Brüssel. Die Europäische Union hat ihren Gasmarkt in kurzer Zeit grundlegend umgebaut. Heute stammt ein erheblicher Teil der Importe aus den Vereinigten Staaten, während russische Lieferungen nur noch eine Nebenrolle spielen.
Die 27 Mitgliedstaaten verbrauchten 2025 rund 320 Milliarden Kubikmeter Gas. Knapp ein Viertel davon wurde in verflüssigter Form aus den USA eingeführt. Russisches Gas kam im vergangenen Jahr auf etwa 13 Prozent – 2021 waren es noch rund 150 Milliarden Kubikmeter und damit mehr als dreimal so viel.
Der alte Kontinent hat sich erfolgreich aus der Abhängigkeit von russischem Gas gelöst, strebt jedoch angesichts der angespannten Beziehungen zu Moskau eine vollständige Abkehr an. Die Mitgliedstaaten beschlossen im Januar mit qualifizierter Mehrheit, ab 2027 sämtliche LNG-Importe aus Russland zu stoppen und im Herbst auch die letzten Pipelinegaslieferungen endgültig einzustellen.
Sowohl die Slowakei als auch Ungarn hatten gegen die Verordnung gestimmt und wollen Brüssel deshalb verklagen.
Für viele osteuropäische Länder bleibt russisches Gas die günstigste Option – weniger wegen des Rohstoffs selbst als aufgrund der bestehenden Pipelines, die große Mengen kostengünstig transportieren. Zudem profitierten Teile der Region lange von ihrer Lage entlang zentraler Transitrouten nach Westeuropa.
Bei alternativen Lieferanten fallen die Transportkosten meist höher aus. Besonders betroffen sind hier Binnenländer wie die Slowakei, Ungarn, Österreich und Tschechien.
Russische Pipeline-Lieferungen wurden in den vergangenen Jahren vor allem durch amerikanisches Flüssiggas (LNG) ersetzt. Dabei entstehen zusätzliche Kosten für Verflüssigung, Transport und anschließende Regasifizierung. Branchenvertreter halten es deshalb für unrealistisch, dass die Preise wieder unter 20 Euro pro Megawattstunde fallen und dort dauerhaft bleiben – ein Niveau wie vor dem Krieg in der Ukraine.
Neue Abhängigkeiten auf dem Gasmarkt
Die Folgen eines vollständigen Stopps russischer Gaslieferungen für Osteuropa sind nur ein Teil der Herausforderung. Gleichzeitig wächst die Sorge, Europa könnte in eine neue energiepolitische Abhängigkeit geraten.
Die Vereinigten Staaten liefern inzwischen deutlich mehr Gas nach Europa als Russland, und dieser Trend dürfte anhalten. Rund 40 Milliarden Kubikmeter wegfallender russischer Lieferungen lassen sich nicht kurzfristig ersetzen. Über nennenswerte freie Exportkapazitäten verfügen derzeit vor allem die USA. Perspektivisch könnte auch Katar eine größere Rolle spielen.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission sagte US-Präsident Donald Trump bereits im Sommer zu, Europa werde jährlich amerikanische Rohstoffe im Wert von 250 Milliarden Euro kaufen. Beobachter halten dieses Ziel jedoch für schwer erreichbar. Gleichzeitig nehmen die Gasimporte aus den USA weiter zu.
Als Unsicherheitsfaktor gilt aus europäischer Sicht vor allem die schwer berechenbare Politik Washingtons. Trotz des Kompromisses im Streit um Grönland belastet die teils konfrontative Rhetorik das Vertrauen in den transatlantischen Beziehungen.
EU-Energiekommissar Dan Jørgensen bezeichnete die jüngsten Entwicklungen Ende Januar als „Weckruf“ für Europa. In vielen Mitgliedstaaten wachse die Sorge vor einer zu großen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten, weshalb verstärkt nach alternativen Bezugsquellen gesucht werde, so Jørgensen.
Neue Risiken durch alternative Lieferanten
Das in Berlin ansässige Wirtschaftsmedium bne IntelliNews schreibt, eine Energieabhängigkeit von den Vereinigten Staaten könnte sich langfristig als problematischer erweisen als die frühere Bindung an vergleichsweise günstiges russisches Gas. Begründet wird das unter anderem damit, dass Washington Energielieferungen stärker politisch einsetzen könne, ohne selbst in gleichem Maße betroffen zu sein.
Das Portal verweist zudem darauf, dass Gazprom über Jahre zugesichert habe, ein verlässlicher Energiepartner zu sein und politische Einflüsse aus dem Handel herauszuhalten. Kritiker sehen hingegen das Risiko, dass Energieexporte künftig stärker als geopolitisches Instrument genutzt werden könnten.
Ein Stopp russischer Gaslieferungen belastet nicht nur Europa, sondern auch den Kreml, der Pipeline-Mengen an neue Abnehmer umlenken muss. Der LNG-Markt gilt dagegen als flexibler: Die Vereinigten Staaten können Lieferströme relativ schnell in andere Regionen verlagern, etwa nach Asien, wo traditionell eine hohe Nachfrage besteht. Aufgrund dieser Flexibilität könnten amerikanische Lieferungen „potenziell weniger berechenbar“, so bne IntelliNews.
Richard Kvasňovský, Geschäftsführer des Slowakischen Gas- und Ölverbands, erklärte gegenüber Statement, China investiere massiv in die eigene Förderung, wodurch die Nachfrage nach LNG sinke. Für Europa sei das eine „gute Entwicklung“.
Das erste Jahr von Trumps Amtszeit liefert zahlreiche Beispiele für eine harte Verhandlungslinie – von Zolldrohungen über Debatten zum möglichen NATO-Austritt bis hin zu sicherheitspolitischen Spannungen rund um Grönland. Norwegische Analysten warnen zudem, dass Energielieferungen künftig stärker als geopolitisches Druckmittel eingesetzt werden könnten.
Suche nach neuen Gasquellen
Brüssel sucht laut dem europäischen Energiekommissar derzeit aktiv nach Möglichkeiten, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten zu verringern.
Eine Rückkehr zu russischem Gas gilt politisch als kaum durchsetzbar. Daher richtet sich der Blick verstärkt auf Anbieter wie Kanada oder Katar. Sollten russische Lieferungen vollständig entfallen und die Importe aus den USA deutlich sinken, müssten jährlich rund 70 bis 80 Milliarden Kubikmeter ersetzt werden. Marktbeobachter halten ein solches Szenario kurzfristig für schwer umsetzbar.
Katar plant, Produktion und Export von Flüssigerdgas (LNG) in den kommenden Jahren deutlich auszuweiten. Es gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass die zusätzlichen Mengen überwiegend in die Europäische Union fließen. Energieexperten warnen, eine starke Konzentration auf einzelne Lieferländer könne neue Abhängigkeiten schaffen.
Katar verschifft sein Gas über den Persischen Golf. Spannungen in der Region – insbesondere rund um Iran und die strategisch wichtige Straße von Hormus – gelten daher als potenzieller Risikofaktor für die Versorgungssicherheit.