Schwache Wachstumsaussichten: Österreich nur noch 7 Plätze vor Haiti

Die Wachstumsprognose des Internationalen Währungsfonds unterscheidet sich deutlich von den Prophezeiungen der Bundesregierung – Österreich stehen wohl vier weitere harte Jahre bevor.

Andreas Babler und Christian Stocker stehen vor großen wirtschaftspolitischen Herausforderungen. Foto: Helmut Fohringer/APA-Images/APA

Andreas Babler und Christian Stocker stehen vor großen wirtschaftspolitischen Herausforderungen. Foto: Helmut Fohringer/APA-Images/APA

Wien. Wenn die Österreicher der positiven Selbstdarstellung der Bundesregierung Glauben schenken würden, dann müsste das Land förmlich aufblühen - nach nur einem Jahr der Dreierkoalition seien alle Probleme wie von Zauberhand verschwunden: Die Inflation liege plötzlich bei zwei Prozent, und selbst die längste Rezession seit Bestehen der Zweiten Republik sei überwunden.

Leider trügt der Schein. Der Grund für die etwas geringere Teuerung ist vor allem, dass der statistische Effekt der abgelaufenen Strompreisbremse in diesem Jahr nicht mehr wirkt. Und die geringere Neuverschuldung resultiert hauptsächlich aus günstigeren Finanzierungsbedingungen sowie höheren Steuern und Abgaben.

Doch wie steht es wirklich um den vielbeschworenen Aufschwung, den die Regierung regelmäßig betont? So kündigte Kanzler Christian Stocker (ÖVP) auch in seiner jüngsten Rede an, dass 2026 das "Jahr des Aufschwung" werde. Von dem prophezeiten wirtschaftlichen Feuerwerk ist Österreich aber noch weit entfernt, wie die aktuellen Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IMF) verdeutlichen, die der bekannte liberale Wiener Thinktank Agenda Austria nun auf X veröffentlicht hat. Der Titel der aktuellen Expertise: "Haiti, wir kommen."

Wirtschaftswachstum der Nationen bis 2030 Quelle: IMF, Grafik: Agenda Austria
Das Wirtschaftswachstum der Nationen bis 2030; (Quelle: IMF, Grafik: Agenda Austria)

Bis 2030 dürften weltweit nur wenige Staaten ein noch schwächeres Wachstum aufweisen als Österreich. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für die Alpenrepublik zwischen 2025 und 2030 ein durchschnittliches reales BIP-Wachstum von lediglich 0,8 Prozent pro Jahr. Damit läge das Land auf Rang 182 von 189 untersuchten Volkswirtschaften.

Österreich würde damit direkt hinter Russland rangieren, für das der IWF ein Wachstum von 1,0 Prozent erwartet, und nur knapp vor Deutschland sowie Äquatorialguinea. Selbst Haiti, das häufig als „Failed State“ bezeichnet wird, rangiert nur wenige Plätze dahinter. Für 2025 erwartet der IWF dort sogar ein negatives Wachstum von minus 1,2 Prozent.

Die Prognosen stammen aus der Datenbank „World Economic Outlook“ (WEO) des Internationalen Währungsfonds (IWF). Sie bündelt Wachstumsdaten und Projektionen für Volkswirtschaften weltweit.

Österreich zählt laut Ranking zu den wachstumsschwächsten Volkswirtschaften Europas. Als Gründe verweisen Ökonomen unter anderem auf eine nachlassende Wettbewerbsfähigkeit, die starke Exportabhängigkeit sowie verzögerte Reformen etwa bei Digitalisierung und Energie. Während entwickelte Volkswirtschaften laut IWF im Schnitt um 1,5 bis 1,6 Prozent wachsen dürften, bleibt Österreich deutlich darunter.

Dass Österreich im Ranking nur wenige Plätze vor Haiti liegt, das als Armenhaus der Karibik gilt, erhöht den wirtschaftspolitischen Druck im Inland. Ökonomen nennen mehrere Faktoren, die das Wachstum bremsen, darunter strukturelle Standortprobleme, hohe Energie- und Arbeitskosten sowie Reformrückstände etwa bei Digitalisierung und Verwaltung. Auch die CO₂-Bepreisung steht in der Kritik, da sie laut Fachleuten die Preise erhöht und den privaten Konsum dämpft.

Experte mahnt: „Schluss mit der rosaroten Brille!“

Auch Deutschland, Österreichs engster Handelspartner, dürfte wirtschaftlich schwierigen Jahren entgegensehen: Mit einer schwachen Wachstumsprognose bis 2030 rangiert das Land auf Platz 183 – gebremst von Energieproblemen, demografischem Wandel und bürokratischen Hürden.

Im überraschenden Kontrast dazu zeigt die Ukraine trotz anhaltender Konflikte deutliches Wachstumspotenzial: Der IWF erwartet für 2025 ein reales BIP-Wachstum von 4,5 Prozent, gestützt auf milliardenschwere Wiederaufbauhilfen, Fortschritte bei der EU-Annäherung und eine robuste Landwirtschaft. Im Ranking liegt das Land damit auf Platz 61. Für den Zeitraum 2025 bis 2030 wird ein durchschnittliches Wachstum von 4,4 Prozent prognostiziert.

Wirtschaftswachstum der Nationen - Quelle: IMF, Grafik: Agenda Austria
Wirtschaftswachstum der Nationen; (Quelle: IMF, Grafik: Agenda Austria)

„Die Regierung muss aufhören, durch eine rosarote Brille zu blicken, und stattdessen dringende Reformen umsetzen“, warnt Ökonom Hanno Lorenz. „Bis zu den nächsten großen Wahlen in Österreich bleibt noch ein Jahr. Wenn wir dieses Zeitfenster nicht nutzen, um einen ausgeglichenen Haushalt und die Konkurrenzfähigkeit der heimischen Wirtschaft zu stärken, werden sich die Perspektiven bis 2030 kaum bessern.“