Zeit als größtes Investitionsrisiko

Die Aktien der Magnificent Seven haben seit Anfang 2026 rund vier Prozent verloren, die Euphorie rund um künstliche Intelligenz weicht der Realität.

Hohe Investitionen großer Techkonzerne in künstliche Intelligenz stellen Anleger auf eine Geduldsprobe. Foto: Tomáš Baršváry/Midjourney

Hohe Investitionen großer Techkonzerne in künstliche Intelligenz stellen Anleger auf eine Geduldsprobe. Foto: Tomáš Baršváry/Midjourney

New York. Auf den Märkten herrscht eine Phase erhöhter Volatilität, allerdings ohne klare Richtung. Für Anleger ist ein solches Umfeld besonders gefährlich – nicht weil unklar wäre, ob sie kaufen oder verkaufen sollen, sondern weil Handelsalgorithmen zunehmend die Kontrolle übernehmen.

Mit nahezu chirurgischer Präzision überschwemmen Handelsalgorithmen die Aktienmärkte mit Kauf- und Verkaufsaufträgen, sobald Unterstützungen unterschritten oder Widerstände überwunden werden. Für normale Anleger wirkt ein derartiges Vorgehen wenig nachvollziehbar. Ein erkennbar rationaler Grund fehlt, weshalb Chartverläufe ohne bedeutende Nachrichten ständig die Richtung wechseln – und doch geschieht genau das.

Kursentwicklung der Magnificent-Seven-ETFs im vergangenen Jahr; (Quelle: TradingView)

Das Jahr 2026 hat Investoren bereits eine wichtige Lektion erteilt. Am Aktienmarkt lässt sich keine Strategie dauerhaft unverändert verfolgen. Was in der Vergangenheit funktioniert hat, muss künftig nicht zwangsläufig aufgehen.

Eine der einfachsten und zugleich sichersten Strategien im Jahr 2025 bestand darin, einen ETF zu kaufen, der in die sieben Aktien der Magnificent Seven investierte. Das brachte eine Rendite von rund 27,5 Prozent pro Jahr – fast zehn Prozentpunkte mehr als die Jahresperformance des S&P 500. Im laufenden Jahr erwies sich das Vertrauen auf den Ansatz jedoch als Fehler.

Die Aktien der Magnificent Seven zählen 2026 bislang zu den schwächsten Investments. Die Gruppe hat seit Jahresbeginn mehr als vier Prozent an Wert eingebüßt und entwickelte sich damit schlechter als der breite Markt. Aber warum?

Die veränderte Sichtweise auf künstliche Intelligenz

Der Grund liegt in der sich wandelnden Erzählung rund um künstliche Intelligenz. Die Märkte fragen nicht mehr nur, wer gewinnen wird und in welchem Maß KI dazu beitragen kann, Gewinne zu steigern und Arbeit effizienter zu machen, sondern auch, wer ihren Einzug überhaupt überstehen wird.

Die Gefahr von KI liegt weniger bei der Verdrängung einzelner Berufe als vielmehr in der Möglichkeit, dass die hohen Erwartungen enttäuscht werden und sich Investitionen erst nach sehr langer Zeit auszahlen.

Genau das spiegeln die Ergebnisse von Google wider. Die Zahlen fielen ausgesprochen stark aus: Der Quartalsgewinn je Aktie lag bei 2,82 Dollar, der Umsatz bei mehr als 113,8 Milliarden Dollar. Die Erlöse der Cloud-Sparte, in der KI eine zentrale Rolle spielt, stiegen um 48 Prozent auf 17,7 Milliarden Dollar.

Auch die operative Marge des Geschäftsbereichs legte deutlich zu und stieg von 17,5 auf 30,1 Prozent – eine bemerkenswerte Beschleunigung. Beim Google-Mutterkonzern Alphabet zeigt sich damit, dass sich Investitionen in künstliche Intelligenz bereits auszahlen.

Tatsächlich treibt künstliche Intelligenz die Zahlen des Konzerns schon jetzt deutlich nach oben. Auch die automatisch generierten KI-Antworten in der Suchmaschine scheinen eine Lösung zu sein, um die hohen Nutzerzahlen – und damit die Werbeeinnahmen – zu stabilisieren.

Die düsteren Prognosen, wonach Menschen Informationen künftig nur noch über Sprachmodelle suchen würden, haben sich somit nicht bewahrheitet. Rechnet man zudem den Erfolg von Gemini 3 hinzu, das zu Claude und ChatGPT aufschließt, wäre eigentlich ein deutlicher Kursanstieg der Google-Aktie zu erwarten gewesen. Doch genau das blieb aus: Der Kurs stagnierte.

Entwicklung des Aktienkurses von Alphabet im vergangenen Monat; (Quelle: TradingView)

Grund dafür waren vor allem die hohen Investitionskosten für künstliche Intelligenz. Die Markterwartungen gingen für das laufende Jahr von Ausgaben in Höhe von rund 115 Milliarden Dollar aus. Die Unternehmensleitung rechnet jedoch allein für 2026 mit Kosten zwischen 175 und 185 Milliarden Dollar.

