Kuba in der Dauerkrise: Treibstoff und Lebensmittel werden knapp

Weniger Öl, häufige Stromausfälle und steigende Preise treiben Kuba tiefer in die Krise. Neben strukturellen Problemen verschärft auch der politische Druck aus Washington die Lage deutlich.

Havanna: Eine ältere Frau mit Zigarre vor ihrem Haus – Stromausfälle und hohe Preise belasten den Alltag auf der Insel. Foto: Norlys Perez/Reuters

Havanna: Eine ältere Frau mit Zigarre vor ihrem Haus – Stromausfälle und hohe Preise belasten den Alltag auf der Insel. Foto: Norlys Perez/Reuters

Havanna. Kuba steckt seit Jahren in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, deren Ursachen weit zurückreichen. Die sozialistische Planwirtschaft gilt als ineffizient, staatliche Misswirtschaft, Korruption und eine florierende Schattenökonomie haben das Land zusätzlich geschwächt. Zugleich verschärfen externe Faktoren wie die Sanktionen der USA und geopolitische Spannungen die Lage. Für viele Kubaner entsteht daraus ein Alltag, der zunehmend von Mangel geprägt ist.

Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten kämpfen ums Überleben. Immer längere Stromausfälle sowie stark steigende Preise für Lebensmittel, Kraftstoffe und Transport belasten den Alltag zusätzlich. Gleichzeitig drohen die USA, den wirtschaftlichen Druck auf die kommunistische Führung weiter zu erhöhen.

Die Nachrichtenagentur Reuters interviewte mehr als drei Dutzend Einwohner aus Städten und Bezirken rund um die Hauptstadt Havanna, das politische und wirtschaftliche Zentrum des Landes. Darunter befanden sich Straßenverkäufer, Beschäftigte im Privatsektor, Taxifahrer und Staatsbedienstete.

Die Gespräche zeichnen das Bild einer Bevölkerung, die zunehmend an ihre Grenzen stößt. Waren und Dienstleistungen – vor allem jene, die mit den knapper werdenden Treibstoffvorräten zusammenhängen – sind immer schwerer erhältlich und teurer.

Für große Teile des ländlichen Kubas stellt das keine völlig neue Entwicklung dar. Das fragile und veraltete Energiesystem der Insel verschlechtert sich seit Jahren, viele Einwohner haben sich notgedrungen daran gewöhnt, stundenlang ohne Elektrizität, Internet oder funktionierende Wasserpumpen auszukommen.

Havanna bei Nacht ohne Strom. Foto: Norlys Perez/Reuters

Wirtschaft unter Druck

Auch Havanna, deren Straßen von Autos aus den 1950er-Jahren und farbenfroher, wenn auch teils stark sanierungsbedürftiger Kolonialarchitektur geprägt sind, war lange vergleichsweise besser versorgt.

Inzwischen hat die Krise jedoch auch die Hauptstadt fest im Griff. Im Land herrscht Treibstoffmangel, nachdem zunächst Venezuela und später Mexiko ihre Öllieferungen reduziert beziehungsweise eingestellt haben.

US-Präsident Donald Trump kündigte außerdem an, Importe aus Ländern mit Ölgeschäften mit Kuba mit Zöllen zu belegen. Der Schritt folgt auf die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch US-Truppen Anfang Januar und zielt darauf ab, Kuba von einem seiner wichtigsten Energiepartner abzuschneiden.

In vielen Staaten könnten vergleichbare Bedingungen größere Proteste auslösen. In Kuba bleiben offene Demonstrationen jedoch selten, was auch mit staatlichen Einschränkungen politischer Opposition erklärt wird. Wie belastbar die Geduld der Bevölkerung noch ist, lässt sich schwer abschätzen.

Der kubanische Peso verlor innerhalb von drei Wochen mehr als ein Zehntel seines Wertes gegenüber dem Dollar, was die Lebensmittelpreise weiter steigen ließ. „Das hat mich in eine unlösbare Situation gebracht“, sagt Yaite Verdeci, eine Hausfrau aus Havanna. „Kein Gehalt kann das auffangen.“

Menschen auf den Straßen Havannas. Foto: Norlys Perez/Reuters

Alltag im Zeichen der Knappheit

Auf die Frage nach einer möglichen militärischen Intervention erklärte Trump, er halte einen Angriff nicht für notwendig, da „das dortige Regime bereit sei, von selbst zu fallen“.

Kubas Außenminister Bruno Rodríguez sprach zuletzt von einem „internationalen Notstand“ als Reaktion auf die angedrohten US-Zölle, die seiner Ansicht nach eine „ungewöhnliche und außergewöhnliche Bedrohung“ darstellen.

Konkrete Maßnahmen zur Bewältigung einer möglichen humanitären Zuspitzung hat die Regierung bislang nicht detailliert dargelegt.

Alberto Villar, ein Einwohner Havannas, bereitet zu Hause das Abendessen zu. Foto: Norlys Perez/Reuters

Viele Befragte berichten, dass sich ihr ohnehin schwieriger Alltag zunehmend auf die Sicherung grundlegender Bedürfnisse wie Lebensmittel, Wasser und Brennstoff zum Kochen reduziert habe.

Die Schlangen an Tankstellen in Havanna, die noch beliefert werden, sind deutlich länger geworden. Seit den Einschränkungen bei venezolanischen Öllieferungen wird Benzin häufig nur noch gegen Aufpreis in Dollar verkauft – eine Währung, über die nur ein kleiner Teil der Bevölkerung verfügt.

