Adel, Sex, Spionage - die Epstein-Akten erschüttern Europas Eliten

Die neu veröffentlichten Epstein-Akten reichen tief in Europas Machtzentren. Kontakte zu Adelshäusern, Spitzenpolitikern und mutmaßlichen Geheimdienstnetzwerken sorgen in höchsten Kreisen für wachsende Nervosität.

In prominenter Gesellschaft: Andrew Mountbatten-Windsor. Foto: Guy Smallman/Getty Images

In prominenter Gesellschaft: Andrew Mountbatten-Windsor. Foto: Guy Smallman/Getty Images

London/Washington. Der ehemalige Prinz Andrew gilt nach wie vor als bekanntester Vertreter einer europäischen Königsfamilie mit Verbindungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. König Charles III. erkannte ihm im Oktober sämtliche Titel und militärischen Auszeichnungen ab. Am Mittwoch zog er schließlich aus seinem königlichen Anwesen in Windsor aus.

Doch auch andere Blaublüter wählten ihre Gesellschaft offenbar nicht immer mit der gebotenen Sorgfalt.

Andrews Eskapaden

Aus den jüngst veröffentlichten Akten geht hervor, dass der damalige Prinz und der Finanzier im Jahr 2006 in Epsteins Haus in Florida eine exotische Tänzerin zu sexuellen Handlungen aufgefordert haben sollen. Sie boten der Frau demnach 10.000 Dollar für einen Tanz und drängten sie nach ihrem Auftritt zu sexuellen Handlungen mit beiden Männern. Laut den Anwälten der Frau zahlten sie ihr jedoch nur 2.000 Dollar und boten ihr später 250.000 Dollar für ihr Schweigen an. Die Betroffene erklärte, auf der Party Mädchen gesehen zu haben, die etwa 14 Jahre alt gewesen sein könnten.

Eine weitere E-Mail, die offenbar von Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell stammt, legt nahe, dass das berühmte Foto echt ist, das Andrew mit dem Arm um Virginia Giuffre zeigt. Die junge Frau beschuldigte ihn später des sexuellen Missbrauchs, während er die Aufnahme als Fälschung bezeichnete.

Giuffre nahm sich im April vergangenen Jahres das Leben. In ihren Memoiren, die einige Monate nach ihrem Tod veröffentlicht wurden, schrieb sie, Epstein habe einflussreiche Persönlichkeiten erpresst, indem er sie bei intimen Handlungen mit Minderjährigen filmte.

Der britische Premierminister Keir Starmer forderte, Andrew sollte nach den neuen Enthüllungen vor einem Ausschuss des US-Kongresses aussagen.

https://twitter.com/DailyMirror/status/2019099413822558260

Fergies Fehltritte

In den Unterlagen wird auch Sarah Ferguson erwähnt, die frühere Ehefrau des ehemaligen Prinzen, besser bekannt als Fergie. Epstein schrieb: „Ich glaube, Fergie kann jetzt sagen, dass ich kein Pädophiler bin.“ Ferguson bezeichnete ihn in einer Nachricht wiederum als „Legende“ und als „Bruder, den ich mir immer gewünscht habe“.

Weltweit berichteten Medien am Donnerstag, dass inzwischen auch die Position des britischen Premierministers Keir Starmer ins Wanken geraten ist. Er hatte im Dezember 2024 Peter Mandelson zum Botschafter in den USA ernannt, obwohl dessen Verbindungen zu Epstein bekannt waren.

Gegen Mandelson wird ermittelt. Laut Dokumenten aus den Jahren 2009 und 2010 soll er Epstein ein Memorandum über den möglichen Verkauf britischer Vermögenswerte sowie über Steueränderungen zur Verfügung gestellt haben. Außerdem soll er ihn vorab über das geplante 500-Milliarden-Euro-Rettungspaket der Europäischen Union während der Schuldenkrise informiert haben.

https://twitter.com/nypost/status/2017880618709704945

Mette-Marits Peinlichkeiten

Auch die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit geriet in peinliche Schlagzeilen. Zwischen 2011 und 2014 stand sie in engem Kontakt mit dem verurteilten Sexualstraftäter. Boris Nikolič, ehemaliger Chefberater von Bill Gates für Wissenschaft und Technologie, beschrieb sie in dieser Zeit gegenüber Epstein als „kein typisches Mitglied der Königsfamilie“.

