Zinssenkung durch die australische Zentralbank erleben die Märkte ein unerwartetes Phänomen, über das einige Investoren allerdings bereits seit Längerem spekuliert hatten.

Praktisch die gesamten letzten anderthalb Jahre sind die Märkte von der Hoffnung getragen worden, dass die Fed die Zinsen senken würde. Als wichtigste Zentralbank geben ihre Signale weltweit die Richtung vor.

Derzeit befinden wir uns in einem Zinssenkungszyklus, der auf dauerhaft niedrige Zinsen abzielt. Zwar gilt inzwischen als belegt, dass Nullzinsen der Wirtschaft schaden und eine weitere Inflationswelle begünstigen können, doch Trumps Zielmarke liegt aktuell bei rund einem Prozent.

Die australische Zentralbank hat die Zinsen um 25 Basispunkte auf 3,85 Prozent angehoben – begründet mit der anhaltend hohen Inflation, die im Dezember 2025 bei 3,8 Prozent lag. Damit wurde bereits im zweiten Monat des Jahres die Annahme widerlegt, die Zinsen müssten 2026 zwangsläufig sinken.

Entwicklung der Zinssätze in Australien in den vergangenen drei Jahren; (Quelle: tradingeconomics.com/Reserve Bank of Australia)

Eine Achterbahnfahrt

Die Geldpolitik steht in engem Zusammenhang mit Gold und Bitcoin. Gold gilt als Absicherung gegen Fehlentwicklungen in der Geldpolitik der Zentralbanken, insbesondere der US-Notenbank Fed. Bitcoin hingegen ist ein Finanzwert, der positiv auf eine lockere Geldpolitik reagiert.

Wer aus der Entwicklung dieser Vermögenswerte Rückschlüsse auf die Geldpolitik oder die makroökonomischen Aussichten ziehen möchte, erhält derzeit kaum verlässliche Signale. Das Verhalten von Gold und Silber erinnert aktuell eher an Meme-Aktien. Gold fungiert damit weniger als sicherer Hafen, sondern vielmehr als Markt mit erheblichen Ausschlägen. Die Volatilität ist hoch, und die Ursachen bleiben unklar.

Entwicklung des Goldpreises in den vergangenen fünf Tagen; (Quelle: TradingView)

Silber folgt dabei grundsätzlich der Entwicklung des Goldpreises, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied. Eine derart hohe Volatilität dürfte sich negativ auf die Realwirtschaft auswirken. Silber bleibt ein wichtiges Industriemetall, und extreme Schwankungen erschweren die Produktionsplanung.

Eine Verlangsamung der Produktion würde sich in einer Abschwächung der Konjunktur niederschlagen – ein Szenario, das in der aktuellen Lage kaum wünschenswert erscheint. All das geschieht ohne erkennbare Nachrichtenlage oder eine grundlegende Veränderung des Trends. Die Märkte wirken derzeit stark von Emotionen getrieben.

Entwicklung des Bitcoin-Preises im vergangenen Monat; (Quelle: TradingView)

Diese Dynamik zeigt sich bei Kryptowährungen noch ausgeprägter. Der Bitcoin-Kurs fiel unter die wichtige Marke von 70.000 Dollar. Ein vergleichbares Niveau wurde zuletzt im November 2024 erreicht.

Bei Solana fällt der Rückgang noch deutlicher aus. Die Kryptowährung wird derzeit unter 90 Dollar gehandelt und liegt damit auf dem Niveau von Januar 2024. Wie beim Goldpreis fehlt auch hier ein konkreter Auslöser, der die Märkte überrascht hätte – abgesehen von der Entwicklung der vergangenen Tage, die auf einen Eintritt von Bitcoin und anderen Kryptowährungen in eine Baisse hindeutet.

Für langfristige Anleger ist das keine neue Entwicklung. Daten zufolge trennen sich derzeit vor allem kurzfristig orientierte Investoren von ihren Beständen, während große Marktteilnehmer ruhig bleiben. Vieles deutet damit auf eine ebenso einfache wie weitreichende Erklärung hin: Angst treibt die Märkte. Die Bewegung ist stark emotional geprägt und rational nur begrenzt erklärbar.

Unerwartete Wendungen im Bereich der künstlichen Intelligenz

Diese Nervosität greift zunehmend auch auf den Aktienmarkt über. Ein Beispiel dafür ist der südkoreanische Kospi-Index, der zu Wochenbeginn um fünf Prozent einbrach – belastet von Zweifeln am gesamten KI-Sektor sowie von Sorgen über einen möglichen Mangel an Arbeitsspeicher für neue Rechenzentren.

Nach dem kräftigen Einbruch folgte bereits am nächsten Handelstag eine Gegenbewegung: Die südkoreanische Börse eröffnete deutlich im Plus, der Index legte um fünf Prozent zu – paradoxerweise aus denselben Gründen.

Diesmal legten die Aktien der Speicherchip-Hersteller zu und stützten damit den gesamten Halbleitersektor. Auch hier ist eine klare Logik kaum zu erkennen.

Wirtschaftsdaten und Unternehmensberichte weisen derzeit keine einheitliche Richtung auf, die eine klare Interpretation der Lage erlauben würde. Die starken Ergebnisse des Unternehmens Palantir wurden an den Märkten positiv aufgenommen. Die Gewinne steigen, und die Unternehmensführung zeigt sich weiterhin sehr optimistisch. Künstliche Intelligenz gilt schließlich als Zukunftstechnologie.

Die positive Nachricht wurde jedoch durch eine andere überschattet. Oracle, das angesichts seiner Verschuldung als potenziell schwächstes Glied unter den KI-getriebenen Unternehmen gilt, hat weitere 50 Milliarden Dollar aufgenommen. Das spricht kaum für solides Wachstum.

Festzuhalten bleibt, dass künstliche Intelligenz weiterhin die wirtschaftliche Landkarte der Welt prägt und zunehmend auch die Börsenlandschaft verändert. Das Unternehmen Anthropic hat mit „Cowork“ einen Assistenten auf den Markt gebracht, der auf das Verstehen, Durchsuchen und Bearbeiten von Rechtstexten spezialisiert ist.

Der Assistent kann zwar keinen Anwalt ersetzen, dürfte dessen Produktivität jedoch erheblich steigern. Für Anbieter von Softwarelösungen für Kanzleien ist das eine schlechte Nachricht. LegalZoom reagierte mit einem Kursverlust von rund einem Fünftel. Betroffen sind jedoch nicht nur juristische Dienstleistungen – unter Druck geraten könnten zahlreiche Softwareanbieter. Entsprechende Sorgen belasten zudem die Aktien von Adobe und Duolingo.

Entwicklung des Aktienkurses von LegalZoom.com im vergangenen Jahr; (Quelle: TradingView)

Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr nur ein Wachstumsmotor, den Unternehmen auf Pressekonferenzen beschwören konnten. Die Revolution tritt in eine Phase ein, in der sich erste Verlierer zeigen, überraschenderweise im Softwaresektor, wo man sie am wenigsten vermutet hätte.

Diese Entwicklung verstärkt die Nervosität an den Märkten, die derzeit eher von Emotionen als von einer nüchternen Bewertung der Lage geprägt sind. Der beste Schutz davor bleibt jedoch, sich nicht von ihnen leiten zu lassen und am eigenen Investitionsplan festzuhalten.