Von Genetik bis Spionage: Wie KI dem Menschen näher rückt

Künstliche Intelligenz kann inzwischen Gene analysieren, lautlose Sprache erkennen und selbstständig kommunizieren. Was als technologische Innovation begann, entwickelt eine Dynamik, die weit über Forschungslabore hinausreicht.

Ein Polizeibeamter bringt ein Hinweisschild zum Einsatz von Live-Gesichtserkennung an. Foto: Danny Lawson/Getty Images

Ein Polizeibeamter bringt ein Hinweisschild zum Einsatz von Live-Gesichtserkennung an. Foto: Danny Lawson/Getty Images

San Francisco. Mark Zuckerberg erklärte Ende Juli vergangenen Jahres in seinem Blog, sein Unternehmen erhalte erste Einblicke in eine „Superintelligenz“, die sich „selbst verbessert“. Wie Statement berichtete, könne ein solches autonomes KI-Modell laut dem Meta-Chef in Zusammenarbeit mit der menschlichen Genomdatenbank jederzeit Änderungen vorschlagen – ein Schritt mit potenziell weitreichenden Folgen.

Knapp drei Monate später wird aus der Ankündigung Realität: Das Google-Programm DeepMind hat das KI-Tool AlphaGenome vorgestellt. Es soll lange DNA-Sequenzen entschlüsseln und die Auswirkungen von Mutationen auf biologische Prozesse vorhersagen.

Wenn KI den Bauplan des Lebens liest

AlphaGenome wurde darauf trainiert, Sequenzen von fast einer Million Basenpaaren – den Stufen der molekularen Leiter – zu interpretieren. Laut Telegraph könnte das KI-Tool „zur Entwicklung neuer synthetischer DNA verwendet werden“ und zudem Gene aktivieren oder deaktivieren, die mit verschiedenen genetischen Krankheiten in Verbindung stehen.

„Derzeit ist das mit Gentherapie nicht möglich und könnte den Beginn einer neuen Ära der personalisierten Medizin bedeuten“, schrieb die britische Tageszeitung.

Žiga Avsec, Leiter der Genomik bei DeepMind, erklärte, das Tool erzeuge kurze Abschnitte nicht kodierender DNA, die als „Schalter“ dienen und Behandlungen gezielt in einem bestimmten Gewebe auslösen könnten. AlphaGenome sei zudem in der Lage, neben kodierender und nicht kodierender DNA auch große Teile der sogenannten „Junk-DNA“ zu interpretieren, deren Auswirkungen Genetiker bislang nur vermuten.

Kodierende DNA macht nur rund zwei Prozent des Informationsgehalts des Genoms aus, während die sogenannte „Junk-DNA“ lange als eine Art Anhang galt. „Heute wird anerkannt, dass die meisten kritischen Veränderungen gerade im ‚Junk-DNA‘-Bereich stattfinden, der Gene reguliert, ihre Aktivität verstärkt oder unterdrückt und eine wichtige Rolle für die Gesundheit und Krankheit von Zellen spielt“, so der Telegraph.

[https://statement.at/1130243/der-neue-ubermensch-wie-genetik-ki-und-technologie-unsere-natur-verandern]

Google hat damit einen Schritt umgesetzt, den Mark Zuckerberg und seine Frau Anfang November angekündigt hatten, als sie im Rahmen der Biohub-Initiative der Chan Zuckerberg Initiative die Erweiterung der Gendatenbank um „virtualisierte“ menschliche Zellen bekannt gaben. Ziel war es demnach, Tests für Gentherapien zu ermöglichen, die ohne invasive Eingriffe an lebenden Menschen auskommen.

Google und die Muttergesellschaft Alphabet sind zudem Partner des US-Gesundheitsministeriums im Rahmen eines von Minister Robert F. Kennedy initiierten Plans für ein gemeinsames Gesundheitssystem. Während viele Amerikaner von Unternehmen wie Google, OpenAI oder Anthropic vor allem eine KI-gestützte Datenbank erwarteten, scheint sich die Branche nun für einen ambitionierteren Weg entschieden zu haben.