In ihrer Kommunikation mit Epstein ging Mette-Marit offenbar weiter, als es das royale Protokoll vorsieht. So fragte sie ihn unter anderem, ob es „für eine Mutter unangemessen sei, ihrem 15-jährigen Sohn ein Bild von zwei nackten Frauen, die ein Surfbrett tragen, als Bildschirmschoner vorzuschlagen“. Gleichzeitig bezeichnete sie ihn als „sehr charmant“.

Als Epstein 2012 schrieb, er sei in Paris „auf Frauensuche“, antwortete sie, die französische Metropole sei „gut für Ehebruch“, doch „die Skandinavier bringen bessere Frauen hervor“. Mette-Marit besuchte Epstein zudem wiederholt persönlich. In einer E-Mail stellte Nikolič Epstein die Frage, ob die Kronprinzessin ihm ein Kind gebären wolle. Den Kontakt brach die Gemahlin des norwegischen Kronfolgers erst 2014 ab, als sie nach eigenen Angaben den Eindruck gewann, er versuche, ihre Position auszunutzen.

Nachdem der Fall öffentlich geworden war, räumte Mette-Marit ein, einen schweren Fehler begangen zu haben, und bedauerte, Epsteins Vergangenheit nicht gründlicher überprüft zu haben. Sie bezeichnete die Situation als „peinlich“. Seitdem beschäftigen sich politische Kommentatoren mit der Frage, ob sie nach dem Vorfall noch Königin werden könnte.

https://twitter.com/Megatron_ron/status/2019060156395360419

Bleiben wir noch bei den Norwegern

In den Akten findet sich auch der Name Børge Brende, ehemaliger norwegischer Außenminister und seit 2017 Präsident des Weltwirtschaftsforums (WEF). Er nahm an drei Arbeitsessen mit Epstein teil und stand mit ihm per E-Mail und SMS in Kontakt, allerdings ohne dass in der Korrespondenz von Mädchen die Rede war.

Das WEF hat in der Angelegenheit eine unabhängige Untersuchung eingeleitet, während Brende sein Amt als Präsident weiterhin ausübt. Nach eigenen Angaben hätte er sich „niemals mit ihm getroffen“, wenn er von Epsteins Straftaten gewusst hätte.

Børge Brende. Foto: Yves Herman/Reuters

Schwerer wiegt der Fall des ehemaligen norwegischen Ministerpräsidenten Thorbjørn Jagland, der sich nachweislich mit Epstein traf, als er Generalsekretär des Europarates und Vorsitzender des Nobelkomitees war.

Die norwegischen Behörden haben ihm die Immunität entzogen und prüfen, ob er im Zusammenhang mit der Ausübung seiner Ämter Geschenke, Reisekosten oder Darlehen annahm.

Epstein bat Jagland mehrfach um Hilfe bei der Organisation eines Treffens mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die beiden telefonierten regelmäßig und tauschten sich auch über „Mädchen“ aus. Darüber hinaus plante Jagland mit seiner Familie eine Reise zu Epsteins Insel. Jaglands Anwalt Sigurd Klomsæt erklärte, sein Mandant wolle zunächst die Echtheit einiger veröffentlichter Dokumente überprüfen. Er bestreitet weiterhin alle sexuellen Vorwürfe.

Sofias Kontakte

Seit Dezember vergangenen Jahres steht auch der schwedische Königshof unter Druck. Prinzessin Sofia, einst Reality-TV-Star und Model, blieb sogar der Nobelpreisverleihung fern, nachdem bekannt geworden war, dass sie sich mehrfach mit dem Finanzier Jeffrey Epstein getroffen hatte.

Die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter veröffentlichte E-Mails zwischen Epstein und Barbro Ehnbom, die als Mentorin Sofias beschrieben wird. In einer Nachricht stellte sie die Prinzessin als angehende Schauspielerin vor, die gerade nach New York gekommen sei, und fragte, ob er sie kennenlernen wolle. Epstein antwortete, er sei in der Karibik und könne ihr ein Flugticket schicken.

Der schwedische Königshof bestätigte, dass Sofia 2005 mit dem Finanzier bekannt gemacht wurde und sich beide mehrfach trafen. Sie sei jedoch damals nicht in die Karibik gereist, um ihn zu besuchen. Außerdem betonte der Hof, dass sie sich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hätten und ihr letzter Kontakt noch vor 2008 stattgefunden habe, als Epstein wegen Zuhälterei an Minderjährigen verurteilt wurde.