„Früher konnte man sich registrieren und einmal im Monat Kraftstoff in Pesos kaufen“, sagt Jesús Sosa aus Havanna mit Blick auf eine mobile App, die den Zeitpunkt zum Tanken anzeigte. „Das ist jetzt nicht mehr möglich. Der Verkauf in Landeswährung wurde eingestellt.“

Ein Mann in Havanna repariert eine Uhr neben einem Bild von Che Guevara. Foto: Norlys Perez/Reuters

Bezahlen oder zu Hause bleiben

Die Krise hat sowohl den öffentlichen als auch den privaten Verkehr erfasst. Einige Buslinien sowie private Taxis wurden eingestellt, andere Anbieter sahen sich gezwungen, ihre Preise anzuheben.

Der 20-jährige Daylan Perez, der in der Altstadt von Havanna für Kunden private Taxis heranwinkt, sagt, dass die geringere Zahl an Bussen vielen Menschen kaum Alternativen lasse. „Man muss den Preis zahlen oder zu Hause bleiben.“

Selbst Fahrten mit Elektrofahrzeugen – lange als mögliche Entlastung in einer Stadt mit chronischer Treibstoffknappheit gesehen – leiden inzwischen unter den Stromausfällen, die oft acht bis zwölf Stunden dauern und teils noch länger anhalten.

Der Taxifahrer Alexander Leyet aus Havanna stieg erst kürzlich auf ein elektrisches Dreiradtaxi um, in der Erwartung, damit im Vorteil zu sein. „Aufgrund der Stromausfälle kann ich mein Taxi jetzt nur noch vier oder fünf Stunden lang aufladen“, sagt er.

Der Mechaniker Pedro Romero repariert ein Auto auf einer Straße Havannas. Foto: Norlys Perez/Reuters

Die Regierung, hervorgegangen aus der Revolution unter Fidel Castro im Jahr 1959, hat trotz wiederkehrender und teils schwerer Wirtschaftskrisen über Jahrzehnte Bestand gehabt und damit zahlreiche Prognosen über einen baldigen Zusammenbruch widerlegt.

Offiziell verwies die Führung bei vielen Problemen lange auf äußeren Druck und Destabilisierungsversuche. Gleichzeitig kam es immer wieder zu Phasen wachsender Unzufriedenheit. Die bislang größten Proteste der jüngeren Vergangenheit ereigneten sich im Pandemiejahr 2021. Zwischen 2019 und 2024 schrumpfte die kubanische Wirtschaft um rund zwölf Prozent.

Ein konsequentes Vorgehen gegen die Opposition sowie die Abwanderung von rund einer Million Menschen seit Beginn der Pandemie – bei einer für 2024 geschätzten Gesamtbevölkerung von etwa 9,75 Millionen – haben organisierte Protestbewegungen stark geschwächt. Viele Befragte wollten sich zur Möglichkeit neuer Demonstrationen nicht äußern.

Styling-Studenten trainieren auf einer Straße in Havanna. Foto: Norlys Perez/Reuters

Stromausfälle

Keiner der Befragten stellte grundsätzlich infrage, dass Reformen notwendig sind.

„Ich bete nur, dass Gott einen Weg findet, uns aus diesem Chaos herauszuholen“, sagt Mirta Trujillo, eine 71-jährige Straßenverkäuferin aus Guanabacoa nahe Havanna, und bricht in Tränen aus, als sie erzählt, dass sie sich kaum noch Lebensmittel leisten kann.

Früher war sie auf das staatliche Rationierungssystem für Grundnahrungsmittel angewiesen. Nach der Pandemie wurde es schrittweise zurückgefahren, unter anderem weil Einnahmen aus dem Tourismus sowie andere Quellen harter Währung einbrachen.

„Ich bin nicht gegen mein Land, (…) aber ich will nicht verhungern“, sagt sie.

Am Abend beobachtete ein Reporter einen Unfall an einer stark befahrenen Kreuzung in Havanna, nachdem die Ampeln infolge eines Stromausfalls ausgefallen waren.

„Manchmal kommt es zu Unfällen, wenn der Strom weg ist“, sagt Raysa Lemu, deren Wohnung auf einen Boulevard im Stadtteil Marianao blickt. „Früher wurde der Strom zwei- oder dreimal pro Woche abgeschaltet, jetzt passiert das täglich und dauert mitunter bis zu zwölf Stunden.“

Havanna: Die Verkäuferin Yaimara Ofarill bereitet sich im Dunkeln auf den Weg zur Arbeit in einer Bäckerei vor. Foto: Norlys Perez/Reuters

Julia Anita Cobas, eine 69-jährige Hausfrau aus Guanabacoa bei Havanna, steht jeden Morgen um vier Uhr auf, um eine rund 16 Kilometer lange Strecke zurückzulegen. Für ihren Hin- und Rückweg benötigt sie inzwischen fast vier Stunden. Wegen des eingeschränkten Nahverkehrs ist die Fahrt nicht nur länger, sondern auch teurer geworden.

„Ich verlasse das Haus vor Sonnenaufgang und weiß nicht, wie ich zurückkommen soll“, sagt sie. Cobas, die kurz vor der Revolution geboren wurde, fügt hinzu, sie habe ohnehin nicht erwartet, dass sich die Lage unter Trump verbessern würde. „Seit meiner Geburt bedrohen uns die Vereinigten Staaten, und wir haben jeden Tag mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber wir haben alles überstanden.“

Aimee Milanes, eine 32-jährige Bewohnerin von Reparto Eléctrico nahe Havanna, sagt, weder die kubanische noch die US-Regierung hätten ihr bislang viel Hoffnung gegeben.

„Wir gehen unter. Aber wir können nichts dagegen tun“, betont sie. „Es geht ums Überleben. Um nichts anderes.“

Menschen auf den Straßen Havannas. Foto: Norlys Perez/Reuters

(Dave Sherwood, Reuters)