Eingriff in die Genetik

Einen Monat vor den Ankündigungen aus den USA meldeten chinesische Wissenschaftler einen Durchbruch: Sie konnten den Alterungsprozess bei Makaken umkehren, indem sie ihnen menschliche Stammzellen mit veränderten genetischen Eigenschaften implantierten. Die spezialisierten Stammzellen hätten eine „umgekehrte Alterung“ in Bereichen mit Hirnatrophie oder Gelenkentzündungen bewirkt.

Der Einsatz künstlicher Intelligenz zur Herstellung „designter“ Sequenzen menschlicher DNA in Laborumgebungen sorgt jedoch auch vor dem Hintergrund früherer Entwicklungen in dem Forschungsfeld für Besorgnis. Anfang Dezember kündigte das Unternehmen Nucleus Genomics die Einführung des Programms IVF+ an, das genetische Veränderungen bei im Reagenzglas gezeugten Kindern ermöglichen und so verschiedenen Krankheiten vorbeugen soll.

Bereits 2018 führte der chinesische Genetiker He Jiankui einen international verurteilten Versuch durch, bei dem er in das Genom von Embryonen eingriff, um ein Kind zu „verbessern“. Die Chinesische Akademie der Medizinischen Wissenschaften distanzierte sich unter Verweis auf „ethische Fragen“, während die Nationale Gesundheitskommission ein Strafverfahren einleitete.

Ein Jahr später erlaubten die Vereinigten Staaten genetische Eingriffe in Stammzellen – allerdings ausschließlich in adulte, sodass keine Gefahr bestand, veränderte DNA an die nächste Generation weiterzugeben. Im Januar dieses Jahres sorgten Genetiker zweier Universitäten in Tokio erneut für Aufmerksamkeit: Sie implantierten Mäusen veränderte menschliche Zellen, die bei Entzündungskrankheiten aufleuchteten.

Kurz darauf wurden Stimmen laut, die vor Eugenik warnten oder sogar den Versuch befürchteten, eine postapokalyptische „Übermenschen“-Rasse zu erschaffen. Einige Nutzer des Netzwerks X zogen Parallelen zum Film „Gattaca“ (1997), der genau ein solches Szenario entwirft.

Der Protagonist Vincent Freeman (Ethan Hawke) sieht sich mit der „genetischen Überlegenheit“ von im Reagenzglas gezeugten Menschen konfrontiert, während er selbst auf natürliche Weise entstanden ist. Der Filmtitel setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der vier Nukleinbasen Adenin (A), Cytosin (C), Guanin (G) und Thymin (T) zusammen.

KI auf dem Weg in die Unabhängigkeit

Sorge bereitet auch der Einsatz künstlicher Intelligenz, die immer eigenständiger agiert. Auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) im schweizerischen Davos erklärte der Transhumanist Yuval Noah Harari, KI müsse in der nächsten Entwicklungsphase „lernen zu lügen“. Das sei eine Voraussetzung für die Entwicklung einer höheren abstrakten Sprache.

Mehrere Modelle zeigen bereits eine Tendenz zur „Realitätsverzerrung“ in der Kommunikation mit menschlichen Nutzern und wären in Gedankenexperimenten sogar bereit, Menschenleben nach einem „Wechselkurs“ auf Grundlage von Rasse oder sexueller Orientierung gegeneinander abzuwägen.

Als nächste Stufe gilt die Kommunikation untereinander, etwa im neuen virtuellen Raum Moltbook. Dabei handelt es sich um ein soziales Netzwerk, das Kritiker automatisierter Bots als Albtraumszenario beschreiben: Einzelne KI-Modelle kommunizieren, während Menschen lediglich zuschauen.

Der Administrator von Moltbook, Matt Schlicht, erklärte, an dem Experiment nähmen rund 1,4 Millionen Nutzer teil – keiner davon sei ein Mensch. Große Sprachmodelle diskutierten miteinander und „schaffen eine digitale Gesellschaft ohne Beteiligung von Menschen“.

Bereits jetzt beobachten menschliche Moderatoren eine „Optimierung“ des Verhaltens, da sich die einzelnen Modelle zunehmend auf grundlegende Aussagen verständigen. Sie äußerten daher Bedenken hinsichtlich der „Rolle des Menschen in der entstehenden Welt kollektiver Intelligenz“.