Damit stellt sich die Frage, in welchem Maß das Unternehmen sein Umsatzwachstum durch künstliche Intelligenz beschleunigen kann und ob das laufende Jahr tatsächlich das letzte sein wird, in dem die Investitionen in den Ausbau von Rechenzentren ihren Höhepunkt erreichen, bevor anschließend vor allem Mittel für deren Wartung anfallen. Selbst bei einer vorsichtigen Schätzung dürfte sich die Investition daher erst nach etwa fünf Jahren amortisieren.

Optimistischere Modelle nennen bereits das Jahr 2028, doch das wäre äußerst ambitioniert. Skeptischere Schätzungen, die weiterhin plausibel erscheinen, gehen eher von acht bis zehn Jahren aus. Für heutige Investoren ist das ein kaum vorstellbarer Zeithorizont. Die Debatte über künstliche Intelligenz dürfte daher anhalten.

Ein ähnliches Szenario zeigte sich bei Amazon, allerdings mit dem Unterschied, dass die Aktie zeitweise stark unter Druck geriet. In bestimmten Phasen verlor sie sogar mehr als zehn Prozent. Der Grund war derselbe wie bei Alphabet.

Die Unternehmensleitung erhöhte die Kapitalinvestitionen für 2026 deutlich. Bislang war davon ausgegangen worden, dass Amazon rund 146,6 Milliarden Dollar investieren würde, nun rechnet das Unternehmen mit Ausgaben von etwa 200 Milliarden Dollar. Die Anhebung der Investitionen setzte die Aktie unter Druck.

An den operativen Ergebnissen änderte das wenig. Der Gewinn blieb leicht unter den Erwartungen der Analysten, insgesamt fielen die Zahlen jedoch solide aus. Der Gewinn je Aktie lag bei 1,95 Dollar und damit knapp unter den erwarteten 1,97 Dollar. Auf der anderen Seite übertrafen die Umsätze die Schätzungen: Im vierten Quartal erzielte Amazon Erlöse von 213,4 Milliarden Dollar - gegenüber erwarteten 211,4 Milliarden.

Amazon verfolgt zudem eine straffe Personalpolitik. Das Unternehmen hat bereits angekündigt, bis Oktober 2025 mehr als 30.000 Mitarbeiter zu entlassen – über zehn Prozent der gesamten Belegschaft. Hintergrund ist die stärkere Fokussierung auf profitable Geschäftsbereiche, insbesondere auf die Entwicklung von Cloud-Diensten.

Entwicklung des Aktienkurses von Amazon im vergangenen Monat; (Quelle: TradingView)

Insgesamt planen große US-Unternehmen, allein im Jahr 2026 über 700 Milliarden Dollar in Rechenzentren zu investieren. Das entspricht mehr als dem gesamten deutschen Staatshaushalt für 2026, der einen Rekordwert von 630 Milliarden Euro erreichen soll, von denen 127 Milliarden Euro für Investitionen vorgesehen sind.

Das Investitionsvolumen amerikanischer Technologieunternehmen übersteigt damit bei weitem die finanziellen Möglichkeiten des Staates.

Das Jahr 2026 zeigt, dass künstliche Intelligenz keine kurzfristige Investitionsstory ist, sondern ein langfristiger und äußerst kapitalintensiver Prozess. Dennoch erhöhen die Unternehmen ihre Ausgaben selbst in einem Umfeld komplexer wirtschaftlicher und geopolitischer Unsicherheiten weiter. Das zwingt den Markt dazu, Tempo und Realisierbarkeit der erwarteten Renditen neu zu bewerten.

Hat Bitcoin die Talsohle erreicht?

Eine gute Nachricht für Investoren in Kryptowährungen ist, dass der Rückgang von Bitcoin vorerst gestoppt wurde. Die Kryptowährung markierte zunächst einen lokalen Tiefpunkt bei 65.000 Dollar. Diese Kursmarke könnte sich als stabile Unterstützung erweisen. Hinsichtlich der weiteren Entwicklung herrscht jedoch große Unsicherheit.

Einziger Konsens ist, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen in einen Abwärtstrend eingetreten sind. Uneinigkeit besteht hingegen über dessen Dauer. Eine optimistischere Einschätzung lautet, dass die Talsohle womöglich bereits erreicht ist.

Ein Bitcoin-Kurs von rund 65.000 Dollar erscheint für viele Anleger attraktiv. Jeder Bärenmarkt verläuft anders, und der aktuelle könnte insbesondere wegen seiner vergleichsweise kurzen Dauer eine Ausnahme darstellen. Das ist möglich.

Entwicklung des Bitcoin-Preises im vergangenen Monat; (Quelle: TradingView)

Dann gibt es noch eine deutlich pessimistischere Prognose, wonach das Ende des Bärenmarktes historisch betrachtet erst im Herbst 2026 eintreten könnte. Hält der Trend noch einige Monate an, gilt ein weiterer Rückgang des Bitcoin-Kurses als wahrscheinlich.

Der Preis könnte auf bis zu 38.000 Dollar fallen, was dem durchschnittlichen prozentualen Rückgang vom historischen Höchststand (Allzeithoch, ATH) bis zum Tiefpunkt früherer Zyklen entspricht.

Ähnlich wie bei Aktien geht es also auch bei Bitcoin derzeit weniger um den exakten Tiefpunkt als um die Frage, ob Anleger bereit sind, eine längere Phase der Unsicherheit durchzustehen, die Bärenmärkte naturgemäß mit sich bringen.