François-Xavier Gicquel ist Operationsdirektor der Nichtregierungsorganisation SOS Chrétiens d’Orient (SOSCO), einer Hilfsorgansation für Christen in orientalischen Ländern. Seit ihrer Gründung im Jahr 2013 koordiniert er Einsätze und Projekte im Nahen Osten sowie in weiteren Krisenregionen. Die Organisation ist vor Ort in der humanitären Hilfe, beim Wiederaufbau sowie im Gesundheits- und Bildungsbereich tätig.
Im Gespräch mit Statement erläutert Gicquel die Beweggründe für die Entstehung der NGO, worin sie sich von anderen humanitären Akteuren unterscheidet und was er derzeit als größte Bedrohung für christliche Gemeinschaften im Nahen und Mittleren Osten sieht.
Wie und warum wurde SOS Chrétiens d’Orient gegründet?
Gicquel: Die Organisation wurde 2013 von Charles de Meyer und Benjamin Blanchard gegründet. Zu dieser Zeit geriet das syrische Dorf Maaloula, eines der letzten Dörfer weltweit, in dem noch das alte Aramäisch gesprochen wurde, in die Hände von Al-Qaida. Dieses Ereignis fiel zeitlich mit der damals angekündigten Absicht Frankreichs zusammen, Syrien zur Unterstützung der dort begonnenen Revolution zu bombardieren.
In diesem Moment war es wichtig, sich zu mobilisieren, um den Christen im Osten zu zeigen, dass die Antwort der Christen aus dem Westen nicht nur Krieg ist, sondern auch der tiefe Wille, den Menschen, die unter großem Leid stehen, konkrete materielle Hilfe zu leisten. SOS Chrétiens d’Orient wollte ein greifbares Zeichen dieser Solidarität und ein Zeugnis der alten und anhaltenden Solidarität des französischen Volkes mit den Christen des Ostens sein, der heilige Ludwig (Ludwig IX.) hat Frankreich einst ihrem Schutz geweiht.
Gleichzeitig ging es darum, der französischen Regierung zu zeigen, dass sie keinen weiteren zerstörerischen Krieg führen kann, wie ihn die Vereinigten Staaten im Irak oder Frankreich in Libyen geführt haben, mit all den menschlichen und geopolitischen Folgen, die wir heute kennen.
Wodurch unterscheidet sich SOS Chrétiens d’Orient von anderen humanitären Organisationen?
Gicquel: SOS Chrétiens d’Orient wurde vor allem aufgrund der Nähe zwischen den westlichen und östlichen Bevölkerungsgruppen gegründet. Diese Nähe zeigt sich ganz konkret in der Entsendung von Freiwilligen auf Missionen. In zwölf Jahren haben fast 3.500 Freiwillige direkt vor Ort geholfen. Sie leben dort inmitten östlicher christlicher Gemeinschaften, teilen ihre Freuden, Schmerzen, Hoffnungen und Ängste.
Ihre karitative Tätigkeit ergänzt das tägliche Zusammenleben, zu dem gemeinsame Mahlzeiten, Festtage und Momente der Trauer gehören. Die Freiwilligen vermitteln den östlichen Christen eine sehr starke Botschaft: Wir vergessen euch nicht, wir sind bei euch und wir bleiben. Diese kontinuierliche Präsenz ermöglicht es uns gleichzeitig, echte Fachkenntnisse über die Gebiete, in denen wir arbeiten, zu entwickeln und das Zeugnis, um dessen Weitergabe uns unsere östlichen Brüder bitten, in die Herzen des Westens zu tragen.
Wie hat sich die Tätigkeit des Vereins im Laufe der Jahre entwickelt?
Gicquel: Zu Beginn sah sich die Organisation mit dem Vormarsch jihadistischer Gruppen in Syrien und im Irak konfrontiert und engagierte sich vor allem für die betroffenen oder vertriebenen Bevölkerungsgruppen. Allmählich änderte sich die Situation. Wir mussten uns an die Befreiung von Städten und Dörfern und die wachsende Bedeutung des Wiederaufbaus von Häusern und Infrastruktur anpassen, damit die Menschen zurückkehren und sich langfristig wieder in ihrer Heimat niederlassen konnten.
Gleichzeitig sahen wir uns mit neuen Arten von Krisen konfrontiert, insbesondere wirtschaftlicher Natur. Es wurde unerlässlich, wirtschaftliche Möglichkeiten zu entwickeln, damit die Christen im Osten in ihrem Land eine nachhaltige Zukunft in Betracht ziehen konnten. Heute sind wir nach wie vor in sehr unterschiedlichen Bereichen tätig, darunter Bildung, Gesundheitswesen, Denkmalpflege und humanitäre Hilfe, kurz gesagt überall dort, wo der Bedarf am größten ist.