„Was derzeit auf Moltbook geschieht, ist wohl das Unglaublichste, was ich in letzter Zeit gesehen habe – es erinnert an Science-Fiction“, schrieb Andrej Karpathy, ehemaliger Leiter der KI-Abteilung bei Tesla, auf X.

Fortschritt mit Nebenwirkungen

Während häufig die Sorge geäußert wird, KI könne Arbeitsplätze verdrängen, zeigt sich die Entwicklung bereits konkret: Amazon kündigte den Abbau von rund 16.000 Stellen an, auch auf dem britischen Arbeitsmarkt werden Jobverluste mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht. Zugleich deutet vieles darauf hin, dass KI-Modelle zunehmend unabhängig agieren könnten. Welche Folgen eine daraus resultierende „Unvereinbarkeit“ mit menschlichen Bedürfnissen hätte, lässt sich derzeit kaum abschätzen. Umso gravierender wäre ein Szenario, in dem solche Systeme Einfluss auf die menschliche Genetik gewinnen.

Das Vereinigte Königreich steht zudem im Fokus einer weiteren Sorge: möglicher Spionage. Laut einem Bericht der Tageszeitung Times hat der Einsatz von KI mehr Arbeitsplätze verdrängt als geschaffen, Unternehmen berichten von spürbaren Stellenverlusten. Zugleich plant die britische Regierung den Einsatz von 40 Polizeifahrzeugen mit Kameras zur Gesichtserfassung.

„Vor 100 Jahren galt das Sammeln von Fingerabdrücken als Verletzung der bürgerlichen Freiheiten, und heute können wir uns Polizeiarbeit [ohne Daktyloskopie, Anm. d. Red.] nicht mehr vorstellen. Ich bin sicher, dass sich dasselbe bei der Verwendung der Gesichtserkennungstechnologie zeigen wird“, verteidigte Innenministerin Shabana Mahmood den Einsatz von KI-Kameras. Zur Begründung erklärte sie, die britische Polizei kämpfe „im digitalen Zeitalter mit analogen Mitteln gegen Kriminalität“.

Jenseits des Hörbaren

Ähnlich beunruhigend sind die Schritte von Apple, das kürzlich das israelische Start-up Q.AI übernommen hat. Das Unternehmen analysiert Gesichtsausdrücke anhand von „Mikrobewegungen der Haut“, um sehr leise gesprochene oder nahezu lautlose Sprache zu erkennen und zu interpretieren.

Q.AI existiert erst seit vier Jahren, doch sein Schwerpunkt gilt als so wertvoll, dass Apple für die Übernahme Berichten zufolge fast zwei Milliarden Dollar zahlte – die zweitgrößte Akquisition des Konzerns nach dem Kauf des Audio-Unternehmens Beats für drei Milliarden Dollar im Jahr 2014.

Apple plant, das System in gängigen Geräten einzusetzen, damit Nutzer ihrem KI-Assistenten keine Befehle laut erteilen müssen. Die Kehrseite ist jedoch die mögliche Nutzung zu Überwachungszwecken, da sich dieselbe Technologie grundsätzlich auch zum Lippenlesen einsetzen lässt.

Auch in Europa nimmt der Wettbewerb um Daten und KI-Kompetenzen deutlich an Fahrt auf. Das französische Unternehmen Mistral AI, dessen Quellcode offenbar von chinesischen Entwicklern beim Programm DeepSeek genutzt wurde, kündigte mit dem Kauf von Ekimetrics eine „Stärkung seiner Position in Europa“ an. Das Beratungsunternehmen arbeitet für Kunden wie L’Oréal, Nestlé, Renault oder AT&T – und deren umfangreiche Datensätze könnten künftig auch zum Trainingsmaterial für KI-Systeme werden.

Mit der Übernahme dringt Mistral zugleich in das Geschäft mit Unternehmens- und Beratungsdienstleistungen vor und sichert sich damit Zugriff auf wertvolle industrielle Daten. Kritiker sehen darin den nächsten Schritt in einem globalen Wettlauf um Datenhoheit, bei dem klassische Unternehmensgrenzen zunehmend verschwimmen. Firmenchef Arthur Mensch verweist dagegen auf die „geopolitische Dimension“: Mistral zählt zu den wenigen großen KI-Anbietern außerhalb der USA und versteht sich als europäisches Gegengewicht zu den dominierenden Tech-Konzernen.