In den im Januar freigegebenen Akten taucht ihr Name jedoch erneut auf. Ein geschwärzter Kontakt mit denselben Initialen wie Barbro Ehnbom schickte Epstein 2010 ein Foto von Sofia. Der Betreff der Nachricht lautet „unsere Sofia“. Eine weitere E-Mail enthält offenbar ein Foto von Sofia und Prinz Carl Philip. Darin heißt es, dass „sie zusammen so schön sind“.

Die schwedische Prinzessin Sofia. Foto: Epstein-Akten (EFTA00775965)

Das Raunen im Blätterwald

Von Kontakten ganz anderer Art berichteten The Telegraph und Daily Mail. Die britischen Zeitungen warten die Frage auf, ob Epstein möglicherweise für den russischen Geheimdienst tätig war - mit dem Ziel, westliche Eliten zu erpressen und zu diskreditieren. Sie sprachen in dem Zusammenhang von einer „Honigfalle des KGB“ und verwiesen darauf, dass Epstein häufig über „russische Mädchen“ schrieb und sie prominenten Besuchern anbot, wodurch kompromittierendes Material entstanden sein könnte. In seinem Austausch mit dem ehemaligen slowakischen Außenminister Miroslav Lajčák habe Epstein Russinnen als „besten Export“ des Landes bezeichnet.

Auf Grundlage der Akten leiteten auch andere europäische Staaten, darunter Polen, Litauen und Lettland, Untersuchungen wegen möglichen Menschenhandels ein. In den Dokumenten tauchen die Namen mehrerer Models aus den entsprechenden Ländern auf.

Der polnische Justizminister Waldemar Żurek erklärte am Freitag, es gebe Hinweise darauf, dass auch zwei Polen zum Mitarbeiterstab gehörten, der Epsteins verdeckte Operation organisiert haben soll. „Wir haben Beweise dafür, dass diese Rekrutierung von Frauen, möglicherweise auch Minderjährigen, in Polen stattfand“, erklärte Żurek.

https://twitter.com/SlavicNetworks/status/2019151735483244915

Der Telegraph berichtete, Epstein sei vom britischen Medienmagnaten Robert Maxwell, der angeblich für den israelischen Geheimdienst Mossad arbeite, in die Welt der Spionage eingeführt worden. Den Unterlagen zufolge behauptete ein geheimer Informant des FBI, Epsteins Anwalt Alan Dershowitz habe dem damaligen Bundesstaatsanwalt in Florida, Alex Acosta, gesagt, Epstein verfüge über Verbindungen zu amerikanischen und befreundeten Geheimdiensten.

Aus den Akten gehe ferner hervor, dass Epstein ein langjähriger Freund und Vermittler des ehemaligen israelischen Premierministers Ehud Barak gewesen sei und unter dessen Führung eine Ausbildung im Geheimdienst absolviert habe.

Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk bezeichnete die Untersuchung einer Spur nach Russland als Frage der nationalen Sicherheit, legte dafür jedoch keine Belege vor.

https://twitter.com/donaldtusk/status/2018697182820368781

Herzenswunsch ohne Happyend

Der Name Putin taucht in den Akten Hunderte Male auf. Epstein versuchte wiederholt, in die Nähe des russischen Präsidenten zu gelangen. Er wollte mit ihm über Wirtschaft und Auslandsinvestitionen sprechen und vor dem russisch-amerikanischen Gipfel 2018 in Helsinki auch sein Wissen über Donald Trump teilen.

Epstein bat den ehemaligen norwegischen Ministerpräsidenten Thorbjørn Jagland mehrfach um Hilfe bei der Organisation eines Treffens. Die wiederholten Versuche deuten allerdings darauf hin, dass seine Bemühungen erfolglos blieben.

Der Kreml erklärte am Dienstag, keine Anfrage für ein Treffen mit Putin erhalten zu haben.

Auf die Frage nach Tusks Äußerungen und Berichten westlicher Medien, die Epstein als russischen Spion darstellen, reagierte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow mit Spott: „Ich hätte große Lust, über solche Versionen zu scherzen, aber verschwenden wir keine Zeit."

(reuters, tasr, est)