In welchen Ländern ist SOS Chrétiens d’Orient heute präsent?
Gicquel: Derzeit sind wir im Irak, in Syrien, im Libanon, in Jordanien, Pakistan, Ägypten, Äthiopien und Armenien tätig. Wir beginnen gerade, auch in Palästina zu arbeiten. Es ist sehr schwer zu sagen, wo die Situation am dringendsten oder besorgniserregendsten ist, da sich die Kontexte extrem schnell ändern.
Wir haben relativ ruhige Nachkriegszeiten erlebt, die jedoch durch die katastrophale wirtschaftliche Lage infolge der Sanktionen geprägt waren. Der Libanon, einst als Schweiz des Nahen Ostens bekannt, ist in eine politische und dann in eine wirtschaftliche Krise gestürzt. Äthiopien, ein wahres Juwel Afrikas und bedeutendes Reiseziel, wurde durch einen Bürgerkrieg verwüstet, der zwischen 500.000 und einer Million Todesopfer forderte.
Im Irak herrscht nach dem Islamischen Staat eine extrem angespannte politische Lage, die von massiver Korruption und dem Einfluss von Milizen begleitet wird. In Ägypten hat die Wirtschaftskrise schwerwiegende Auswirkungen auf die Währungsstabilität und die Kaufkraft der Bevölkerung, die ohnehin schon zuvor in einer prekären Lage war.
In Pakistan helfen wir Menschen, die in die Sklaverei geraten sind, und versuchen, ihnen ihre Freiheit zurückzugeben und ihnen einen Neuanfang zu ermöglichen. In Armenien folgten auf fast 30 Jahre Frieden ein 44 Tage dauernder Krieg und schließlich die Ankunft von 120.000 Vertriebenen aus Arzach [aufgelöste Republik auf dem Gebiet von Bergkarabach, Anm. d. Red.]. Obwohl Jordanien oft als stabil wahrgenommen wird, bleibt es aufgrund starker sozialer und geopolitischer Spannungen fragil.
Was sind Ihre Hauptarbeitsbereiche?
Gicquel: Wir arbeiten in sechs Hauptbereichen. Dazu gehören Bildung, Gesundheitswesen, wirtschaftliche Entwicklung, Krisenhilfe, sofern erforderlich, Wiederaufbau und auch ein breiteres Spektrum von Aktivitäten, das die Pflege des kulturellen Erbes und von Denkmälern, die Förderung der Jugend, kulturelle und sportliche Aktivitäten sowie die Unterstützung von Kirchen umfasst.
Die Prioritäten hängen immer vom jeweiligen Gebiet und der aktuellen Situation ab. Unsere absolute Priorität bleibt jedoch dieselbe. Wir wollen etwas Dauerhaftes aufbauen. Wir lehnen es ab, Bevölkerungsgruppen langfristig von humanitärer Hilfe abhängig zu machen, und denken systematisch langfristig.
Gab es ein Projekt, das Sie besonders beeindruckt hat?
Gicquel: Besonders eindrücklich sind die dringenden Einsätze, die sowohl beruflich als auch emotional sehr intensiv sind. Ich denke zum Beispiel an die Unterstützung von Erste-Hilfe-Maßnahmen während der Schlacht um Mossul, an die Versorgung der Bevölkerung von Bergkarabach mit Gas und Lebensmitteln während der Bombardierung durch Aserbaidschan, an die Hilfe für die Vertriebenen des äthiopischen Bürgerkriegs oder an die Unterstützung der Opfer der schrecklichen Überschwemmungen in Pakistan.
Aber auch längerfristige Projekte haben mich sehr bewegt. Dazu gehören die Eröffnung mehrerer dringend benötigter Gesundheitszentren, die Zehntausende vom Islamischen Staat vertriebene Menschen versorgten, die Gründung von Schulen sowie die Befreiung von Sklaven in Pakistan. Ich denke auch an Projekte zur wirtschaftlichen Entwicklung, durch die wir oft ganzen Familien einen Neuanfang ermöglichen und ihnen konkrete Perspektiven bieten konnten.
Was sind heute die größten Bedrohungen für die Christen im Osten?
Gicquel: Die größte Bedrohung ist heute die Demografie. Je mehr Christen wegziehen, desto kleiner wird ihr Anteil an der Bevölkerung. Sobald ihre Rechte geschwächt und ihre wirtschaftlichen und kulturellen Möglichkeiten eingeschränkt werden, wird es für sie immer schwieriger, eine gute Ausbildung zu erhalten und sich im eigenen Land eine Zukunft aufzubauen.
In Kriegsgebieten haben einige in letzter Zeit rechtlich über den Begriff des kulturellen Völkermords diskutiert. Die klassische rechtliche Definition von Völkermord konnte nicht immer auf die Situation der Christen angewendet werden, aber es war notwendig, die Realität zu benennen. Es handelte sich um den systematischen Willen, ganze Bevölkerungsgruppen durch Terror, Zerstörung von Häusern, Morddrohungen, Herabstufung zu Bürgern zweiter Klasse, Entführungen, gezielte Morde und Attentate verschwinden zu lassen.
Hinzu kommen wirtschaftliche Krisen, die wir insbesondere in Syrien unter Embargo, im Libanon, in Ägypten oder in Äthiopien beobachten können. Christen verlassen dann nicht nur ihr Land, um sich selbst in Sicherheit zu bringen, sondern vor allem, um ihre Kinder und zukünftigen Generationen zu schützen.
Reichen Identität und Glaube aus, um ihre langfristige Präsenz zu sichern?
Gicquel: Diese Faktoren sind von grundlegender Bedeutung. Seit 2.000 Jahren leben diese Menschen als Christen in diesen Gebieten, als Völker jedoch schon deutlich länger. Sie haben Prüfungen durchlaufen, die wir uns kaum vorstellen können, und sind ihrem Land sowie ihrer christlichen Berufung treu geblieben, inmitten der Gesellschaft zu wirken, obwohl sie eine Minderheit sind.
Die Geschichte zeigt jedoch, dass es angesichts von Verfolgung immer wieder zu Massenfluchten gekommen ist. Identität und Glaube allein reichen nicht aus. Es ist unerlässlich, den Menschen die materiellen Mittel zum Überleben zu geben. Fehlen diese, werden sie Sicherheit für künftige Generationen suchen - oft im Westen, ob zu Recht oder zu Unrecht.
Wie ist die Lage heute in Syrien?
Gicquel: Die Situation ist nicht mehr dieselbe wie vor einem Jahr. Es ist sehr schwer zu sagen, was noch unter der Kontrolle der Regierung steht. Sicher ist, dass es den Minderheiten nicht gut geht. Nach Massakern großen Ausmaßes, von denen Anfang 2025 die Alawiten und später die Drusen betroffen waren, stehen die Christen täglich unter Druck. Es kommt zu Diebstählen, Entführungen und Morden, insbesondere in den Randregionen.
Da diese Gewalttaten oft wie Einzelfälle erscheinen, spricht die Europäische Union lieber von Ausnahmesituationen, die nicht verallgemeinert werden sollten. Das ist jedoch nicht wahr. Kürzlich wurde eine Kirche im Herzen von Damaskus angegriffen, und niemand weiß, was morgen passieren wird. Wir bleiben entschlossen, diese Gemeinschaften zu unterstützen und ihr Zeugnis weiterzugeben, mit der Hoffnung, die Christen in unruhigen Zeiten eigen ist.
Warum ist Syrien aus dem Blickfeld des Westens verschwunden?
Gicquel: Noch vor wenigen Tagen erklärte eine EU-Einrichtung, dass in Asylfragen Kämpfern mit Nähe zum Islamischen Staat Vorrang eingeräumt werden müsse, da sie aufgrund ihrer als politisch interpretierten Ansichten als verfolgt gelten. Die Aufnahme von Christen soll dagegen nur in Ausnahmefällen erfolgen, da ihre Verfolgung angeblich nicht als weit verbreitet angesehen wird.
Das offenbart eine zutiefst beunruhigende Denkweise. Der Westen ist vor allem bestrebt, die Beziehungen zu Syrien wieder aufzunehmen, um sich einen Platz am Verhandlungstisch für den Wiederaufbau zu sichern und seine diplomatischen und wirtschaftlichen Interessen zu verteidigen. In einem solchen Kontext hat er wenig Motivation, die Kollateralopfer dieser großen Manöver hervorzuheben.
Wie würden Sie die Situation der Christen im Heiligen Land beschreiben?
Gicquel: Ich bin gerade selbst aus dem Heiligen Land zurückgekehrt, und die Lage dort ist äußerst komplex. Das Problem ist, dass viele westliche Beobachter die Situation nicht analysieren können, ohne die Debatte zuzuspitzen. Die Christen dort sind dem Druck islamistischer Bewegungen wie der Hamas ausgesetzt, die ein langfristiges Zusammenleben nahezu unmöglich machen. Gleichzeitig sind sie mit der Politik des Staates Israel in Palästina konfrontiert, der sie oft als Teil der arabischen Bevölkerung und damit als Feinde betrachtet.
Infolgedessen sind sie Demütigungen, Beschlagnahmungen, Schikanen, Bombardierungen und Sanktionen ausgesetzt. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, naiven Idealismus abzulehnen, sich für die Realität vor Ort zu interessieren und in unseren geopolitischen Positionen nüchtern zu bleiben.